EU-Jubiläum Lebenszeichen aus dem Raumschiff Europa


In Berlin haben die Mächtigen begonnen, den 50. Geburtstag der EU zu feiern. Dabei gab es auch für den gemeinen Bürger Besonderes zu bestaunen - einen Astronauten, Professor Sauer und einen Bundespräsidenten, der für Hape Kerkeling warb. Notizen von Tag eins des EU-Jubiläums.
Von Florian Güßgen

Samstagmittag. Der Frühling ist da, die Sonne scheint, Berlin pulsiert. Im Regierungsviertel soll bis Sonntagabend die große Europa-Sause steigen. Selbst die Aussicht auf die üblichen Europa-Ist-Toll-Und-Ihr-Könnt-Alle-Blaue-Luftballons-Haben-Sonntags-Reden kann mir die Freude nicht verleiden. Überall ist Polizei. Insgesamt sollen 5000 Beamte in der Stadt sein. Das "Internationalen Pressezentrum" haben sie etwas ab vom Schuss platziert, in die Hauptstadtzentrale der "Telekom" in der Französischen Straße, direkt neben dem Auswärtigen Amt. Aber schick ist es, das Zentrum. Und gut organisiert. Genug Platz, genug zu essen. Überall Bildschirme. Und zur Begrüßung gibt's eine hellblaue Tragetasche mit dem Logo der deutschen Ratspräsidentschaft. Darin finde ich eine schmucke hellblaue Krawatte, ebenfalls mit Logo, und einen ebenso gestalteten Reise-Kaffeebecher-XXL. Toll. An den Cocktailtischen stehen deutsche EU-Korrespondenten aus Brüssel beisammen. Für sie scheint es keine Rolle zu spielen, dass der Gipfel nun in der Heimat stattfindet.

"Das ist ein toller Gipfel"

Früher Nachtmittag. Im "Adlon" tagen die Konservativen von der Europäischen Volkspartei. Auch Merkel ist da. Journalisten dürften nicht zuhören, dafür gibt's eine schriftliche Erklärung, die zuvor schon im Netz abgelegt worden war. Offenbar finden die Konservativen selbst den Text auch langweilig. Ansonsten hätten sie die zuvor anberaumte Pressekonferenz kaum gekippt. Keiner mag etwas in die Kameras sagen. Nur der CDU-Mann Hans-Gert Pöttering, Präsident des EU-Parlaments, reckt beide Daumen nach oben und schmettert in die Kameras: "Das ist ein toller Gipfel". Ein Wunder ist es freilich nicht, dass Pöttering so fröhlich ist! Er ist immer einer von dreien, die am Sonntag die Berliner Erklärung unterzeichnen - als Vertreter des Parlaments. Die zweite ist Angela Merkel, die EU-Ratsvorsitzende, der dritte ist José Manuel Barroso, der Kommissions-Chef. In den vergangenen Tagen hatten einige gemault, dass nur drei Personen die Erklärung unterzeichnen würden und nicht alle anwesenden 26 Staats- und Regierungschefs. Das hatte fast so viel Unmut erzeugt, wie die lange Geheimniskrämerei um den Inhalt der Erklärung.

Prager Schinken und EADS

Rund um das Brandenburger Tor bereiten sie am Samstag noch alles für das "Europafest" vor, das Berlin am Sonntag auf Staatsgeheiß zelebrieren soll. Überall stehen Bühnen und Zelte. In den Zelten am Pariser Platz präsentieren sich die deutschen Bundesministerin. Nach Spaß sieht das nicht aus, auch wenn unweit, nämlich im "Europahaus" gegenüber des "Adlons" die EU-Kommission das Volk mit Glücksrad und - natürlich - blauen Luftballons, erfreut. Das ist toll. Auf der anderen Seite des Brandenburger Tors, dort, wo im vergangenen Jahr Deutschlands größte WM-Fanmeile war, haben sie jetzt wieder eine große Bühne aufgebaut. Jugendliche trommeln hier auf Blechtrommeln. Kawumm. Und zu essen gibt es auch etwa. Jedes Land hat hier ein Zelt. Die Tschechen etwa, die verkaufen Prager Schinken. Direkt gegenüber dem Zelt von EADS. Was für eine Kombi.

Dr. Merkel und Professor Sauer

Wie ungewöhnlich viel man von diesem Gipfel auch als Normalmensch mitkriegt, merke ich nicht am Brandenburger Tor, sondern zu Hause. Alles wird übertragen Live. Im "ZDF". Auf "Phoenix". Schön ist das. Und so kann jeder verfolgen, wie die Kanzlerin Merkel und Professor Sauer, ihr Gatte, die 26 angereisten Staats- und Regierungschefs mitsamt Partnern am späten Nachmittag in der Berliner Philharmonie begrüßen. Eigentlich hat der Professor auf die ganze Politikkiste keine Lust. Eigentlich verweigert er sich kategorisch dem ganzen Klimbim. Aber wenn Europa 50 wird, darf offenbar selbst Professor Sauer nicht kneifen. Zur Belohnung trägt Merkel Schweinchenrosa. So gerüstet begrüßen die beiden Jacques und Bernadette, Tony und Cherie, den Tschechen Klaus und all die anderen. Die Philharmoniker, dirigiert von Sir Simon Rattle, spielen Beethoven, die Fünfte. Auch das ist richtig was fürs Volk. Kennt jeder. Kann sich jeder dran erfreuen. Zumal das Konzert live übertragen wird - und jeder live beobachten kann, wie wenig Lust Madame Chirac auf die deutsche Hymne hat, und dass Merkel patschend klatscht. Wie dereinst Helmut Kohl. Friedlich gestimmt sind jedoch alle spätestens nach dem EU-Lied, Beethovens "Ode an die Freude." Das Konzert sei eine "wunderbare Erfahrung" gewesen sagt Hans-Gert Pöttering nach der Aufführung. Aber den kann an diesem Samstag ohnehin nichts und niemand aus dem Euro-Rausch reißen.

Urlaubsbilder aus dem All

Für die Staatschefs geht es am frühen Abend ins Schloss Bellevue. Zum Dinner bei Bundespräsident Horst Köhler. Mit drei Bussen. Durch ein Fackel-Spalier des Wachbataillons marschieren die Spitzen-Europäer in das Schloss. Der Professor und die Kanzlerin laufen voran. Murmelnd. Gerne wüsste ich, was. Es folgen Jacques und Bernadette. Und Tony und Cherie. Und all die anderen. Kurios: Zum Auftakt des Abends soll Thomas Reiter, der deutsche Astronaut, einen Vortrag halten. Über seine Reise im All soll er reden, über seine Sicht auf Europa. Und Bilder zeigen, Urlaubsbilder quasi. Signale aus dem Raumschiff an das Raumschiff Europa. Die Ex-Wissenschaftlerin Merkel liebt es, Wissenschaftlern zuzuhören. Beim Fest zu ihrem 50. Geburtstag traktierte sie die Gäste mit dem Vortrag eines Hirnforschers. Von dieser Vorliebe hat sich Köhler offenbar inspirieren lassen. Aber vielleicht war das auch die Voraussetzung dafür, dass Professor Sauer überhaupt mitgekommen ist.

Bachsaibling und Kerkeling

Und so sitzen sie nun da. Und lauschen dem Astronauten. Der zeigt die Schönheiten der Erde, die Schönheiten Europas und sind ein Loblied auf die bemannte Raumfahrt. Peinlich nur, dass dessen Laptop kurzzeitig ausfällt. Sauer grinst dennoch zufrieden, andere Runzeln die Stirn, Blair sieht belustigt aus, so, als würde er denken. "Crazy, these Germans." Dennoch, trotz aller Absurdität - die Idee, Reiter vortragen zu lassen, hat etwas erfrischend Überraschendes. Und lange dauert es ja nicht, bevor es zu Tisch geht. Gereicht werden gebeizter Bachsaibling und marinierter Pumpernickel, bevor Köhler ans Pult tritt, um die Tischrede zu halten. Auch Köhler hält eine unkonventionelle, eine gute Rede. Seine Rede orientiert sich an drei Büchern deutscher Autoren, an drei Bestsellern. An Wolfgang Büschers "Berlin-Moskau", an Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" und an Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt." Die Botschaft jedes Buchs übersetzt Köhler elegant in ihrer Bedeutung für Europa, etwa dass die Wissenschaftler von Humboldt und Gauß, die Kehlmann fiktiv beschreibt, für die vernunftgeprägte Neugier stehen, die diesen Kontinent in Köhlers Augen offenbar ausmachen. So gelingt es ihm, relativ volksnah etwas über Europa zu erzählen, über das Europa, wie es ihm, dem Bundespräsidenten, wichtig ist. Nach dem Besuch in Bellevue ist der offizielle Teil dieses Samstags auch schon vorbei. Für die Bürger öffnen sich am Abend die Museen für die "Europa-Nacht der Schönheit", um elf Uhr nachts startet die "Europäische Clubnacht." In über 30 Clubs der Hauptstadt soll Europas 50. Geburtstag zelebriert werden. Dieser Samstag hat mich positiv überrascht. Es gab erfrischend wenig Sonntagsreden zu hören.


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