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Eurokrise 2012: Die Geschichte vom total zerstrittenen Euroretter-Dreamteam

Jörg Asmussen und Jens Weidmann sind seit Jahren enge Weggefährten. Ihr Ziel: den Euro sichern. Inzwischen streiten sie über den besten Weg. Alles nur ein großer Bluff im politischen Machtpoker?

Von Peter Ehrlich, Brüssel

Dies ist die Geschichte von zwei Freunden, die sich seit Studienzeiten kennen. Beide sind Familienväter, beide Mitte 40. Der eine geht samstags gern mit Frau und Kindern über den Kollwitzmarkt im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg. Wenn man Jörg Asmussen auf dem Markt sieht, kann man sicher sein, dass gerade keine geheime Euro-Krisensitzung stattfindet. Der andere heißt Jens Weidmann. Er verbringt die Wochenenden im Rheingau bei seiner Familie, wenn nicht gerade internationale Verpflichtungen rufen. Wenn sie Montag früh wieder in ihren Büros in Frankfurt sitzen, telefonieren sie oft, um sich über die neue Woche auszutauschen.

Beide haben eine gemeinsame Aufgabe. Eine der wichtigsten, die es derzeit in der Bundesrepublik, nein, in ganz Europa gibt: Sie sollen dafür sorgen, dass der Euro stabil bleibt. Nur wie? Seit einigen Wochen geraten Jens Weidmann, der Präsident der Bundesbank, und Jörg Asmussen als Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB) immer häufiger aneinander. Besonders bei der zentralen Frage des geplanten Ankaufs von Staatsanleihen der südlichen Krisenstaaten durch die EZB.

Kein Dementi der Bundesbank

Das sei "wie eine Droge", wettert Weidmann. Einmal angefangen, könne man nicht mehr aufhören. Er sieht dadurch die Stabilität der Währung gefährdet. Asmussen kontert, stellt sich hinter seinen Präsidenten Mario Draghi. Die EZB handele "innerhalb ihres Mandats" und wolle nur dafür sorgen, dass ihre Geldpolitik auch funktioniere.

Aus den Freunden sind Feinde geworden. So scheint es zumindest. Der Streit eskalierte so weit, dass Weidmann überlegt haben soll, seinen Job zu schmeißen. Mit Rücktritt habe er gedroht. Das meldete die "Bild". Ein energisches Dementi der Bundesbank blieb am Freitag aus.

Stimmt die Drohung also? Es wäre nicht der erste Rücktritt, der auf einen Riss zwischen Bundesbank und EZB zurückgeht. Schon Weidmanns Vorgänger Axel Weber war zurückgetreten, weil die EZB seiner Meinung nach hehre Stabilitätsprinzipien verletzt habe. Aus dem gleichen Grund verließ auch Jürgen Stark die EZB, dessen Amt Asmussen übernahm.

Die Macher im Hintergrund

Showdown ist an diesem Donnerstag. Dann wird der EZB-Rat über die Bedingungen für weitere Staatsanleihekäufe abstimmen. Die Fronten sind verhärtet. Asmussen und Weidmann werden wohl gegeneinander stimmen. Ist das das Ende der Freundschaft, wie "Bild" bereits spekulierte? "Wir reden miteinander, nicht übereinander", wehrt Asmussen ab.

Zusammen waren sie ein erfolgreiches Team, bewältigten große Herausforderungen. Der parteilose Weidmann war wirtschaftspolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Sozialdemokrat Asmussen bis Ende 2011 Staatssekretär im Finanzministerium. Als Spitzenbeamte waren sie bei unzähligen Noteinsätzen dabei - erst zur Finanz-, dann zur Euro-Krise. Ihr Wort hatte Gewicht, sie waren mächtig. Der deutsche Rettungsfonds Soffin ist ihr Kind. Ein Dream-Team. Sie waren die Macher im Hintergrund. Auch wenn sie am Ende das ausführten, was die Kanzlerin wollte.

Schon damals waren beide nicht immer einer Meinung, wie bei der Zwangsverstaatlichung von Banken. Doch das blieb unter der Decke. Manchmal mussten sie unterschiedlicher Meinung sein, etwa wenn Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble nicht das Gleiche wollten. "So funktionieren Ministerialbürokratien", hat Asmussen diese Art von kontrolliertem Streit beschrieben.

Nicht mehr nur die Strippenzieher im Hintergrund

Diese Kunst beherrschen beide immer noch. Deshalb glauben Insider in Frankfurt und Berlin auch nicht an einen Bruch. Vielmehr sehen sie in den unterschiedlichen Auftritten eher ein raffiniertes Rollenspiel auf hohem Niveau. "Weidmann und Asmussen spielen sich gegenseitig den währungspolitischen Ball zu. Das Ganze beruht zu etwa einem Drittel auf Improvisation, zu einem Drittel auf politischer Raffinesse und zu einem weiteren Drittel auf echten Gegensätzen in der individuellen Interessenlage und der Selbstwahrnehmung", sagt David Marsh, Autor des Standardwerks "Der Euro".

Der Unterschied zu damals: Heute stehen die beiden im Mittelpunkt, sind nicht mehr nur die Strippenzieher im Hintergrund. Sie sind die Gesichter eines fast drei Jahren dauernden Zerrens über die Verteidigung der Währung - und sie vertreten zwei völlig verschiedene Standpunkte. Zumindest auf den ersten Blick.

Da ist auf der einen Seite die Bundesbank, in deren oberen Rängen viele Hardliner sitzen, die die deutsche Position vertreten. Sie werten die Euro-Rettungsaktionen der letzten Jahre als Verstoß gegen Verträge und Prinzipien. Auf der anderen Seite stehen die Vertreter der "Südländer" in der EZB, die auf die US-Notenbank Fed schielen und deren großzügige Geldpolitik kopieren wollen. Sie wollen, dass die Zinsen auf Staatsanleihen in Spanien und Italien sinken, um den Regierungen das Leben zu erleichtern.

"Lösungen innerhalb der Währungsunion

In diesem Konfliktfeld befinden sich Weidmann und Asmussen. Beide müssen für ihre Institutionen das beste Ergebnis herausholen. Weidmann setzt auf öffentlichen Druck, Asmussen versucht zusammen mit anderen, die Vorstöße der Südschiene einzudämmen, indem er öffentlich Bedingungen formuliert. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, hat für beide Seiten Verständnis. "Die Bundesbank hat die Aufgabe, so viele Instrumente ihrer erfolgreichen Tradition zu wahren wie möglich. Genau das tut Weidmann." Asmussen dagegen bemühe sich um "Lösungen innerhalb der Währungsunion".

Weidmann stehe stark unter Druck seiner Mitarbeiter und Vorgänger, glaubt der SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider, dabei sei die Bundesbank "teils verstockt". Weidmann wolle als "Unabhängigkeitspapst" dem früheren Bundesbankchef Helmut Schlesinger ähnlich sein, vermutet Bankenkenner Marsh. Asmussen dagegen hat sich schon bei seiner Anhörung im Europaparlament vor dem Wechsel zur EZB geschickt vom Vorgänger Jürgen Stark distanziert: Er sei Pragmatiker, auch wenn das in Deutschland "im Zusammenhang mit der Geldpolitik nicht unbedingt ein positiv besetzter Begriff" sei.

Rücktritt wäre ein "Desaster"

Mit den unterschiedlichen Positionen der beiden kann die Bundesregierung offenbar gut leben. Im Kanzleramt wie im Finanzministerium wird energisch bestritten, dass es mit einem der beiden Streit gebe. "Beide waren bei uns Top-Leute. Jeder hat jetzt seine Rolle. Beide machen ihre Sache sehr gut", heißt es in der Umgebung der Kanzlerin. Als sie Weidmann im Frühjahr 2011 in Richtung Bundesbank verabschiedete, lobte Merkel seinen "brillanten Intellekt" und seinen "unabhängigen Kopf". Sie konnte also nicht erwarten, dass er sie weiter als Chefin sieht. Noch jede Bundesregierung hat sich mit der Bundesbank gezofft, etwa über den Vorwurf mangelnden Sparwillens und lahmer Reformen, den auch Weidmann schon geäußert hat. "Es gehört dazu, dass man sich mal ärgert", sagen sie im Kanzleramt.

Würde Weidmann tatsächlich zurücktreten, wäre das ein "Desaster", meint SPD-Mann Schneider, "wer will dann noch Präsident werden?" Einer, der mit Weidmann in der Regierung zusammengearbeitet hat, hält ein solches Szenario allerdings für ausgeschlossen: "Weidmann blufft." Und selbst einer von Weidmanns Vorgängern glaubt, dass der Bundesbankchef durch beharrliches Werben im EZB-Rat mehr erreichen könnte als durch einen Rücktritt. Die Rücktritte von Weber und Stark hätten "keinen nachhaltigen Einfluss gehabt", sagte Ex-Bundesbank-Chef Helmut Schlesinger der "FAZ". Er sei überzeugt, dass Weidmann ausharren werde.

EZB geht über ihr Mandat hinaus

Auch in der Regierung heißt es, der Ökonom kenne durch seine Arbeit in Berlin die Politik und ihre Spielräume viel besser als sein Vorgänger Weber. In Berlin und bei der EZB ist man sich sicher, dass die Bundesbank gegen die Marktankaufprogramme oder die "dicke Bertha", wie EZB-Chef Mario Draghi unter Anspielung auf eine deutsche Kanone aus dem Ersten Weltkrieg seine Langfristfinanzierung für die Banken nannte, nicht ihrerseits mit dem Leopard-Panzer vorgehen wird. Denn die ultimative Waffe der Bundesbank wäre eine Klage gegen die EZB vor dem Europäischen Gerichtshof. Schließlich deutet Weidmann immer wieder an, dass die EZB über ihr Mandat der Sicherung der Geldwertstabilität hinausgeht.

"Das werden sie nicht tun", heißt es in Berlin und Frankfurt aber einhellig zur möglichen Klagedrohung. Es wäre nicht nur eine einmalige Kriegserklärung innerhalb des zur guten Zusammenarbeit verpflichteten Eurosystems, die Notenbanker würden sich auch in die Hand von Richtern begeben, und das ist so etwa das Letzte, was die stolze Kaste der Zentralbanker sich vorstellen kann.

Solange sich der Showdown nur in Interviews und Reden abspielt, kann Merkel von der harten Linie Weidmanns und der etwas flexibleren Asmussens gleichzeitig profitieren. Im ARD-Sommerinterview nach Weidmann gefragt, stellt sie sich hinter den Bundesbankchef und lobt seine Beiträge. In Brüssel oder beim Besuch in Kanada unterstützt sie Draghi - und damit Asmussen. "Am Ende hat jeder seinen Platz in Merkels Spiel", sagt ein Beobachter aus der SPD.

FTD