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Hoeneß-Interview in der "Zeit" "Ich habe Riesenmist gebaut"


Die Bürger sind entsetzt, die Union schwächelt: Alles wegen der Steueraffäre Hoeneß. Nun redet der Bayern-Präsident selbst. Über seine Zockerei, das Adrenalin - und die "Hölle", in der er nun lebt.

Die Vorwürfe gegen Uli Hoeneß wiegen schwer. Viele Einzelheiten seiner Steuerhinterziehung wurden in den vergangenen Tagen bekannt. Noch mehr Spekulationen stehen im Raum. Der Bayern-Präsident schwieg, warnte Journalisten stattdessen vor allzu umfangreicher Berichterstattung. Jetzt brach der 61-Jährige sein Schweigen. In einem ausführlichen Interview in der "Zeit" sprach er über seine Spielsucht und seine Gefühlslage. Mit markigen Worten - so wie man Hoeneß kennt - aber auch verzweifelt.

Dass seine Selbstanzeige öffentlich wurde, hat den Bayern-Präsidenten überrascht. "Es gab bislang Tausende von Selbstanzeigen, ich hatte noch von keiner gehört, die öffentlich wurde", sagte Hoeneß. Er sei davon ausgegangen, dass er keine Strafverfolgung zu befürchten habe. Den Gedanken an eine mögliche Gefängnisstrafe will er nicht zulassen. Als am 20. März morgens um 7 Uhr ("Ich war im Bademantel") die Staatsanwaltschaft vor seinem Haus am Tegernsee stand, habe sich sein Leben geändert. "Da begann die Hölle für mich."

Pures Adrenalin

Allerdings lebte der Bayern Präsident schon viel länger in einer Abwärtsspirale, wie in dem Interview deutlich wird. Nur sah er sie nicht als solche. Er zockte in den Jahren 2002 bis 2006 leidenschaftlich gern, spekulierte mit Unsummen an der Börse. Tag und Nacht. Ein Kredit des früheren Adidas-Chefs Robert-Louis Dreyfus hat den Einstieg in die Spielhölle 2001 überhaupt erst möglich gemacht. Zwar habe er schon davor an der Börse gehandelt, jedoch nur "mal 50.000 Dollar, das war es". Kaufen und Verkaufen im großen Stil bestimmte über Jahre hinweg sein Leben. "Das war der Kick, das pure Adrenalin."

Als spielsüchtig hätte sich Hoeneß dennoch zu keinem Zeitpunkt bezeichnet. "Ich halte mich nicht für krank. Sollte ich vor Gericht müssen, erscheine ich dort nicht als kranker Mann. Ein paar Jahre lang war ich wohl nah dran. Aber inzwischen halte ich mich für kuriert." Den Ausstieg schaffte er, weil er hohe Verluste machte. Nach der Finanzkrise 2008 sei es in den Keller gegangen. "Ich war richtig klamm." Außerdem sei er auch nicht mehr so wie früher auf der ständigen Suche nach dem großen Kick.

Bleibt Bayern-Präsident - vorerst

Mit dem FC Bayern sollen seine Zockerei nicht verknüpft werden. Der Dreyfuß-Kredit sei ausschließlich privater Natur gewesen. "Es war immer klar, das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes." Andere, nicht geklärte Konten habe er nicht. Damit widerspricht Hoeneß einem stern-Artikel, der einen Zusammenhang zwischen einem Nummernkonto bei der Züricher Bank Vontobel und dem Bayern-Präsidenten für wahrscheinlich erscheinen lässt.

Über seine Zukunft als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern München will Hoeneß nicht jetzt entscheiden. Einen Rücktritt vor dem Champions League-Finale schließt er aber aus. "In so einer Situation ist man natürlich leicht geneigt, emotional zu reagieren. Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Person dem Verein schadet, werde ich Konsequenzen ziehen. Andererseits steht der Verein sportlich und wirtschaftlich so gut da wie nie zuvor - und daran habe ich auch einen großen Anteil. Auf keinen Fall werde ich vor dem Finale der Champions League zurücktreten."

Hoeneß rechnet nicht damit, dass er auf der für kommenden Montag anberaumten Aufsichtsratssitzung gedrängt werden könnte, seine Ämter niederzulegen oder ruhen zu lassen. "Aus heutiger Sicht nein, aber ich kann die Entwicklung der nächsten Tage nicht voraussehen", betonte er.

"Ich bin kein schlechter Mensch"

Dass die derzeitige Situation für ihn nur schwer zu ertragen ist, verwundert nicht. Hoeneß versucht nicht, sich herauszureden oder zu beschönigen. "Ich mache mir natürlich riesige Vorwürfe. Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch." Er will den Schaden so gut es eben geht begrenzen. "Ich habe eine große Torheit begangen, einen Riesenfehler, den ich so gut wie möglich korrigieren will."

Erklärung für die Kanzlerin

Hoeneß erfährt in diesen Tagen auch, wie sein Umfeld auf die Steueraffäre reagiert. Freunde und Bekannte rücken von ihm ab, Kanzlerin Merkel äußerte sich schwer enttäuscht. Und Hoeneß spürt, dass er, der so gefragt war als Berater, als Talkshowgast und Vorbild nicht mehr dazu gehört. "Das ist für mich ein ganz großes Problem. Ich fühle mich in diesen Tagen auf die andere Seite der Gesellschaft katapultiert." Seine Familie stehe hinter ihm, obwohl er sie in diese Lage gebracht habe. Der Kanzlerin möchte er irgendwann erklären, wie es so weit kommen konnte.

Und dann wird Hoeneß sehr persönlich, gibt tiefe Einblicke in sein Seelenleben. "Ich schlafe sehr schlecht, ich schwitze sehr viel in der Nacht, was ich eigentlich gar nicht kenne. Ich wälze mich und wälze mich. Und dann wälze ich mich nochmal. Und denke nach, denke nach und verzweifle. Ich bin morgens auch manchmal schon eine Stunde nach dem Aufstehen völlig fertig." Man könnte - wenn man nicht um die selbstverschuldeten Umstände wüsste - Mitleid mit ihm haben.

swd

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