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FAS-Interview Politiker, mal ganz privat


Sind Politiker nicht irgendwie alle gleich? Nein, sie unterscheiden sich sogar total: Über Heimweh-Frauen, Charmeverweigerer und warum bei den Brüderles ein Dackel an der Wand hängt.
Von Katharina Grimm

Nein, die Musik im Auto reißt Rainer Brüderle, FDP-Spitzenkandidat, nicht auf. Er sitze ja selten allein darin. Aber wenn dann im Radio "Angie" von den Rolling Stones läuft – ja, da müsse er schon schmunzeln. Und wenn er nicht mehr weiterkommt, dann holt er sich Rat bei einem großen Theologen: Luthers Tischreden findet er wahnsinnig inspirierend. "Armut ist in der Stadt groß, aber die Faulheit viel größer", schrieb Martin Luther.

Angie und Luther? Wer hätte das gedacht. Eigentlich stehen Politiker im Ruf, sich kaum voneinander zu unterscheiden - immer dieselben dunklen Anzüge, immer dieselben ausweichenden Phrasen. Die Sonntagsausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zeigt, dass dieses Klischee nicht stimmt. Sie hat Top-Politikern einen Bogen mit jeweils 30 Fragen zugestellt, Fragen zu ihrem Alltag, zu ihrem Lifestyle, zu ihren privaten Einstellungen. Und die Antworten sind: mal rührend, mal erschreckend ahnungslos, gelegentlich clever und oft unfreiwillig komisch.

So zirkeln die Antworten der Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) meist um Bayern. Oder die bayerische Lebensart. Oder die Musik aus dem Freistaat. Wichtig ist Bayern. So würde sie "Skifoan" bei einem Karaoke-Abend trällern oder "Skandal um Rosi" im Auto voll aufdrehen, ein Song der Münchener Spider Murphy Gang. Und einen Arbeitstitel für eine mögliche Autobiographie hat sie auch schon: "Unter Bayern in Niederbayern". Das versteht wohl nur, wer in Bayern geboren ist und allenfalls aus Karrieregründen mal kurz in der Hauptstadt war. Aigner hat jedenfalls schon vergangenes Jahr mitgeteilt, dass sie nicht wieder für den Bundestag kandidiert, sondern politisch nun ihre süddeutsche Heimat aufrollen will.

Grobkörnige Antworten

Dass nicht nur der Inhalt der Antworten zählt, sondern der Ton die Musik macht, belegt Bernd Lucke, Chef der AfD. Mürrisch wortkarg, einsilbig-polternd zuckelt er sich durch die Fragen. Nein, es gebe keinen Film, der ihn so aufgewühlt habe, dass er dachte, er müsste sofort sein Leben ändern, so Lucke. "Ich heiße ja nicht Claudia Roth." Nein, er gucke auch kein Fernsehen, nein, Schwärmerei zähle nicht zu seinen Wesenszügen, nein, für Mode interessiere er sich auch nicht. Und nein, ein Lieblingsgedicht habe er auch nicht. "Lieblingsdinge hatte ich als Sechsjähriger. Heute finde ich die Frage infantil", sagt Lucke. Nein, nein, nein. Ein Charme-Verweigerer.

Ähnlich grobkörnig gibt sich Steinbrück. Wenn er mal nicht weiter wüsste, dann nehme er den Brockhaus zur Hand. Bis auf zwei Ausnahmen sei er immer bis zum Schluss im Theater sitzen geblieben, selbst wenn das Stück langweilig sei. Und er würde versuchen, mit "Hänschen klein" beim Karaoke-Singen punkten. Die blutleeren Antworten führen sofort zum Abzug von Sympathiepunkten - und überhaupt: Kann Steinbrück Fragen auch mal im ganzen Satz beantworten? Sein Antwort-Stakkato erinnert an den Truppenübungsplatz, kurz und zackig.

Lieblingsfarbe und Linux-Entwickler

Andere beherrschen das Spiel besser. Ursula von der Leyen (CDU) plaudert aus dem Alltag: Dass der Tag, an dem man keine Möbel mehr bei Ikea kaufe, bei sieben Kindern wohl nie kommen werde. SPD-Frontfrau Andrea Nahles gibt bekannt, dass sie erst begann, sich für Mode zu interessieren, seit sie Kleidergröße 40 trägt – und dass sie mal für Daniel Day-Lewis geschwärmt habe. Die Piratin Katharina Nocum steht eher auf Whistleblower und Linux-Entwickler. Man erfährt, dass bei Rainer Brüderle das Dackel-Motiv von Picasso über dem Sofa hängt und er gerne blaue Hemden trägt – das sei seine Lieblingsfarbe. Und Gregor Gysi verehrte mal Brigitte Bardot und outet sich als Mode-Ahnungsloser.

Apropos ahnungslos. Zwar antworten Steinbrück und Lucke hölzern – allerdings ließe sich das auch als cool und unnahbar definieren. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will das Gegenteil sein und scheitert kläglich. Welche Fragen bei "Wer wird Millionär" für ihn schwieriger seien, die ersten oder die letzten? Ramsauer antwortet mit der Gegenfrage: "Wie heißt die Sendung?" Und welchen Karaoke-Song er zum Besten geben würde, quittiert er so: "Ist das so etwas wie Karate?"

Nur die Kanzlerin sucht der Leser vergebens. Sie hat anscheinend keinen Fragebogen bekommen oder wollte nicht mitmachen. Schade eigentlich – welchen Song sie wohl beim Karaoke anstimmen würde?


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