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Demos für Flüchtlinge Ein paar Böller und "I-love-Germany-Rufe"


Nach einer Demo in Dresden haben sich hunderte Demonstranten spontan nach Heidenau aufgemacht. Dort feierten sie eine Party mit den Flüchtlingen. Auf dem Heimweg ging es dann aggressiver zu.
Von Samuel Rieth, Dresden und Heidenau

Eigentlich wollten sie heute nicht nach Heidenau. Dort waren sie gestern, um die Flüchtlinge mit einem Fest willkommen zu heißen. Samstag soll Dresden dran sein, nicht zum Feiern, sondern zum Demonstrieren. Mit einer Handvoll Leute geht es los, sie stehen vor dem Hauptbahnhof in der Sonne. Und mit jeder Minute werden es mehr, Gruppen aus Berlin trudeln ein, aus Hamburg, aus Leipzig, Jena und natürlich von hier, aus der sächsischen Landeshauptstadt. Um drei Uhr nachmittags sind sie rund 5000 Menschen stark und marschieren los. Aus Solidarität mit den Flüchtlingen, aber eben nicht nur mit denen in Heidenau 14 S-Bahn-Minuten entfernt.

Aufgerufen zum Protest haben dieselben Aktivisten, die schon am Vortag das Willkommensfest organisiert haben: ein Antifa-Bündnis von "Dresden Nazifrei" und "Interventionistische Linke", und das hört man auch. "Kapitalismus ist ein Grund zum Flüchten", sagt einer der Redner. Besonders Angela Merkels Partei kommt nicht gut weg. "Was will ich und was willst du? Das Verbot der CDU!", rufen Demonstranten im Chor. Auch beliebt: "Mord, Folter, Deportation: Das ist deutsche Tradition" und "Nie wieder Deutschland!"

Unter blauem Himmel marschieren die Demonstranten durch Dresden, am Rathaus vorbei, am Polizeipräsidium, über die Augustusbrücke, vorbei an Anwohnern und Eis essenden Teenagern. Zwei Fahrzeuge mit Lautsprechern haben sie dabei und einen Wagen mit kaltem Tee. Eine Gegendemo gibt es nicht, nur ab und an steht eine Gruppe Leute am Straßenrand, Rechte in den Augen der Demonstranten. Sie werden angebrüllt, mit "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!" zum Beispiel, aber zu Gewalt kommt es nicht.

Spontan-Party in einer "Scheiß-Region"

Auch ein Lastwagen mit Musikanlage und Lautsprechern fährt von Dresden nach Heidenau. Es ist, als hätte das Willkommensfest am Tag zuvor nie aufgehört. Nur findet die Spontanparty diesmal nicht auf einem Parkplatz und einer Wiese statt, sondern direkt auf der Straße neben dem Flüchtlingsheim. Viele Flüchtlinge tanzen auf der Straße, manche tragen ihre Kinder auf den Schultern. Sie wissen, dass auf eben dieser Straße vor einer Woche Rechtsradikale Böller, Steine und Flaschen geworfen haben. Auf Polizisten zwar, aber sie wissen auch, dass der Hass eigentlich ihnen galt. Und vielleicht lässt sie dieses Wissen umso ausgelassener tanzen.

Lange bleiben die Besucher nicht, viele müssen den letzten Zug zurück nach Dresden erwischen. Die Flüchtlinge lassen sie nur ungern gehen und bedanken sich, mit Applaus, mit Händeschütteln, mit "I love Germany!"-Rufen.

Einige vermummen sich

Auf dem Weg zum Bahnhof ist die Stimmung wie ausgewechselt. Demo- statt Partymodus: Die Sprechchöre werden aggressiver, einige Demonstranten vermummen sich. Heidenau gleicht jetzt einer Geisterstadt. Die Fenster in der Güterbahnhofstraße sind so schwarz wie die Kleider derer, die vorbeimarschieren. Doch in den Schatten sind Gesichter zu erkennen, die das Treiben genau beobachten. Nur eine Gruppe Anwohner bleibt an einer Ausfahrt stehen. Sofort trifft sie der Hass der Demonstranten. "Schämt euch! Schämt euch!", schallt es ihnen entgegen, dann: "Nazischweine!" Vermummte gehen auf die Heidenauern zu, als wollten sie sich bei der ideologischen Umerziehung nicht auf Worte beschränken. Doch besonnenere Genossen können sie zurückhalten. In Zug und Bussen fahren sie davon.

In Heidenau gelten seit gestern wieder dieselben Freiheiten wie im Rest der Republik. Dennoch ist der Krieg zwischen Links und Rechts dort wieder ein kalter geblieben. Später, die Antifa ist längst weg, knallt ab und an ein Böller. Ein Baby schreit hinter dem Bauzaun um das Flüchtlingsheim. Doch ansonsten bleibt die Nacht ruhig.


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