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Warum alle Angst vor Merkel haben

Es ist schon sehr auffällig: Keine der infrage kommenden Parteien wirkt nach der Wahl besonders scharf darauf, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Regierung zu bilden. Aus gutem Grund.

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Schreckgespenst Angela Merkel: Wer mit der Kanzlerin regiert, lebt gefährlich.

Die konnte ihrer Lebensabschnittsgefährtin gar nicht schnell genug den Laufpass geben. Nicht einmal zehn Minuten waren nach Veröffentlichung der ersten Prognosen am Sonntagabend vergangen, da verkündete Fraktionschef Thomas Oppermann, die Sozialdemokraten stünden für keine weitere Große Koalition zur Verfügung. Eine halbe Stunde später bestätigte Parteichef Martin Schulz: "Es ist völlig klar, dass der Wählerauftrag an uns der der Opposition ist."

FDP will sich nicht in eine Regierung drängen lassen

Damit war klar, die einzige Option für eine Regierungsbildung heißt . Doch weder die FDP noch die Grünen brachen angesichts der Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung in Jubel aus. FDP-Chef Christian Lindner erklärte kurzerhand: "Ich akzeptiere die Aussage der SPD so nicht". Die FDP lasse sich nicht von den Sozialdemokraten in eine Regierung drängen. Zwar stehe seine Partei der Union selbstverständlich für eine Koalition zur Verfügung, aber nur, wenn sie ihre Wahlversprechen umsetzten könne. Ansonsten werde sie in die Opposition gehen.

Am willigsten scheinen noch die Grünen, sich auf eine Beziehung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel einzulassen. Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt erklärte sich bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen, machte aber auch schon mal die Fronten klar: ökologische Fragen, soziale Fragen. Ob da eine Einigung mit FDP und Union möglich sei, könne sie nicht sagen.

Und am Tag nach der Bundestagswahl dann noch ein Paukenschlag aus Bayern: CSU-Chef Horst Seehofer stellte die traditionelle Fraktionsgemeinschaft mit der CDU zur Disposition. Er selber wolle zwar an der Verbindung festhalten, die Entscheidung solle aber der Parteivorstand nach einer offenen Debatte über den künftigen Umgang mit der großen Schwester fällen. Zwar votierte dieser wenig später einstimmig gegen eine Trennung, doch allein die Infragestellung der Beziehung zeigt, wie sehr für die anderen Parteien an politischer Attraktivität verloren hat.

Wer mit Merkel regierte, stürzte ab

Eine Erklärung dafür findet man, wenn man sich die Schicksale der -Regierungspartner in den letzten 12 Jahren ansieht: Die SPD hatte nach der Bundestagswahl 2005 mit einem Stimmenanteil von 34,2 Prozent ihre Karriere als Juniormitglied einer Regierung Merkel begonnen. Damals lag sie nur ein Prozent hinter der CDU/CSU. Vier Jahre später war sie auf 23 Prozent abgestürzt und landete in der Opposition. Während ihrer Merkel-Abstinenz erholten sich die Sozialdemokraten wieder leicht und wagten sich 2013 mit einem Stimmenanteil von 25,7 Prozent im Rücken erneut an den Kabinettstisch der Kanzlerin. Am Sonntagabend waren davon nur noch 20,5 Prozent übrig - das schwächste SPD-Ergebnis der Nachkriegsgeschichte.

Noch schlechter als der SPD erging es der FDP in ihrer Partnerschaft mit Merkel. Mit einem Rekordresultat von 14,6 Prozent und entsprechend breiter Brust nahm sie nach der Bundestagswahl 2009 auf der Regierungsbank Platz. Vier Jahre später war die Brust auf Hühnergröße geschrumpft und die Liberalen flogen mit 4,8 Prozent zum ersten Mal in ihrer Historie aus dem Bundestag.

Und selbst die kleine Schwester ließ jetzt unter Merkels Regentschaft mächtig Federn. Noch 2005 hatte die 49,2 Prozent der Stimmen aus Bayern mit nach Berlin gebracht und der CDU-Chefin so die Türen zum Kanzleramt geöffnet. Der klägliche Rest nach vier Jahren GroKo: 42,5 Prozent im Jahr 2009. Während des folgenden schwarz-gelben Zwischenspiels konnten sich die Christsozialen dann wieder auf 49,3 Prozent im Jahr 2013 hocharbeiten. Dafür wurde der anschließende Fall umso tiefer: Nach der GroKo-Wiederauflage kassierte die CSU am Sonntag eine heftige Klatsche und fiel auf 38,8 Prozent, so tief wie noch nie seit 1949.

Der Weg nach Jamaika wird für Merkel beschwerlich

Natürlich ist das Merkel-Virus bei Weitem nicht der alleinige Grund für die wenigen Aufs und zahlreichen Abs ihrer Regierungspartner. Die Parteien sind auch immer selbst leichtfertig mit ihrer Gesundheit umgegangen. Dennoch hat sie die Erfahrung gelehrt, dass man schnell im Krankenhaus landen kann, wenn man zu eng mit der Kanzlerin kuschelt. Und das macht eben vorsichtig.

Für Merkel bedeutet diese Vorsicht vor allem eines: knallharte Koalitionsverhandlungen. Sie wird sich und ihrer Partei eine Menge Zugeständnisse abringen müssen, um FDP und Grünen die Reise nach Jamaika schmackhaft zu machen. Die Kanzlerin weiß das genau. Deshalb ignoriert sie auch einfach nonchalant die Abfuhr der SPD und tut so, als könne sie mit Martin Schulz noch über eine Regierungsbildung verhandeln. Schließlich würde eine zweite Koalitionsoption ihre Verhandlungsposition deutlich stärken. Es sei sehr wichtig, dass Deutschland auch künftig eine gute und stabile Regierung habe, sagte sie am Tag nach der Wahl. Man wolle daher auch mit der SPD im Gesprächskontakt bleiben.

Martin Schulz kann man indes nur eines Raten, falls Merkel ihn tatsächlich anruft: nicht rangehen. Denn sonst landet die SPD 2021 nicht im Krankenhaus, sondern womöglich direkt auf dem Friedhof.

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