Jürgen Chrobog In stiller Mission


Er ist Joscka Fischers Nr.1, wenn es um heikle Aufgaben geht. Jürgen Chrobog leitete den Krisenstab, der für die Sahara-Geiseln eingerichtet wurde.

Der Krisenmanager im Auswärtigen Amt fällt nicht auf. Uneitel, stets diskret und immer sehr genau - diese Eigenschaften zeichnen Staatssekretär Jürgen Chrobog für seinen heiklen Job aus. Der 63 Jahre alte Spitzendiplomat leitete den Krisenstab zur Befreiung der in der Sahara verschleppten Abenteuer-Urlauber. Monatelang war Chrobog fast ausschließlich mit dem Geiseldrama in der Sahara beschäftigt. Fast täglich konferierte er mit den Chefs der deutschen Sicherheitsdienste. Seit Mai schob er wegen der Geiselkrise seinen Urlaub vor sich her.

Reisen in besonderen Fällen

Chrobog ist der Mann für stille Missionen. Eine faktische Nachrichtensperre hing über dem Fall der Sahara-Geiseln. Lediglich an seinen Reisen war die Entwicklung abzulesen - Staatssekretäre reisen überhaupt nur in besonderen Fällen. Chrobog sprach mit den Präsidenten Algeriens und Malis und überbrachte ihnen Briefe von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Er traf sich mehrmals auch mit den vom monatelangen Warten zermürbten Angehörigen der Geiseln und setzte sich für einen der Verschleppten persönlich beim Arbeitsamt ein. Außerdem holte er die erste befreite Geiselgruppe Mitte Mai aus Algier ab.

Der Staatssekretär gilt im Auswärtigen Amt als der "Mann für schwere Fälle". Nach den Terroranschlägen vom 11. September reiste er nach Pakistan, um sich von dort aus für die Befreiung der Shelter-now- Entwicklungshelfer aus der Haft in den Taliban-Gefängnissen in Afghanistan einzusetzen. Er führte auch in Rom Gespräche mit dem afghanischen Exil-König Sahir Schah über Afghanistan nach dem Sturz der Taliban. Als Botschafter in den USA fuhr Chrobog 1999 nach Arizona, um sich - wenn auch vergeblich - für die zum Tode verurteilten LaGrand-Brüder einzusetzen.

30 Jahre im diplomatischen Dienst

Der am 28. Februar 1940 in Berlin geborene Chrobog begann seine Diplomaten-Karriere vor 30 Jahren im Jahr 1972. Die deutsche UN- Vertretung in New York, die EU in Brüssel und Singapur gehörten unter anderem zu seinen Auslandsstationen. In Bonner Regierungszeiten war der Jurist von 1984 bis 1991 Leiter der Presseabteilung und Sprecher des Auswärtigen Amts. Danach wurde er als Politischer Direktor zu einem der engsten Berater von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und auch dessen Nachfolger Klaus Kinkel (beide FDP).

1995 wurde Chrobog Botschafter in Washington. Sechs Jahre lang agierte der schmale Mann mit den grauen Haaren auf dem wohl wichtigsten deutschen Botschafterposten, bevor er Anfang Juli 2001 Staatssekretär unter Außenminister Joschka Fischer (Grüne) in Berlin wurde. Chrobog ist einer von zwei Staatssekretären im Außenamt und steht mehreren politischen Abteilungen vor. Unter anderem ist er zuständig für die Vereinten Nationen, Nahost, Afrika, Lateinamerika und Asien.

Die Protokoll-Affäre

Als einer der obersten Beamten im Außenministerium genießt er das Vertrauen seines Chefs. Er ist loyal. Niemals drängt er sich in den Vordergrund. Nur einmal drohte sein Image Schaden zu nehmen. Im Mai 2001 - kurz vor seiner Beförderung zum Staatssekretär - machte die so genannte Protokoll-Affäre Schlagzeilen. Durch eine Indiskretion wurde ein Bericht Chrobogs über ein vertrauliches Gespräch von Gerhard Schröder und George W. Bush beim Antrittsbesuch des Kanzlers beim neuen US-Präsidenten öffentlich.

In dem Geheimprotokoll ging es um Libyens Verwicklung in Terrorakte, aber auch Bemerkungen über nicht anwesende Politiker waren darin vermerkt. Fischer stärkte Chrobog in der Affäre den Rücken. Auch als Chrobog im Mai dieses Jahres vorgeworfen wurde, sich angeblich antiamerikanisch geäußert zu haben, stellte sich das Außwärtige Amt schützend vor seinen Staatssekretär.

Dorothea Hülsmeier DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker