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Gauck und Klarsfeld Willkommen im 20. Jahrhundert!


Die Wahl des Bundespräsidenten setzt uns in eine Zeitmaschine. Gauck und Klarsfeld, das ist DDR und alte BRD. Dagegen war Wulff richtig modern.
Von Lutz Kinkel

Sie zollen sich gegenseitig Respekt. Joachim Gauck lobt Beate Klarsfeld für ihr Engagement gegen Altnazis in der BRD. Beate Klarsfeld lobt Joachim Gauck für sein Engagement für Bürgerrechte in der DDR. Ihre Wege hatten sich schon mal gekreuzt. Im Januar 2010, als im Willy-Brandt-Haus, der Berliner SPD-Zentrale, eine Dokumentation über Klarsfelds Jagd nach Klaus Barbie gezeigt wurde, dem "Schlächter von Lyon". Gauck hielt das Grußwort. Da gab es die alte BRD und die DDR schon längst nicht mehr.

Zwei Menschen, zwei Missionen, zwei Spiegelungen des 20. Jahrhunderts. Beide hatten auf ihre Weise mit den deutschen Diktaturen gekämpft, beide ihre politische Haltung daran gebildet. Nun stehen sie sich gegenüber. Am Sonntag, in der Bundesversammlung. Die Linke hat Klarsfeld für das Amt des Bundespräsidenten nominiert; CDU, FDP, SPD und Grüne favorisieren Gauck. Wer das Rennen machen wird, ist eine Frage, die RTL bei den SMS-Gewinnspielen im Mittagsmagazin stellen könnte.

Über sich selbst reden

Klarsfeld, 73, die Journalistin, stellte sich vor rund zwei Wochen in der Bundespressekonferenz vor. Es war, kurz gesagt, ein bizarrer Auftritt. Gregor Gysi, der direkt neben ihr saß, musste viele Fragen aus dem Publikum wiederholen, weil Klarsfeld sie akustisch nicht richtig verstanden hatte. Sie nahm sie aber auch inhaltlich kaum zur Kenntnis. Jedwede Neugier, wie sie die deutsche Innenpolitik sieht, welche Themen sie im Amt zu setzen gedenkt, was sie mit den Linken verbindet, perlten an Klarsfeld ab. Dafür machte sie drei Dinge deutlich. Erstens: Ich habe mein Leben lang Altnazis gejagt und bin dafür berühmt. Zweitens: Die Bundesrepublik schuldet mir eine Anerkennung dafür. Drittens: Es ist mir ziemlich wurscht, welche Partei mich nominiert. In ihrer Wahlheimat Frankreich, räumte Klarsfeld unumwunden ein, unterstütze sie Nicolas Sarkozy, den Kandidaten der Konservativen. Gysi, Klaus Ernst und Gesine Lötzsch lächelten gequält.

Joachim Gauck, der Pfarrer, spricht auch sehr gerne über sich selbst, aber er generiert aus seiner Biografie mehr als den Wunsch nach Anerkennung. Gaucks Thema ist die Freiheit, die Möglichkeit, selbstbestimmt leben zu können und eine politische Wahl zu haben. Er kann davon so eindrucksvoll erzählen, dass seinen Zuhörern Tränen in die Augen steigen. Weil sie sich plötzlich wieder darüber bewusst werden, dass das, was sie als selbstverständlich erachten, ein funkelnder Schatz ist. Gauck ermuntert die Menschen, sich zu entfalten, sich zu engagieren, Verantwortung zu übernehmen. Er brennt für diesen Gedanken, lichterloh, weil die DDR die Individuen eingemauert hat.

Wulffs moderne Luxussucht

Klarsfeld blickt nur zurück, auf ihre unbestreitbaren Verdienste. Sie hat den Kanzler Kurt-Georg Kiesiger 1968 wegen dessen Nazi-Vergangenheit öffentlich geohrfeigt und damit das bleierne Schweigen der Nachkriegsgesellschaft aufgebrochen. Gauck blickt nicht nur zurück, aber er zieht aus der Vergangenheit ein Lebensthema, das alles andere zu Nebensächlichkeiten degradiert. Was ist mit der Eurokrise, was ist mit Afghanistan, was ist mit der Digitalisierung der Gesellschaft, was mit dem Auseinanderdriften von Arm und Reich? Freiheit allein ist keine hinreichende Antwort, und deswegen kann Freiheit allein auch nicht das Thema seiner Präsidentschaft sein.

Christian Wulff war, verglichen mit Klarsfeld und Gauck, ein Mann des 21. Jahrhunderts. Ein verhältnismäßig junger, gutaussehender Karrieretyp, Patchworkfamilie, Frau mit Tattoo, alles sehr diesseitig und normal, auch in seiner egomanischen Luxussucht und Schnäppchenjägerei, die so viele angeekelt hat, weil sie kein Vorbild sondern ein Abbild sahen. Mit Gauck und Klarsfeld kehrt das Deutschland vor Wulff zurück, von Schlachten geprägt, die lange geschlagen sind. Für Historiker beginnt das 20. Jahrhundert mit der Revolution in Russland 1917 und endet mit der Öffnung des Ostblocks 1989, es ist das Zeitalter der Ideologien, der Extreme, und es ist vorbei.

Vorbild Helmut Schmidt

Es ist Gauck und uns zu wünschen, dass er seine Präsidentschaft nutzen wird, um mit seiner gewachsenen Autorität Antworten auf die Aktualität zu geben. Dass er nicht verharrt und verwaltet, sondern sich in das neue Jahrhundert streckt. Helmut Schmidt, das hat eine Umfrage für den stern gezeigt, ist der Liebling der Deutschen. In ihm ist die Standfestigkeit von gestern ebenso zu erkennen wie die Neugier auf das Heute. Ein bisschen Schmidt könnte Schloss Bellevue nicht schaden. Und ein Bundesverdienstkreuz für Klarsfeld sollte auch drin sein. Sie sucht die Anerkennung, sie soll sie gerne haben. Gauck will mehr - und wir von ihm.


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