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EZB plant Käufe von Staatsanleihen Mille Grazie, Mario!


Seine Finanzpolitik würde EZB-Chef Mario Draghi gerne im Bundestag erklären. stern-Reporter Andreas Hoffmann hat sie für uns schon mal unter die Lupe genommen. Und ist begeistert.

Geht's Ihnen nicht auch so? Man redet über die Truppe von Jogi Löw, den April-Sommer und spätestens nach zehn Minuten zwängt sich der Euro in die Unterhaltung. Er spukt durch alle Köpfe. Jeder denkt: Was passiert mit dem Sparbuch, der Lebensversicherung, dem Geld fürs Alter - wenn die Währung zerfällt. Und wie sicher ist der Job, wenn dann noch die Wirtschaft abschmiert.

Ich bin jetzt 50. Meine Generation hat nie Zusammenbrüche oder Kriege erlebt wie unsere Väter oder Großväter. Es ging immer aufwärts, aber wer weiß wie lange? Ein Ende des Euro würde Deutschland ziemlich alt aussehen lassen. Diese Furcht treibt uns um.

Der Run aufs Konto

Bei mir hat die Angst nachgelassen, und zwar wegen eines Italieners. Er heißt Mario Draghi und leitet die Europäische Zentralbank (EZB), also jene Institution, die über den Euro wacht. Der Mann versucht etwas, was unsere Bundeskanzlerin früher erfolgreich vorgeführt hat. Er blufft. Bei Angela Merkel hat es funktioniert. Und bei Draghi vielleicht auch. Vor vier Jahren stellte sich die Kanzlerin zusammen mit dem damaligen Finanzminister Peer Steinbrück vor die Kameras und sagte: "Die Spareinlagen sind sicher." Damals war die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Pleite gegangen und erst nach und nach stellte sich heraus, wie riskant die Banker gearbeitet hatten.

Die ganze Welt bekam über Nacht einen Schrecken und stellte das Wirtschaften ein. In Deutschland hoben die Menschen viel Geld von ihren Konten ab, so dass sich die Fachleute von der Bundesbank bei Merkel und Steinbrück meldeten. Die beiden blufften dann.

Bluff Merkel, Bluff Draghi

Die Bundesregierung hätte niemals alle Sparguthaben bezahlen können. Das hätte über 4,5 Billionen Euro gekostet, und das Geld hatte die Kanzlerin nicht. Unser Staat hat zwei Billionen Schulden. Aber damals rechnete keiner genau nach. Die Menschen trugen ihr Geld zurück auf die Bank. Heute versucht Mario Draghi Merkel zu imitieren. Er will den Euro mit allen Mitteln verteidigen, sagt er. Unbegrenzt will er Staatsanleihen kaufen, damit den Krisenländern nicht das Geld ausgeht. Als ich mir das Vorhaben anschaute, fiel mir die Parallele zum Jahr 2008 an. Er kann seinen Worten gar nicht so leicht Taten folgen lassen. Aber seine Worte haben eine solche Wucht entfaltet, dass der Bluff glücken könnte.

Der Markt ist neurotisch

Aber was bringt es, wenn die EZB Staatsanleihen kauft?

Mit Anleihen holen sich die Staaten Geld. Sie geben einen Schuldschein aus und versprechen dem Käufer: In fünf Jahren bekommst Du die Summe plus fünf Prozent Zinsen zurück. Das ist der Deal. In dieser Zeit kann viel passieren, weil die Papiere gehandelt werden. Sind sie beispielsweise begehrt, steigt ihr Wert von vielleicht 100 auf 110 Euro. Gleichzeitig sinkt dafür der Zins. Weil stets die gleiche Summe zurückgezahlt wird, ist bei einem höheren Kurswert weniger Zins nötig. Das Auf- und Ab von Kurs und Zins ist die Normalität, weswegen Staatsanleihen lang als öde Geldanlage galten. Seit der Eurokrise ist nichts mehr normal. Die Besitzer der Papiere, also Banken, Versicherer, staatliche Geldverwalter aus Norwegen oder China trauen einigen Euroländer nicht mehr. Sie wollen deren Anleihen verkaufen. Die Papiere überschwemmen die Märkte, was deren Kurse sinken und die Zinsen steigen lässt. Das aber macht die Anleger noch nervöser, jeder grübelt: Wie lange wird das Land die Zinsen zahlen können? Wann braucht es Hilfe?

Und weil die Stimmung auf den Finanzmärkte einer leicht übertragbaren Grippe ähnelt, steckt jeder jeden mit Angst an. Es wird verkauft, verkauft, verkauft. Die Zinsen der Krisenländer steigen. Der Markt ist neurotisch.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, unter welchen Bedigungen die EZB Staatsanleihen kauft - und ob die Furcht davor begründet ist

Die Angst der Deutschen

In dieser Lage will Draghi den Märkten die Angst nehmen. Er sagt: Egal, was passiert, die EZB kauft immer Staatsanleihen. Ihr Anleger müsst Euch nicht sorgen. Ihr könnt die Anleihen behalten oder verkaufen, aber ihr findet stets einen Abnehmer: die EZB. Tatsächlich haben diese Worte im Ausland für Ruhe gesorgt. Italien und Spanien müssen weniger Zinsen zahlen, und selbst Irland konnte billiger Anleihen verkaufen. Aber Draghi hat auch Ängste geschürt. In Deutschland. Hierzulande fürchten viele Experten den Untergang. Weil die EZB unbegrenzt Staatsanleihen kauft und dafür Euros hergibt. Sie sehen eine Geldflut das Land überschwemmen. Am Ende sitzt die EZB auf Unmengen fauler Papiere, und wir Deutsche zahlen die Zeche.

Kein Euro ohne Konditionen

Ich habe mich gefragt, ob Kritiker und Befürworter nicht einen wichtigen Punkt übersehen. Die EZB kann gar nicht einfach Staatsanleihen kaufen. Bevor sie irgendein Papier erwirbt, müssen die Parlamente in 17 Eurostaaten grünes Licht geben. Das liegt daran, dass die Notenbank nur einspringen will, wenn ein Land bei den Rettungsschirmen EFSF und ESM um Hilfe bittet. Ein solches Land muss oft harte Regeln akzeptieren. Es muss bei Arbeitnehmern und Rentnern sparen, seine Wirtschaft umbauen. Es muss zulassen, dass die Experten von EZB, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds ("Troika") regelmäßig die Reformen überprüfen. Ja, das Land muss damit rechnen von den internationalen Rating-Agenturen abgewertet zu werden. Hilfe zu beantragen gilt als Schwäche. Staatsanleihen verlieren so noch mehr an Wert, das Land erhält schlechter Geld.

Erst wenn ein Land diesen Bettel-Gang antritt, und wenn 17 Parlamente die Hilfen genehmigt haben, kann die EZB eingreifen. Wohlgemerkt: Sie kann. Sie muss nicht. Die EZB agiert in dieser Frage unabhängig. Das hat Draghi bekräftigt.

Nur Sinn kennt die Zukunft

Es ist der perfekte Bluff. Die Deutschen befürchten den Untergang, das Ausland erwartet die Rettung und tatsächlich passiert nichts. Ich hätte nicht gedacht, dass diese List gelingt, weil die Auflagen doch so hart sind. Aber kaum einer scheint sie zu beachten. Dafür bewegen Draghis Worte die Märkte. Die Zinsen für die Krisenländer sinken. Der EZB-Chef hat Merkels Bluff mit den Sparbüchern meisterlich kopiert.

Natürlich weiß keiner, ob die Täuschung anhält. Ob die EZB nicht eingreifen muss und zu viele Lasten anhäuft. Ob gar Inflation droht. Aber wer kann schon die Zukunft vorhersagen, auch wenn Ökonomen wie Hans-Werner Sinn den Eindruck erwecken.

Einer handelt: die Notenbank

Die Erfahrung spricht eher gegen die Befürchtungen. Seit 2008, dem Beginn der Finanzkrise, überschwemmen die Notenbanken die Märkte mit Geld, ohne dass die Preise kräftig gestiegen sind. In Großbritannien, Japan und den USA kaufen die Währungshüter schon lange Anleihen des eigenen Landes auf, ohne das dies zu großen Problemen geführt hat. Eher hat es die fiebrigen Märkte beruhigt. In unsicherer Zeit gibt es einen der handelt: die Notenbank. Und Draghi hat gezeigt: In Euroland ist das er. Ganz nebenbei hat er den Deutschen ihre Grenzen aufgezeigt. Europa ist eben nicht, wenn wir alles bestimmen und der Rest von Europa mitmarschieren soll. Draghi stärkt so das Selbstbewusstsein der Südländer, die es nötig haben. Ich habe auch nichts dagegen, wenn wir eins auf den Deckel bekommen. Das kühlt unseren Übermut ab. Viele hierzulande haben vergessen, dass unser Land vor gar nicht langer Zeit als kranker Mann Europas mit zu vielen Arbeitslosen und teurem Sozialstaat galt. Stattdessen predigen sie einen neuen Wilhelminismus. Doch deutsche Großmannsucht hat dem Kontinent noch nie gut getan.

Nicht weitersagen

Ich hoffe, dass Draghis Bluff noch etwas hält. Am besten vergessen Sie, was Sie in den letzten Minuten gelesen haben. Oder wenn das nicht geht: Psst, sagen Sie es nicht weiter. Wir wollen die Märkte nicht aufwecken. Nur eines muss ich loswerden: Mario, mille Grazie.

Von Andreas Hoffmann

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