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Finaler Bericht der Uni Bayreuth: Guttenberg rührt seine Richter

Die Uni Bayreuth hat ihren Guttenberg-Bericht vorgestellt. Es ist ein vernichtendes Urteil über den CSU-Mann - auch wenn sich die Kommission von ihm "menschlich gerührt" sieht.

Von Florian Güßgen

Es ist ein 42-seitiges vernichtendes Urteil über die akademische, aber auch die moralische Integrität von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg: der Bericht der "Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft" der Universität Bayreuth zu den Plagiatsvorwürfen gegen den CSU-Mann. Er wurde am Mittwoch vorgelegt und erläutert ausführlich, warum die Kommission Guttenberg vorwirft, beim Verfassen seiner Dissertation vorsätzlich getäuscht zu haben, und warum es sich bei der Arbeit in weiten Teilen um ein Plagiat handelt.

Das Papier dokumentiert aber auch - und das ist neu - wie Guttenberg sein Verhalten gerechtfertigt hat. Demnach wies er noch in einem Schreiben Ende April an die Kommission auf die Belastungen an, unter denen er gestanden habe, beruflich und wissenschaftlich. Er habe das Projekt Dissertation dennoch zwingend erfolgreich beenden wollen, um damit auch die Erwartungen seiner Familie zu erfüllen und den Doktorvater Peter Häberle nicht zu enttäuschen, wird Guttenberg in dem Bericht zitiert. "Eine Schwäche wollte ich mir nicht eingestehen", heißt es.

"Menschlich anrührende" Erklärung

In einer Pressekonferenz am Mittwochmittag in Bayreuth wies der Kommissionsvorsitzende Stephan Rixen darauf hin, dass das Gremium die Erklärung Guttenbergs als "menschlich rührend" empfunden habe, dass es sie ernst genommen habe, aber dass Guttenberg damit die Täuschungsabsicht nicht habe verdecken können. "Die Kommission vermag nicht nachzuvollziehen, dass jemand, der über Jahre Quellen für seine Dissertation bearbeitet, derart in einen Zustand der Dauervergesslichkeit gerät, dass ihm die allerorten in seiner Arbeit nachweisbaren Falschangaben vollständig aus dem Bewusstsein geraten", heißt es in dem Bericht. "Diese objektiv bestehenden Täuschungen durchziehen die Arbeit als werkprägendes Bearbeitungsmuster." Guttenberg hatte die Gelegenheit nicht genutzt, sich mündlich vor der Kommission zu rechtfertigen. Auf eine detaillierte Liste mit Fragen zu konkreten Stellen in der Dissertation ging Guttenberg laut Bericht in zwei schriftlichen Stellungnahmen ebenfalls nicht ein. Laut Universitätspräsident Rüdiger Bormann haben Guttenbergs Anwälte das Papier am Mittwochmorgen erhalten. Eine Reaktion habe es noch nicht gegeben, sagte Bormann.

In ihrem Bericht spricht die Kommission zudem Doktorvater Peter Häberle vom Vorwurf frei, eine Mitverantwortung an dem Plagiat zu tragen. "Auch die Gutachter wurden getäuscht", heißt es in dem Bericht. Häberle und auch Zweitkorrektor Streinz hätten weder von den Missetaten Guttenbergs gewusst, noch daran mitgearbeitet - auch hätten sie nicht grob fährlässig gehandelt. Stilbrüche seien bei der Lektüre der Arbeit nicht zwingend erkennbar gewesen. Allerdings moniert die Kommission vorsichtig, dass Häberle durchaus die Expertisen des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags hätte anfordern können, aus denen Guttenberg zitierte - und aus denen er, wie man heute weiß, fast eins zu eins abschrieb. Es hätte "nahegelegen", diese Dokumente einzusehen. Zudem kritisiert die Kommission, die Benotung Guttenbergs mit der Bestnote "summa cum laude" sei nur schwer nachvollziehbar. Häberle und Streinz waren von der Kommission zu ihrer Betreuungsarbeit befragt worden - durchaus hart, wie der Kommissionsvorsitzende Rixen betonte. In Häberles Gutachten, das dem Bericht als Anhang beiliegt, kann man übrigens bestens nachlesen, wie begeistert der Professor seinerzeit von der Dissertation seines Zöglings war. "Die Bewertung der Arbeit fällt denkbar positiv aus", heißt es dort.

"Behutsamer Einsatz von Plagiatssoftware"

In dem Bericht gibt die Kommission überdies noch eine Reihe von Empfehlungen für eine verbesserte und engmaschigere Betreuung von Doktoranden. Zwar handele es sich bei dem Fall Guttenberg nicht um einen "Fall Bayreuth", heißt es in dem Bericht. Auch gebe es keine "generellen Defizite" in der Promotionsordnung der Universität Bayreuth. Gleichwohl empfehle man der Universität fakultätsübergreifende Maßnahmen. Dazu gehören unter anderem die Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung des Doktoranden anstelle einer nur ehrenwörtlichen Erklärung sowie der "behutsame Einsatz von Plagiatssoftware."

Der Münchner Jura-Professor und Plagiatsexperte Volker Rieble lobt den Bericht. "Das ist solide Arbeit", sagte Rieble stern.de. Es sei bestmöglich belegt worden, dass Guttenberg beim Verfassen der Dissertation absichtlich getäuscht habe. "Das ist alles sauber herausgearbeitet." Gleichzeitig nahm Rieble die Kommissionsmitglieder gegenüber Kritik in Schutz, sie hätten Häberle und Streinz zu schonend behandelt. "Die Kommissionsmitglieder haben der Versuchung widerstanden, Häberle und Streinz in die Pfanne zu hauen - das wäre ein Leichtes gewesen", sagte der Professor, der an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität einen Lehrstuhl für Arbeitsrecht und Bürgerliches Recht innehat und auch ein Buch über wissenschaftliche Plagiate geschrieben hat. "Es kann jedem Doktorvater passieren, dass er ein Plagiat nicht bemerkt. Die Verantwortung für die Doktorarbeit liegt ausschließlich beim Autor. Häberle ist mehr Opfer als Täter", sagte Rieble. Er sagte jedoch auch, dass Häberle, auch wenn ihm keine direkten Fehler nachgewiesen werden könnten, für Versäumnisse mit akademischem Ansehensverlust bestraft werde. "Häberle bezahlt seinen Fehler mit Reputationsverlust."

Die Abrechnung der Akademiker

Die Vorstellung des Berichts markiert den vorläufigen Schlusspunkt der akademischen Aufarbeitung der Guttenberg-Affäre. Den politischen Tribut für die Affäre hat der CSU-Politiker mit seinem Rücktritt von allen Ämtern bereits gezahlt, offen sind noch die juristischen Konsequenzen. Seit Februar hat die vierköpfige Kommission die Dissertation des Ex-Verteidigungsministers auf wissenschaftliche Mängel untersucht. Am vergangenen Freitag war per Pressemeldung bereits verkündet worden, dass das Gremium Guttenberg "vorsätzliche Täuschung" bescheinigt. Kritik gab es daraufhin von allen Seiten. Ein ehemaliger Vizepräsident der Universität warf der Universitätsführung vor, mit der Verurteilung Guttenbergs zu weit zu gehen und die Fürsorgepflicht gegenüber einem ehemaligen Studenten zu verletzen. Andere kritisierten die Kommission, Doktorvater Peter Häberle, Zweitkorrektor Rudolf Streinz sowie die Fehler des Betreuungssystems an sich zu schonend behandelt zu haben. Guttenberg war bereits am 23. Februar der Doktortitel aberkannt worden. Anfang März war er vom Amt des Verteidigungsministers zurückgetreten - und hatte in der Folge sämtliche politischen Ämter aufgegeben. Öffentliche Auftritte hat es von dem gefallenen Politstar - abgesehen von einem kurzen Facebook-Auftritt - auch keine mehr gegeben.

Die Staatsanwaltschaft Hof prüft derzeit die Einleitung eines Strafverfahren gegen Guttenberg wegen der Verletzung des Urheberrechts. Die Ergebnisse des Berichts der akademischen Selbstkontrollkommission sollen in die Ermittlungen einfließen, heißt es. "Das ist eine externe Informationsquelle", sagte der Hofe Oberstaatsanwalt Reiner Laib stern.de. Aber natürlich ermittelten die Staatsanwälte Tatsachen auch unabhängig von der Bayreuther Universität. Frühestens im Sommer wolle man einen Zwischenbericht vorlegen. Ein Verfahren kann eröffnet werden, wenn ein Strafantrag eines Betroffenen vorliegt, also von einem Autor, von dem Guttenberg möglicherweise abgeschrieben hat, oder wenn ein öffentliches Interesse besteht. Einem Bericht von "WeltOnline" vom Dienstag zufolge liegt den Staatsanwälten die Strafanzeige eines Guttenbergopfers vor. Dazu wollte sich Laib gegenüber stern.de jedoch nicht äußern. Sollte der Freiherr verurteilt werden, droht ihm theoretisch eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe. Die Höhe der Geldstrafe hängt auch vom Einkommen eines Verurteilten ab - bei Guttenberg könnte sie wohl in den fünfstelligen Bereich gehen.

"Das ist im Prinzip vorbei"

In den vergangenen Tagen war vereinzelt immer wieder über ein politisches Comeback Guttenbergs diskutiert worden. Parteifreund Norbert Geis hatte das etwa nach einer gewissen Karenzzeit nicht ausgeschlossen. Dagegen hatte Meinungsforscher Manfred Güllner der "Mitteldeutschen Zeitung" gesagt, er könne sich eine Rückkehr Guttenbergs nicht vorstellen. "Denn das eine ist das Urteil, das andere ist die Frage, wie er damit umgegangen ist", sagte der Forsa-Chef. Thomas Goppel, Ex-Wissenschaftsminister in Bayern und ebenfalls ein Parteifreund Guttenbergs, äußerte sich am Mittwoch im "Deutschlandfunk" ebenfalls skeptisch. "Das ist im Prinzip vorbei", sagte Goppel. "Ich glaube allen Ernstes, dass man in einer solchen Geschichte mit einem solchen Ergebnis mit solchen Vorgaben nicht davon reden kann, dass man morgen in der Politik wiederkommt."

"Man muss die Kirche im Dorf lassen"

Über den Umgang der Universität mit der Affäre gab es auch schon vor der Vorstellung des Berichts geteilte Meinungen. Matthias Kleiner, Präsident der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), zeigte sich mit der Art der akademischen Selbstreinigung schon vor der Veröffentlichung des vollständigen Berichts am Mittwoch zufrieden. Die Arbeit der Kommission habe unter Beweis gestellt, "dass das Prinzip Selbstkontrolle in der Wissenschaft funktioniert", sagte er laut DPA. Die Universität Bayreuth habe die Vorwürfe konsequent verfolgt. "Das Ergebnis bezieht sich auf anerkannte Regeln guter wissenschaftlicher Arbeit." Alles andere wäre auch eine schlechte Botschaft an die vielen jungen Menschen, die redlich an ihrer Promotion arbeiteten, sagte Kleiner. Auch hier vertritt der Ex-Wissenschaftsminister aus Bayern eine kritischere Haltung. "Dass die Universität Bayreuth sich selbst reinwäscht, halte ich nicht für gut", sagte Goppel im "Deutschlandfunk". Guttenbergs Doktorvater trage eine Mitverantwortung. "Ein Doktorvater, der summa cum laude vergibt, und die eigenen Textstellen nicht einmal sieht, die da angeblich auch dabei sind, ist jemand, der im Betreuen des Doktoranden nicht genau genug und konkret genug gewesen ist."

Plagiatsexperte Rieble warnte trotz seines Lobs für die Bayreuther Universität vor schwer wiegenden Folgen der öffentlichen Diskussion um die Plagiatsaffäre Guttenberg für das Ansehen wissenschaftlicher Arbeit. Zwar sei es zwingend geboten, Plagiatsfälle aufzudecken und akademisch zu ahnden. Aber die Affäre Guttenberg habe von wichtigeren Probleme des wissenschaftlichen Betriebs abgelenkt. "Dieses Volk hat ein Bedürfnis nach ritueller Abstrafung", sagte Rieble stern.de. "Die Sensationsgeilheit hat alle Doktoranden beschädigt. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Ein Professor, der ein Buch von einem Assistenten schreiben lässt und seinen Namen darüber setzt, ist für die Wissenschaft viel schlimmer als alle Plagiate", sagte Rieble.