Dagmar Metzger "Diese Brutalität hätte ich nicht erwartet"


In Hessen tobt wieder der Wahlkampf, aber ohne Dagmar Metzger. Die SPD-Abgeordnete, die mit ihrem "Nein!" ein Bündnis von Andrea Ypsilanti mit der Linken verhinderte, hat vorerst die Nase voll von Politik. Im stern erzählt sie, welchem Druck sie ausgesetzt war. Ein Gespräch über Gewissen, Rache, Resignation - und den Stolz auf sich selbst.
Von Dorit Kowitz und Franziska Reich

Mit Ihrem kategorischen Nein zu einer von der Linken tolerierten rot-grünen Regierung sind Sie für die einen zur aufrechten Heldin geworden, für andere zur Verräterin - wie haben Sie sich gefühlt, Frau Metzger?

Ich fand meine Entscheidung schlicht richtig und eigentlich ganz normal. Ich war eher erstaunt, wie sehr bewundert wird, dass da jemand gradlinig bleibt und sich unter Druck nicht verbiegen lässt. Lehrer berichteten mir, dass sie das erste Mal ihren Schülern anhand eines Beispiels klarmachen konnten, was ein freies Mandat ist. Die haben sich über mich als Anschauungsmaterial gefreut.

Sie haben nie geschwankt?

Nein. Warum auch? Wir haben im Wahlkampf immer wieder jedem in die Hand versprochen: niemals mit den Linken. Deswegen war ich auch so erschrocken, als Andrea Ypsilanti fünf Wochen später entschieden hat, wir gehen jetzt doch diesen Kurs.

Aber Sie haben die Hessen-SPD, die Bundes-SPD und den damaligen Vorsitzenden Kurt Beck in eine tiefe Krise gestürzt.

Ja, super, alles meine Schuld.

Etwa nicht?

Ich ziehe mir die Schuhe nicht an. Ich war nicht das Zünglein an der Waage.

Aber Ihretwegen bleibt Roland Koch nun doch im Amt.

Ich gebe zu: Das tut schon weh. Aber es zählt ja nicht nur Macht. Es geht um Rückgrat, wie wir mit Wahlversprechen umgehen.

Im Wahlkampf haben Sie auch versprochen: Koch muss weg.

Heute weiß ich: Wir hätten Roland Koch ja wegbekommen. Soweit ich es gehört habe, war die CDU nach ihren Stimmenverlusten bereit zu einer Großen Koalition ohne ihn. Nur in der SPD-Fraktionsspitze wurde diese Option komplett ausgeblendet.

Sie waren im Skiurlaub, als Ihre Entscheidung bekannt wurde. Wann brach der Wahnsinn über Sie herein?

Sofort. Als ich am Bahnhof in Darmstadt ankam, hat mich mein Schwager abgefangen: "Du kannst nicht über den Hauptausgang raus. Da stehen schon die Reporter. Bei dir zu Hause auch. Wir fahren erst mal zu den Schwiegereltern."

Hat Sie die Wucht der Reaktion überrascht?

Na klar. Wenn man als Neuling in den Landtag kommt, hat man eher die Vor stellung, man fängt mal als Hinterbänkler an und guckt, wie man zurechtkommt. Ich wusste ja gar nicht, was auf mich zukommt. Dass da alle auf einen einstürzen und man wochenlang keine Ruhe hat - ständige Telefonate, E-Mails, Körbe von Briefen, Körbe von Blumen.

Was macht für Sie den Bruch des Wahlversprechens "Nicht mit der Linken" so anders als "keine Mehrwert-Steuererhöhung"?

Steuererhöhungen sind Sachentscheidungen. Bei der Frage, sich von der Linken dulden zu lassen, wird aber etwas Grundsätzliches berührt. Die Linkspartei ist für mich eine populistische Partei. Sie ist nicht bündnisfähig. Sie steht nicht auf dem Boden unserer Verfassung. Und sie schadet der SPD.

Mit dieser Auffassung standen Sie damals allein. Warum haben Sie nicht Ihr Landtagsmandat niedergelegt?

Die Parteispitze hat das von mir immer wieder verlangt. Aber welche Verpflichtung bin ich mit diesem Mandat denn ein gegangen? Die Verpflichtung heißt, meinen Wählern treu zu bleiben und nicht gleich das Handtuch zu werfen, nur weil meine Partei das will.

Stolz?

Relativ stolz.

War es das wert?

Ich würde wieder so handeln.

Aber gehört Parteiräson nicht zwangsläufig dazu, wenn Politik handlungsfähig sein soll?

Ja, schon. Das war ja auch das Problem der anderen, die Bauchschmerzen mit dem Kurs hatten. Die haben immer gedacht: Wir wollen ja schon an die Regierung, wir wollen unsere Politik gestalten. Aber ich finde, da ist die Grenze, an der jeder Mandatsträger sein Gewissen prüfen muss.

Was dachten Sie, als Jürgen Walter, Silke Tesch und Carmen Everts einen Tag vor der entscheidenden Landtagssitzung mitteilten: Wir wählen Ypsilanti doch nicht.

Ich war überrascht. Das war schon spät. Aber die haben immer auf den Ausstieg für Helden gewartet: dass die Linke irgendetwas falsch macht und dies Konsequenzen hat. Das Dilemma mussten sie selbst lösen. Vielleicht haben sie länger dafür gebraucht, weil sie schon stärker verstrickt waren mit dem Apparat. Ich war dagegen neu und unbelastet.

Haben Sie nicht kurz gedacht: Ich stand monatelang allein, wieso kommt ihr erst jetzt um die Ecke?

Nein, ich hatte Verständnis dafür. Ich hätte mir aber vorher schon mehr Unterstützung gewünscht, zum Beispiel von Jürgen Walter. Aber der Druck auf mich, dieses Tribunal im Parteirat, als ich meine Entscheidung vor 100 Leuten rechtfertigen musste - das hat bei den anderen erheblichen Respekt erzeugt. Wenn nicht gar Angst.

Es war ein Tribunal?

Ja. Das war erschreckend.

Waren Sie überrascht, wozu Ihre Genossen fähig sind?

Ja. Die haben mit heftigsten Worten auf mich eingedroschen. Diese Brutalität hätte ich von meiner Partei nicht erwartet. Die SPD ist bekannt für Meinungsfreiheit, für kontroverse Diskussionen. Das zieht sich durch die ganze Geschichte. Und dann spüre ich, dass mir die freie Meinung und mein Gewissen abgeschnitten werden.

Passiert das nicht ständig, wenn es um Macht geht?

Aber Macht um welchen Preis? Darüber konnte man gar nicht mehr reden. Die sind nur noch über mich hergefallen.

Ihre Parteifreunde sind für Sie nur noch "die". Ist das Wir-Gefühl verschwunden?

Ich bin kritischer geworden. Auch distanzierter. Ich hatte mich eigentlich sehr darauf gefreut, die anderen Abgeordneten kennenzulernen. Aber dazu hatte ich keine Chance, weil ich sehr schnell ausgegrenzt wurde. Ich wurde freundlich gegrüßt, aber nicht mehr einbezogen. Außenseiterin eben. Daher sind Teile meiner Partei schon so ein bisschen: die da.

Dabei haben Sie sich doch mit Andrea Ypsilanti mal gut verstanden.

Während des Wahlkampfes habe ich sie oft gesehen. Wir haben viel gelacht. Ich mochte sie. Sie wirkte so authentisch.

Wann hat sich das verändert?

Sofort nach meinem Nein. Heute haben wir gar keinen Kontakt mehr. Diese Herzlichkeit, diese Lockerheit, die war wie weggeblasen.

Sie sind schuld, dass sie nicht Ministerpräsidentin geworden ist. War ihr Verhalten nicht auch verständlich?

Nur begrenzt. In vielem war sie mir nur noch fremd. Wie sie alles so schnell über Bord geworfen hat. Wie viele Fehler gemacht wurden. Und ich habe auch gedacht: Mensch, Andrea, wenn du dich ein Mal über mich erkundigt hättest, hättest du wissen können, dass ich auch gegenhalte. Aber sie hat alle Kritik einfach ausgeblendet. Sie steckte nur in ihrem Zirkel.

Und warum sitzt sie noch immer da?

Tja, warum? Das frage ich mich auch. Sie hat bisher noch keine Konsequenzen getragen. Wenn man mir vorwirft, ich würde polarisieren, gilt das für sie genauso. Eigentlich müsste sie Partei- und Fraktionsvorsitz abgeben. Und es hätte sich auch gehört, dass sie jetzt zur Landtagswahl auf einen hinteren Platz der Liste geht.

Sie hat trotzdem 82 Prozent für Listenplatz zwei bekommen.

Von denselben Delegierten, die sie immer bejubelt haben. Aber mittlerweile hört man auch in der Partei viel Kritik. Und im Wahlkreis sagen viele, sie würden nur SPD wählen, wenn Ypsilanti weg wäre.

Aber warum kämpfen Sie nicht dafür? Warum treten Sie nicht noch mal an?

Den sportlichen Ehrgeiz habe ich nicht. Was ist danach? Was wäre erreicht? In Wiesbaden Politik zu machen, das ginge mit vielen dort nicht. Irgendwann fehlt einem auch die Kraft. Es reicht jetzt.

Nach einem Jahr Politbühne verschwinden Sie wieder in Ihrem Büro in der Darmstädter Sparkasse. Freude oder Bedauern?

Beides. Einerseits ist es schön, dass die Leute einen nicht mehr nur kritisch angucken, wenn man irgendwo hinkommt. Dass man einfach wieder angelacht wird. Als ich neulich meine alten Kollegen besucht habe, war da nichts als Freude. "Das schönste Geschenk", hat ein Kollege gesagt. Andererseits habe ich manchmal auch Angst, dass mir nach der spannenden Zeit etwas fehlen könnte.

Alltag als Justiziarin statt Auftritte in Talkshows. Klingt, als hätten Sie viel verloren.

Nein, so ist es nicht. Es war schon auch sehr anstrengend. Aber natürlich gab es viele schöne Momente. Manchmal brauchte ich zum Einkaufen statt einer Stunde drei, weil die Leute mich angehalten oder zum Espresso eingeladen oder mir sogar eine Rose geschenkt haben. Neulich hielt mir eine junge Frau ihr Handy hin und sagte: Mein Papi aus Erfurt ist dran. Der bewundert Sie so!

Also doch vor allem Verlust?

Das ist nur manchmal meine Angst, vor allem bin ich erleichtert. Mein Arbeitszimmer in der Bank ist noch genau so, wie ich es verlassen habe. Mit allen Bildern an den Wänden. Das ist wie Nachhausekommen. Und ich habe wieder Zeit für all die Dinge, die liegen geblieben sind. Handwerker bestellen, ein bisschen Gartenarbeit.

Und Ihr Mann freut sich, dass Sie jetzt wieder mehr Zeit haben?

Das schon. Aber mein Mann hätte es gut gefunden, wenn ich weitergemacht hätte. Er ist ein absoluter Kämpfer.

Aber er ist sogar aus der SPD ausgetreten!

Er hat in der Nacht, in der ich entschieden habe, nicht noch mal für den Landtag zu kandidieren, gesagt: Wenn du nicht mehr Landespolitik machst, habe ich keine Vorbilder mehr in der SPD, ich will nicht mehr. Er war fast 35 Jahre lang Mitglied.

Warum bleiben Sie drin?

Weil ich noch etwas bewegen will. Ich denke, eine Partei kann sich auch wieder verändern und erneuern. Aber ich bin nicht mehr so absolut wie früher in der Aussage, dass ich mit meinem roten Parteibuch sterbe. Es ist schon etwas in der Partei eingerissen, wenn Andersdenkende resignieren oder merken, sie werden ausgegrenzt.

Wenn eine Partei Menschen wie Sie rausdrängt - ist sie dann nicht krank?

Nicht die Partei als Ganzes. Aber manche müssen sich fragen lassen, ob sie wirklich noch unsere Grundwerte achten.

Politik als Klub der Duckmäuser?

Ja, da mache ich mir schon Gedanken. Es gibt ja kaum Quereinsteiger wie mich. Viele auf der aktuellen Landesliste sind Berufspolitiker. Das ist schade. In den Parlamenten sitzen leider häufig Leute, die seit dem Studium eine Politkarriere planen.

Würden Sie aus der SPD austreten, falls die SPD im Saarland mit der Linken koaliert?

Nee, das ist deren Entscheidung. Ich war sehr stolz auf Hamburg, als Michael Naumann sich dagegen entschieden hat.

Wie soll die SPD es künftig mit der Linken halten?

Da muss ein Mitgliederentscheid her. Dann kann ich mir überlegen: Ist das noch meine Partei oder eben nicht. Etwas anderes hilft nicht.

Und kein bisschen Wahlkampf?

Nein, da nehme ich mich zurück. Mir fällt das aber nicht leicht. Politik macht ja auch Spaß. Aber meine Person polarisiert zu stark. Das wäre nicht gut - weder für mich noch für die SPD.

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