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Union in der Krise: "Für Söder würde ich gerne Wahlkampf machen": Das denkt die junge CDU über die AKK-Nachfolge

Als die SPD auf der Suche nach neuer Führung war, machten die Jusos um Kevin Kühnert mächtig Lärm. Jetzt steht die CDU vor einem ähnlichen Problem – und wie bringt sich die Junge Union in Stellung? Wir haben nachgefragt.

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Laschet. Merz. Spahn. Söder. Fast parallel zur Ankündigung von Annegret Kramp-Karrenbauer, sich von der CDU-Spitze zurückzuziehen und auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten, kursierten bereits die ersten Namen möglicher Nachfolger für beide Posten – allesamt Männer, was Jenna Behrends bei Twitter mit einem wutschnaubenden Emoji kommentierte und der Ankündigung: "Ich schreibe dann mal eine Bewerbungsrede."

Die Berliner CDU-Kommunalpolitikerin Behrends, Jahrgang 1990, meinte ihre Bemerkung nicht wörtlich, wie sie in einem späteren Tweet klarstellte: "Bevor mich jetzt noch mehr anrufen: Nein, natürlich kandidiere ich nicht", schrieb sie. "Mich hat heute nur die Runde der sofort in den Raum geworfenen Männernamen gestört und ich dachte, ihr verstündet Twitterspaß."

Trotzdem ist die männliche Dominanz in der CDU, erst recht in der Jungen Union, schon seit Jahren ein Thema, das viele nicht mehr lustig finden. Denn die Versäumnisse seien gravierender und älter, weil keine Frauen aufgebaut wurden, so Behrends auf Nachfrage des stern: "Wir haben keine Ministerpräsidentin, keine Ministerin, keine sonstige Führungsfrau, die willens wäre, diese große Verantwortung zu übernehmen."

"Damit täten wir keiner Frau einen Gefallen"

Für eine Volkspartei sei das eine Katastrophe. Klar ist für Behrends aber auch: "Wir können uns jetzt innerhalb von ein paar Wochen keine Kandidatin backen. Damit täten wir keiner Frau einen Gefallen." Wer bisher stets gesagt habe: "Wir haben doch eine Parteivorsitzende und eine Bundeskanzlerin, was wollt ihr denn noch?" – dem müsse, so Behrends, spätestens jetzt klar werden, dass zwei Frauen an der Spitze nicht reichen, wenn dahinter nur Männer stehen.

"Die Frage der Führung sollte nicht nach dem Geschlecht, sondern der Qualifikation getroffen werden", sagt Wiebke Winter, 23-jährige Landesvorsitzende der Jungen Union in Bremen. Bis jetzt werde nur über männliche Kandidaten diskutiert, was aber nicht bedeute, das es keine weitere Kandidatin mehr geben muss: "Jedenfalls kann man der CDU nicht vorwerfen, dass wir kein weibliches Spitzenpersonal haben."

Lilli Fischer ist 19 Jahre alt und sitzt für die CDU im Stadtrat in Erfurt. Sie sieht keine weitere weibliche Kandidatin, die sich gerade für einen solchen Posten in Stellung bringt, findet das aber auch nicht schlimm: "Wir haben großartige, starke Frauen in unseren Reihen und haben jahrelang gezeigt, dass wir Kanzlerin können." Es brauche nicht immer eine Frau an der Spitze, nur damit eine Frau an der Spitze steht, so Fischer.

Aber auch die männlichen Kandidaten werden in der Jungen Union kontrovers diskutiert – und dabei gilt vielen ausgerechnet der 64-jährige Friedrich Merz als Hoffnungsträger: "Mit ihm können wir mit neuem Schwung und Antrieb in das Wahljahr 2021 starten", begründet Tatjana Cyrulnikov von der JU Hessen ihren persönlichen Favoriten: "Friedrich Merz steht für Werte, die keineswegs rückwärtsgewandt oder 'von gestern' sind, sondern vor einigen Jahren noch identitätsstiftend für die Union waren." Seit Monaten spreche er sich dafür aus, auf Basis der Grundüberzeugungen der Union die Partei zusammenzuführen, so die 22-Jährige.

Selfie mit AKK: Eine junge Frau fotografiert sich selbst mit Annegret Kramp-Karrenbauer

Selfie mit AKK: Eine junge Frau fotografiert sich selbst mit Annegret Kramp-Karrenbauer

AFP

Lilli Fischer merkt dagegen an, dass Merz seit Jahren nicht aktiv im politischen Geschehen involviert sei, alle Niederlagen oder Rückschläge für die CDU also nicht auf ihn zurückzuführen seien: "Das ist für mich auch ein Negativfaktor." Merz könne es sich dadurch sehr einfach machen, die letzten Jahre zu kritisieren – selbst dabei war er ja nicht. Zwar sei er das, was sich die Konservativen wünschen: "Ein gestandener Mann, der auch außerhalb der Politik Erfolg hatte, konservative Bilder malt und Visionen vorgibt."

"Ich bin ziemlich begeistert von Markus Söder"

Das könnten aber auch andere, glaubt Fischer. Sie persönlich mag jüngere Gesichter mit klarer Haltung: "Carsten Linnemann und Jens Spahn sind solche Kandidaten in meinen Augen." Wiebke Winter sieht das ähnlich: "Ich werde für einen Kandidaten plädieren, der den Mut hat, Entscheidungen zu schwierigen Fragen zu fällen."

Ganz vorn stehe für Winter die Frage des Rentensystems, einer ganzheitlichen Klimastrategie sowie der Umgang mit Künstlicher Intelligenz und der Digitalisierung – und im Bundesgesundheitsministerium habe Jens Spahn bewiesen, dass er diesen Mut hat: "Er steht für mich für eine generationengerechte Politik. Ich halte ihn daher für einen geeigneten Kandidaten."

In der Frage nach einem geeigneten Kanzlerkandidaten wird inzwischen immer wieder auch ein CSU-Name bei der Jungen Union diskutiert: "Ich bin im Moment ziemlich begeistert von Markus Söder", sagt Lilli Fischer. Auf dem Jahresempfang der CDU Thüringen habe sie ihn im letzten Jahre bei einer fulminanten Rede erleben dürfen: "Er hat Charme, Charisma und einen klaren Kurs." Für ihn würde Fischer gerne Wahlkampf machen, sagt sie.

AKK-Nachfolge: Wird die Junge Union auch gehört?

Apropos Wahlkampf: Offen bleibt, ob die Junge Union in den kommenden Monaten ein Bekenntnis zu einem möglichen Kandidaten ausspricht. "Darüber werden wir intern diskutieren, sobald wir wissen, wer seinen Hut in den Ring wirft", sagt Wiebke Winter. Aber wenn sich die JU für einen Kandidaten entscheide, werde sie diese Entscheidung mittragen: "Dafür sind wir eine Partei."

Eine Partei, in der bis dahin aber noch eine Menge besprochen werden muss. Nicht zuletzt unter den jungen Mitgliedern. Bei der SPD hatten die Jusos um Kevin Kühnert Ende 2019 einiges mitzureden bei der Suche nach einer neuen Parteiführung. Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob die Jugend auch in der Union gehört wird. An Meinung oder Lust an der Debatte mangelt es ihr jedenfalls nicht.