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Katharina Saalfrank und die SPD: Entwicklungshilfe von der Super Nanny

Wie nur kann die SPD bei den Frauen punkten? Die Union protzt mit Ursula von der Leyen, doch den Sozialdemokraten fehlt eine vergleichbare Figur. Deshalb haben sie nun Super Nanny Katharina Saalfrank auf Tour geschickt. Dumm nur, dass der TV-Star so gar nicht Wahlkampf machen will.

Von Sebastian Christ

Willkommen im Sommer 2009, im Jahr der unfassbaren Zahlen und der wahnsinnigen Wahlkampfideen. Vorhang auf für die SPD, eine Partei in existenziellen Schwierigkeiten mit sagenhaft schlechten Umfragewerten und einem Kanzlerkandidaten, dessen Beliebtheit knapp über dem Asphalt entlang schrammt. Es ist die Zeit, in der die Sozialdemokratie so reaktionsschnell ist wie ein Stahlarbeiter nach einer Doppelschicht, in der die Träume von einem Machtwechsel derartig sicher als Träumereien identifizierbar sind, dass sich die eigenen Vorstandsmitglieder schon vor der Wahl gegenseitig anpesten und dadurch denn Misserfolg multiplizieren. Was liegt da näher, als die Hilfe von einer jungen Frau anzunehmen, deren Job es ist, schwer erziehbare Kinder zu bändigen? Und so begann der Wahlkampfeinsatz von Katharina Saalfrank, bekannt als die "Super Nanny" vom Fernsehsender RTL.

Aber, das gleich zu Beginn: Frau Saalfrank will ihre Tour mit insgesamt neun Auftritten, die sie jeweils gemeinsam mit SPD-Politikern bestreitet, nicht als Polit-PR verstanden wissen. Sie lässt sich zwar für SPD-Poster fotografieren, hat nichts dagegen, dass die Pressestelle der Sozialdemokraten das ganze Programm als Pressemitteilung verschickt. Aber: "Wahlkampf". Das will ihr nicht über die Lippen.

So ergibt sich am Montagmorgen in der Kleinen Grundschule Großwudicke im Havelland eine beinahe surreale Szene. Saalfrank sitzt in einem Klassenzimmer auf einem Holzstuhl und wird gefragt, was ihre Auftritte dann seien. "Entwicklungshilfe", sagt sie. Und das böse E-Wort fällt, ohne dass der brandenburgische Landtagskandidat Martin Gorholt neben ihr rot wird. "Politik ist ja manchmal ein wenig abstrakt. Es ist ja nicht verkehrt, seine Ziele ab und zu mit der Realität abzugleichen", referiert sie. Ganz unschuldig schiebt sie hinterher: "Ich bin erstaunt, dass das so hohe Wellen schlägt. Ich hatte nicht geglaubt, dass ich als kleines Licht da was bewegen könnte."

"Ich fühle mich nicht kritisiert"

Nur Entwicklungshilfe also. Nur ein Wirklichkeitstest für eine Supermutter, bekannt aus Funk und Fernsehen. Wenn das der notorisch glücklose SPD-Generalsekretär Hubertus Heil wüsste. Hätte er dann die Veranstaltungsreihe mit Saalfrank in die Wege geleitet? Wer weiß. Auf jeden Fall sitzt Saalfrank nun da, als ob sie das Wahlprogramm der Sozialdemokraten grundsätzlich nur mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke lesen würde, die neue Rolle spielt sie verschämt - und das, obwohl sie schon seit den 90er Jahren Parteimitglied ist.

Vielleicht liegen die Schwierigkeiten mit der neuen Rolle ja auch daran, dass es schon vor Saalfranks erstem Auftritt Kritik aus den eigenen Reihen gab. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Marlene Rupprecht hatte in Anspielung auf Saalfranks TV-Serie gesagt: "Kinder dürfen nicht dazu benutzt werden, mit ihnen Quote zu machen." Auch die ehemalige Familienministerin Renate Schmidt soll äußerst skeptisch sein. Martin Gorholt, selbst ein gewesener Bundesgeschäftsführer der SPD, merkt dazu spitz an: "Es sind ja immer die Wichtigsten, die sich da zu Wort melden." Gorholt sagt übrigens nie "Katharina", sondern kürzt immer russisch auf "Katia" ab. Saalfrank selbst ist kurz angebunden: "Ich fühle mich nicht kritisiert". Sie habe ein Angebot gemacht, die SPD habe es angenommen. Nach dieser herrlich dialektischen Logik trifft die Kritik der Sozialdemokraten an Saalfranks Auftritten immer zuerst - die Sozialdemokraten. Bis einer weint.

Im Nordwesten Brandenburgs scheint die Morgensonne. Die Kinder spielen auf der Wiese hinter dem Schulgebäude, der Gedenkstein für Rosa Luxemburg am Rande des Geländes ist tadellos gepflegt. Noch bevor sich Saalfrank den Fragen der Journalisten stellte, inspizierte sie kurz das Areal. An der Tischtennis-Platte vor dem Seiteneingang bekam sie von den Kindern einen Schläger in die Hand gedrückt. Und sie spielte wirklich nicht schlecht. Umlauf, drei an jeder Seite, das alles wirkte sehr dynamisch. Gegen Ende des Turnierchens standen nur noch sie, Gorholt und der kleine Wesley vor der Betonkante. "Jetzt hau ihn raus!", rief sie dem Schüler zu. Und Wesley reagierte prompt: Er spielte den Ball mit Druck auf den Mann, sodass der SPD-Politiker seinen nächsten Schlag versemmeln musste. Im Finale hatte Wesley dann gegen Saalfrank keine Chance. Aber das ist sicher nur eine Petitesse.

Komplimente von den Genossen

Etwas mehr als 100 Kilometer weiter östlich und neun Stunden später sitzt die SPD-Bildungsreisende Saalfrank auf einem Podium mit dem Landesvorsitzenden der Berliner SPD, Michael Müller. Es moderiert: Kajo Wasserhövel, der aktuelle Bundesgeschäftführer der Partei. Im Bürgerhaus von Berlin-Altglienicke sitzen überwiegend Sozialdemokraten mit familienpolitischem Hintergrund. Vorne, in den ersten beiden Reihen, haben ein paar Teenager Platz genommen. Sie johlen, wenn es Applaus für Saalfrank gibt. Einer von ihnen steht auf, stellt zwei Fragen und wünscht sich ein Autogramm. "Das kriegst du auf jeden Fall", sagt sie.

Müller lächelt smart und stanzt den Gästen kartonweise Politikersätze der Bauart "ich finde es…" und "man muss sehen…" vor die Füße. Die Genossen haben sich damit abgefunden und ignorieren ihn weitestgehend. Ihre Fragen gehen vornehmlich an Saalfrank, die in etwas mehr als einer Stunde Erziehungstipps, Meinungen und Nettigkeiten verteilt - und ein paar Komplimente kassiert.

Politische Fragen wehrt Saalfrank ab. Als einer wissen will, ob Organisationen wie die "Arche" Aufgaben übernehmen sollten, die früher Familien bewältigten, liegt wieder einmal Wahlkampfgeruch in der Luft. Saalfrank reagiert umgehend. "Fragen sie jetzt mich oder die Politik?" Die rhetorische Trennwand klappt mit knallharter Geschwindigkeit auf. Saalfrank will für etwas Inhaltliches stehen. Sie möchte ihre Vorstellungen von Familie und Bildungsgerechtigkeit kommunizieren. Aber das alles ist nicht mehr als ein Diskussionsangebot an die SPD, die danach greifen darf oder es auch lassen kann. Es ist, als ob sie mit den Finger auf Wasserhövel und Müller zeigte. Übrigens macht Saalfrank keinen Hehl daraus, dass sie mit Familienministerin Ursula von der Leyen sympathisiert. Für die "Bild-Zeitung" machten die beiden jüngst ein Doppelinterview.

Forderung nach "Eltern-Führerschein"

Aus dem Publikum kommen immer kontroversere Fragen. Ein Mann fordert einen "Eltern-Führerschein". Spontaner Applaus. Müllers Lächeln gefriert auf das Temperaturniveau von flüssigem Stickstoff. Ein anderer Besucher lobt Saalfrank dafür, dass sie Defizite in der Kindererziehung telemedial ausfülle, indem sie Eltern Ratschläge gebe. Und überhaupt: Spätestens, wenn die Kinder in die Schule kommen, müssten auch die Eltern auf die Schulbank, um noch einmal Nachhilfestunden in Sachen Erziehung zu nehmen. Doch das scheint selbst Saalfrank ein wenig zu weit zu gehen. Ihre Antwort im Pädagogensprech: "Ich finde, man darf durchaus noch mal eine Überraschung erleben. Das Tolle an Kindern ist doch, dass wir uns neu erfahren können. Deshalb darf es auch mal schief gehen."

Ein jüngerer Gast wendet ein: "Wenn man das hier so hört, das mit dem Führerschein. Wenn man mal Pavianmütter sieht, die kriegen es doch auch hin." -- Antwort von der Erziehungsexpertin: "Ja, da hast du Recht. Man muss nicht immer auf alles vorbereitet sein."

Vielleicht ist Wasserhövel jetzt ganz froh, dass Hubertus Heil nicht hier ist.

Als die Super-Nanny ihren ersten Tag Entwicklungshilfe für die SPD beendet hat, fluchen die TV-Teams laut und vernehmlich durch das Bürgerhaus, weil Saalfranks Mitarbeiter alle Interviewwünsche abblocken. Eine Autogrammstunde gibt sie trotzdem. Die Wasserhövels und Gorholts und Müllers haben sich einige Stunden lang Meinungen und Standpunkte eines Fernsehstars angehört. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass dies ihre Meinung beeinflussen könnte. Aber sie waren wenigstens da, wo die Super Nanny war. Dort ist das Licht.

Und in der ersten Reihe hocken die Teenager von Altglienicke und werfen Papierkugeln auf die Kameramänner.