HOME

Nach Eklat in Thüringen: "Packt ihr jetzt ein?" – zu Besuch am Wahlkampfstand der FDP

Nach dem Thüringen-Desaster kämpft die FDP in Hamburg gegen den Untergang bei der Bürgerschaftswahl in gut zwei Wochen. Ortstermin am Wahlkampfstand der Liberalen in Eppendorf.

Der stellvertretende FDP-Landesvorsitzende Ron Schumacher

Der stellvertretende FDP-Landesvorsitzende Ron Schumacher in Hamburg-Eppendorf am Infostand seiner Partei für die Bürgerschaftswahl

stern

"Faschisten", "Nazis", "AfDP" – als sich Ron Schumacher am Donnerstag aufmachte in die Hamburger Kälte, da wusste er schon, was so alles auf FDP-Plakate für die Bürgerschaftswahl in gut zwei Wochen geschmiert wird. Denn als stellvertretender Landesvorsitzender ist er auch für den Online-Wahlkampf zuständig, und im Netz hatte sich gleich nach der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen ein orkanartiger Shitstorm entladen. Nun also das echte Leben. Er griff sich die frischen Plakate, zog los; und als er dann eines der alten abriss, fragte ihn ein Passant: "Packt ihr jetzt ein?"

Harte Tage für die FDP-Wahlkämpfer in Hamburg

Es sind harte Tage für die FDP. Gut möglich, dass sie am 23. Februar aus der Hamburger Bürgerschaft fliegt. Aber das ist nicht das einzige Problem. Seit sich der FDP-Mann Thomas Kemmerich in Erfurt mit den Stimmen der AfD hat wählen lassen, zeigt sich, dass es einiges zu klären gibt im bürgerlichen Lager.

"Christian Lindner hat sich nicht mit Ruhm bekleckert", sagt Schumacher am Samstag an einem Infostand im sehr bürgerlichen Hamburg-Eppendorf. Schneller hätte alles gehen müssen. Eigentlich hätte Kemmerich, der erst unter Lindners so spätem wie heftigem Druck seinen Amtsverzicht ankündigte, die Wahl erst gar nicht annehmen dürfen. Aber, versichert Schumacher: "Lindner ist weiter der richtige Vorsitzende."

Zumindest die zweite Erkenntnis ist an diesem kühlen Samstag nicht ganz unumstritten: Ein älterer Mann schimpft über eine"nationale Moralfront", in die sich Lindner und die FDP jetzt eingereiht hätten. Die CDU, die SPD, die Grünen, die Linken – alles eine einzige Front. Und die FDP mache jetzt auch mit. So sieht er das. Nein, seinen Namen sagt er nicht. Zitieren lässt er sich nicht. Aber er kennt das als ehemaliger DDR-Bürger von früher. 

Eine Zahnärztin, seit Jahrzehnten mit eigener Praxis, kann nicht erkennen, was an Kemmerichs Wahl auszusetzen sei. Die AfD hätte nun mal die Mandate, da komme man nicht dran vorbei, dass sie auch einen Teil der Macht besäße. Im Übrigen werde ihr die Partei oft von Patienten ans Herz gelegt; ausnahmslos seien das gebildete Leute, alles Akademiker.

Wahlplakat der Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels

Wahlplakat der Hamburger FDP mit der Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels und aufgesprühtem AfD-Schriftzug

stern

Ron Schumacher friert. 43 Jahre alt ist er, Jurist aus der Rechtsabteilung der Uniklinik. Ihm tut es weh, wenn er oder seine FDP als Nazis beschimpft werden. Es empört ihn. Es regt ihn auf. Er findet es unfassbar ungerecht, absurd, verrückt. Aber er zuckt auch, wenn FDP-Sympathisanten den AfD-Rechtsausleger Björn Höcke als ganz normalen Abgeordneten behandeln, gegen dessen Stimme nichts einzuwenden sei. Sein Gesicht, von der Kälte gerötet, wird deutlich wärmer, als eine Frau sagt, was die FDP ihrer Meinung nach zu tun hat: Die Leute ernst nehmen und nicht beschimpfen, die aus Frust AfD wählen. Aber: Kein Fußbreit den Faschisten.

"Man sollte Ihnen eine Tapferkeitsmedaille verleihen"

Alle, die an der Ecke Eppendorfer Landstraße/Kümmelstraße bei Schumacher anhalten, sind mutmaßlich für die sofortige und vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags. Und den Erhalt der privaten Krankenversicherung. Und die Reform der Unternehmenssteuern. Aber wie mit der AfD umgehen? Das scheint auch nach Kemmerichs Rückzugsankündigung nicht so eindeutig. 

Irgendwann steht Schumacher ganz allein am Stand. Ohnehin will niemand über Hamburg sprechen. Ein junger Typ mit Bart steigt vom Rad: "Man sollte Ihnen eine Tapferkeitsmedaille verleihen", sagt er. Die FDP finde er eigentlich nicht so toll. Aber hier jetzt zu stehen? Respekt. Da lächelt Ron Schumacher wie auf dem Wahlplakat. Und der Wähler, zumindest dieser eine, lächelt zurück.