HOME

Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger: "Guttenberg nicht, Henkel als Mentor"

Die Freien Wähler wollen jetzt bundesweit angreifen. Helfen soll dabei Ex-BDI-Präsident Henkel. stern.de sprach mit dem Bundesvorsitzenden Hubert Aiwanger über die Aussichten, Großspenden in der Politik und Guttenberg.

Herr Aiwanger, Sie sind ein leidenschaftlicher Jäger – wem wollen Sie denn 2013 die Stimmen abjagen?
In erster Linie Schwarz-Gelb. Gerade bei der FDP wird viel Wählerpotenzial frei, das wir abgreifen wollen. Aber wir möchten auch Nichtwähler für uns gewinnen, selbst im linken Lager sehen wir Potenzial. Die Freien Wähler werden immer präsenter, wir werden als bürgerliche Alternative wahrgenommen.

Aber Ihnen dürfte der rasante Aufstieg der Piraten Sorge bereiten, oder?
Ich kann die Piraten offen gesagt noch nicht wirklich einschätzen. Ohne Zweifel ziehen sie die Unzufriedenen an, gerade bei den jungen Wählern wird das eine sportliche Herausforderung für uns. Tendenziell glaube ich aber, dass sich da die Grünen mehr Sorgen machen müssen.

Glauben Sie denn wirklich, dass Sie 2013 in den Bundestag einziehen können?
Die Chance ist da. Wenn es 2013 nicht klappen sollte, dann eben 2017. Wir bringen den langen Atem mit.

Oder ein bekanntes Gesicht: Nächste Woche geben Sie mit dem ehemaligen BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel eine Pressekonferenz: Wird er Ihr Zugpferd für die nächste Bundestagswahl?
Das wird dann der Wahlkampf zeigen. Herr Henkel wird wohl kaum Spitzenkandidat der Freien Wähler, ich will ihn auch nicht drängen, dass er bei uns mitmacht. Henkel könnte in Zukunft eher eine Art geistiger Mentor für uns sein. Wovon ich ausgehe: Bei der Pressekonferenz wird Henkel sicher seine Enttäuschung über die FDP äußern und betonen, dass wir neue politische Kräfte brauchen. Da kommen die Freien Wähler ins Spiel.

Ein ähnliches Experiment der Freien Wähler mit der ehemaligen CSU-Landrätin Gabriele Pauli ist grandios gescheitert. Haben Sie keine Angst, sich wieder die Finger zu verbrennen?
Das kann man wirklich nicht vergleichen: Hans-Olaf Henkel ist eine ganz andere Nummer als Frau Pauli, seriös und angesehen.

Aber Henkel gilt als Wendehals: Erst für den Euro, heute dagegen.
Eine Wandlung vom Saulus zum Paulus. Im Ernst: Henkel ist in der Wirtschaftsszene immer noch eine große Nummer, er genießt außerdem eine bundesweite Medienaufmerksamkeit.

Die gerade aber eher negativ ausfällt.
Ich glaube, Herr Henkel soll gerade gezielt beschädigt werden, um die schwarz-gelbe Koalition zu schützen. Gewisse Kreise wittern Gefahr, wenn einer wie Henkel fremdgeht.

Andere Namen haben Sie ja schon abgelehnt: Wollen Sie Guttenberg wirklich nicht bei den Freien Wählern sehen?
Da bleibt es bei einem definitiven Nein. Die Frage ist aber fiktiv; er hat auch nicht gefragt.

Gilt das auch für Sarrazin oder Merz?
Ja. Sarrazin würden wir ebenfalls nicht wollen, und Merz will nicht in die Politik zurück. Natürlich wären politische Schwergewichte gut, um im Bund leichter die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken. Aber am Ende schaden wir uns selbst, wenn die falschen Leute bei den Freien Wählern aktiv sind. Aber weil Sie so hartnäckig fragen: Ich werde Paul Kirchhof kontaktieren – der würde mit seinem vereinfachten Steuerkonzept gut zu uns passen.

Wirtschaft und Finanzen – sind das die Kernthemen der Freien Wähler?
Wichtig auf alle Fälle. Grundsätzlich setzen wir auf ein Politikmodell der Bürgernähe. Die Bürger sollen mehr entscheiden können! Wieso sollen nicht der Bundespräsident und der Kanzler direkt vom Volk gewählt werden können? Wir brauchen viel mehr direkte Demokratie. Uns als Freie Wähler zeichnet zudem aus, dass wir kommunalpolitisch sehr erfahren sind, aber eben noch nicht verbraucht. Und wir sind unabhängig: Die Freien Wähler nehmen keine Großspenden von Konzernen an und wollen dieses Spendenunwesen an die Politik bundesweit verbieten.

Und die Freien Wähler gelten als sehr euroskeptisch. Wollen Sie den Euro abschaffen?
Nicht, wenn er zu halten ist. Ich werfe Merkel & Co. vor, den Euro zu ruinieren und andere Länder auszupressen. Ohne den Euro wäre es zum Beispiel gar nicht möglich, so einen Druck auf Griechenland auszuüben. Für mich ist das eine andere Form von Kolonialismus.

Deutliche Worte – so kennen Sie die Menschen in Bayern. Aber kann ein Hubert Aiwanger mit seinem starken Dialekt auch im Norden punkten? Sie betonen ja immer, dass Ihnen die bayerische Basis wichtig ist.
Ich als Person bin ja nicht so wichtig. Die Freien Wähler werden da punkten, wo es ihnen gelingt, die exzellenten Kräfte aus den Kommunen zu bündeln und die Öffentlichkeit zu erreichen. Wir dürfen keine Angst haben – in Baden-Württemberg zum Beispiel wollten viele Freie Wähler Schwarz-Gelb nicht gefährden und haben deshalb selbst nicht für den Landtag kandidiert: Wir sehen ja, was rausgekommen ist.

Sie wollen doch selbst Schwarz-Gelb in Bayern ablösen, oder?
Schwarz-Gelb soll nicht weiterregieren können, das ist unser Ziel. Die CSU hat jahrelang auf uns eingeprügelt. In einer Regierung mit der SPD und den Grünen wären wir das konservative Gewissen, aber es gibt keine Vorfestlegung.

Aber Sie schließen eine Koalition mit der CSU nicht aus?
Nein, das kann ich heute nicht ausschließen. Ein Bündnis halte ich aber für schwierig, solange die CSU so abfällig mit uns umgeht.

Welche Schlagzeile würden Sie denn dann 2013 lieber lesen: "Koalition von CSU und Freien Wählern in Bayern" oder "Aiwanger stürzt Seehofer"?
Aiwanger stürzt Seehofer.

Aber Sie sind doch quasi eine "CSU light"? Oder eine Art schwarz-gelber Misch-Masch?
Ich kenne diese Vorurteile, so wurden wir in Bayern früher oft beschrieben. Aber ich kann Ihnen versichern: Wir haben den Abnabelungsprozess von der CSU vollzogen. Die Freien Wähler verstehen sich als liberal-wertkonservative Kraft: Bürgerlich-freiheitliches Denken ist uns wichtig – die FDP ist doch total zur Lobbyistenpartei verkommen. Und wir wollen die Lebensgrundlagen sichern und uns um die Bürger kümmern – die CSU hat doch längst ihre Werte verraten. Die Freien Wähler praktizieren eine Politik für die kleinen Leute und bleiben unabhängig.

Abschließend: Was wird denn aus ihren hehren Anliegen – mehr Bürgernähe, weniger Lobbyismus – wenn Sie irgendwann im Bundestag sitzen?
Ich weiß, dass Politikerversprechen oft belächelt werden. Aber eines kann ich versprechen: Aus den Freien Wählern wird keine „FDP-2“ – da verzichten wir dann im Zweifel lieber auf den Einzug in den Bundestag.

Das Interview führte Sebastian Kemnitzer / print