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KRIMINALITÄT: Die Akte Daum

Fußballtrainer Christoph Daum gab sich als reuiger Sünder. Hin und wieder habe er Kokain genommen, gestand er im Januar. Von wegen: Die Koblenzer Staatsanwaltschaft klagt Daum jetzt an, »mindestens einmal wöchentlich« gekokst zu haben. Selbst unter Dealern galt sein Zustand als »besorgniserregend«.

Fußballtrainer Christoph Daum gab sich als reuiger Sünder. Hin und wieder habe er Kokain genommen, gestand er im Januar. Von wegen: Die Koblenzer Staatsanwaltschaft klagt Daum jetzt an, »mindestens einmal wöchentlich« gekokst zu haben. Selbst unter Dealern galt sein Zustand als »besorgniserregend«

Die Nordsee-Insel zeigt sich von ihrer miesesten Seite. Ein Regenschauer jagt den nächsten. »Schietwedder«, schimpfen die Einheimischen. Die Badesaison droht ins Wasser zu fallen. Der Seewetterdienst meldet Windstärke sechs, und die Feriengäste bibbern bei herbstlichen 13 Grad. Es ist der 10. Juli 2000, als Christoph Daum auf Norderney ankommt. Noch ist er hoch dotierter Trainer in Leverkusen, noch hofft er, in einem Jahr Bundestrainer zu sein. Federnd springt Daum aus dem Mannschaftsbus und zieht die schwarze Windjacke über den Kopf. Die steife Brise zerzaust sein Haar. Traubendicke Regentropfen durchnässen ihn beim 50-Meter-Sprint zum Hotel. Vier Wochen vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison will er die Leverkusener Fußball-Millionäre noch einmal kräftig im Trainingslager schleifen. »Reizklima«, knurrt Co-Trainer Roland Koch.

Während sich Daum im Zimmer 40 des »Golf-Hotels Norderney« einrichtet, zerbricht im 400 Kilometer entfernten Ahrbrück/Eifel sein Traum vom Bundestrainerjob. Beim Wirt des »Tannenhofs« hat sich ein alter Bekannter gemeldet. »Ich dachte, du bist verschollen«, nölt Kneipier Hans Josef Welter. Dann kommt er rasch zur Sache. Er brauche dringend Drogen. Und zwar harte. Kokain sei so schlecht zu kriegen, klagt »Jupp«.

Der Besucher mit den »guten Drähten zur Frankfurter Szene« winkt ab. In Koks mache er nur, wenn es richtig was zu verdienen gebe. Speed sei eher sein Ding. »Krümel-Kram«, schnaubt der Wirt. Er warte im Moment auf eine Lieferung aus Venezuela. Die Südamerikaner würden sich Zeit lassen. Hundert Gramm brauche er jetzt aber dringend. Ein Freund benötige das Zeug. 8000 Mark wolle der zahlen, das Doppelte des sonst Üblichen. Und noch was: Der Schnee sei bestellt – für Christoph Daum.

Welter hielt sich stets für einen ganz Ausgeschlafenen, der die »Schmier« schon auf 100 Meter gegen den Wind riecht. Wer sein Leben lang mit dem Gesetz auf Kriegsfuß steht, bekommt ein besonderes Näschen für Polizisten. 14-mal ist er bereits »strafrechtlich in Erscheinung getreten«: Mal war es fahrlässige, mal vorsätzliche, mal gefährliche Körperverletzung. Die »schweren Diebstähle« häufen sich, hinzu kommen Unterschlagung, Hehlerei , Steuerhinterziehung. Gesessen hat er dafür oft genug. Doch dass der Bursche, der ab und zu bei ihm im »Tannenhof« hereinschneit, eine »Vertrauensperson« der Polizei ist, das hat der Gastwirt nicht gerochen.

Der Spitzel sitzt acht Tage später bereits bei der Kriminaldirektion Koblenz auf dem Vernehmungsstuhl und plaudert. Die Beamten werden hellhörig. Welter gerät in »dringenden Verdacht«, ein kapitaler Rauschgifthändler zu sein. Den Namen Christoph Daum hören die Polizisten im Zusammenhang mit Drogen zum ersten Mal. Telefonüberwachungen werden beantragt und geschaltet. Das Netz von Dealern, Kleinkriminellen und Erpressern, das sich an den koksenden Fußballtrainer gehängt hat, wird in den nächsten Monaten enttarnt werden.

Vergangene Woche legte die Staatsanwaltschaft Koblenz eine 121 Seiten starke Anklageschrift vor. 63-mal, so rechnen die Ermittler vor, habe der Fußballlehrer innerhalb von zwei Jahren Kokain geordert. Meist kleine Mengen. Drei bis fünf Gramm. Was jedoch schwerer wiegt als der Konsum: Die Staatsanwaltschaft wirft Daum »Anstiftung zum Handeltreiben mit Kokain in nicht geringer Menge« vor.

Während nämlich Co-Trainer Koch die Bayer 04-Kicker vergangenes Jahr auf Pfiff über den matschigen Rasen auf Norderney scheuchte, wurde von Daums Zimmertelefon im Golf-Hotel immer wieder die Handynummer 01736332XXX angerufen. Das Handy gehörte dem polnischen Aupairmädchen Malgorzata Z., das in Köln lebte. Doch »Goscha«, wie sie von ihren Freunden genannt wird, hatte das Mobiltelefon längst an Rüdiger Klemens verliehen, wie die Polizei bald herausfand.

Und genau den wollte Daum erreichen, vermutet die Staatsanwaltschaft. Denn Klemens war es, der den Trainer seit gut einem Jahr mit Koks versorgt haben soll und für den der Wirt vom »Tannenhof« die 100 Gramm beschaffen wollte, damit Daum im windigen Trainingslager gut versorgt sei.

Rüdiger Klemens war Hausmeister in der schicken Kölner Szene-Herberge »Bonotel«, als Christoph Daum dort im Oktober 1998 eine Suite bezog. Der Trainer hatte sich gerade nach 18 Jahren Ehe von seiner Frau Ursel getrennt und war aus dem prächtigen Familienheim in Hürth ausgezogen. Beruflich war Daum in diesen Tagen in den Wolken. Der »Magier« ließ seine Spieler über Glasscherben wandeln, genoss es, als »Motivationskünstler« bejubelt zu werden. Er war der »Lautsprecher der Liga«, das »Großmaul«. Aber er hatte dem Leverkusener »Pillenklub« Strahlkraft verliehen. Die Ermittler sind sicher, dass Daum bereits zu diesem Zeitpunkt »regelmäßiger Kokainkonsument« und nicht nur Gelegenheitskonsument war. Deutlicher Hinweis: Er habe als festen Kurier einen jugoslawischen Taxifahrer, der ihn mit Stoff versorgt haben soll.

Dass der prominente Gast »auf Koks« war, blieb Rüdiger Klemens nicht verborgen. Der 40-Jährige verfügte seit einiger Zeit über mäßig ergiebige Rauschgift-Quellen in den Niederlanden. Den Stoff verkaufte er an Prostituierte, Bodybuilder und Gelegenheits-Kokser. Daum könnte ein guter Kunde werden, da war sich Klemens sicher. Einem Freund erzählte er, mit welch simplem Trick er sich dem Fußballer empfohlen habe: Er habe sich eine Linie Koks in die Nasen gezogen, als Daum neben ihm stand. Fortan sei er sein Dealer gewesen. Für die Staatsanwaltschaft ein Beweis, dass der Trainer schon um die Jahreswende 1998/1999 nicht mehr »in der Lage war, bei der Kokainbeschaffung umsichtig vorzugehen«.

der windige klemens sah Daum als Glückstreffer. Der neue Kunde soll 160 statt der üblichen 130 Mark fürs Gramm Koks gezahlt haben. Den Schnee soll Klemens ihm in Filmdöschen übergeben haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Daum 1999 etwa zweimal im Monat bei Klemens orderte. Im vergangenen Jahr dann sei er bereits wöchentlich beliefert worden. In der Koblenzer Justizvollzugsanstalt soll Klemens kürzlich einem Häftling erzählt haben, dass Daums Kokainkonsum im letzten Jahr besorgniserregend zugenommen habe. Daums Freundin Angelika Camm habe deshalb ein Dreiergespräch gefordert. Der Trainer habe sich wenig einsichtig gezeigt. Wenn Klemens ihn nicht mehr beliefere, suche er sich eben einen anderen Dealer, war sein einziger Kommentar zum Krisengespräch.

Klemens prahlte gerne. Er wirbelte im Auto mit fünf Handys, von denen keines auf ihn selbst zugelassen war. Er startete wöchentlich zu geheimnisvollen Fahrten nach Holland und erzählte jedem, der ihm zuhören wollte, dass er im Kokaingeschäft sei. 50 bis 60 Mark Gewinn mache er pro Gramm, und einer seiner besten Kunden sei Christoph Daum. Wer es nicht glauben wollte, der sah den Rüdiger Klemens bald mit einem dunklen Mercedes der S-Klasse vorfahren. Das Kennzeichen LEV-CD war in Köln bekannt: CD stand für Christoph Daum.

Doch nicht nur sein Auto verlieh Daum an den Dealer. Klemens soll in Daums Haus auf Mallorca Urlaub gemacht und sich auf des Trainers Rechnung mit den neuesten Hemden der Daum-Collectionen eingedeckt haben. Eine VIP-Karte für das Leverkusener Stadion gehörte zur selbstverständlichen Ausstattung.

Mit der Zeit wurde Klemens immer dreister. Er beklaute seinen besten Kunden sogar. Irgendwann zeigte er einem Freund einen Stapel von gut einem Dutzend kurioser Fotokopien, die er aus Daums Suite hatte mitgehen lassen. Es waren Fotos leicht bekleideter Damen mit Strapsen oder in Domina-Kostümen. So, wie Daum Frauen am liebsten sieht. Dass sich der Halbtagshausmeister an der Seite des Trainerstars ganz schön wichtig vorkam, bekamen seine Freunde zu spüren. Oft hatte er keine Zeit, war auf dem Weg nach Leverkusen, zu einem Termin »mit dem Bundeskanzler«. Die Jungs wussten, wer gemeint war, und staunten. In Daums Haus in Kölns Nobelviertel Hahnwald ging Klemens ein und aus. War Daum im Trainingslager, schnorrte er bei dessen Freundin Angelika VIP-Karten für Champions-League-Spiele.

Doch im Oktober vergangenen Jahres zogen dunkle Wolken auf. In München schoss Bayern-Manager Uli Hoeneß gegen die Koksnase Daum. Die Schlagzeilen wurden immer dicker. »Deinem Freund brennt doch der Arsch«, hämte ein Kumpel von Rüdiger Klemens. Auch der Hausmeister selbst war nicht mehr sicher, dass Daum noch lange durchhalten würde. Seinem Vater erzählte Klemens, er gewinne 60 000 Mark für 10 000 Mark Wetteinsatz, wenn Daum nicht Bundestrainer würde.

Daum sei hochgradig nervös. Er verklage jetzt den Hoeneß, erzählte Klemens am 2. Oktober einem Freund. Der Trainer habe sich nur noch mittels Zettelchen und Kuli unterhalten wollen. Daum sei sicher, dass Richtmikrofone auf sein Büro zielten und die Telefone abgehört werden.

Am Tag darauf hatte Klemens in der Mailbox seines Handys die aufgeregt stotternde Stimme Daums. Ein Erpresser namens Bernd war über Dritte an ihn herangetreten. Daum solle sich melden, sonst wende er sich an Hoeneß: »Da wartet jemand mit Behauptungen auf, äh, äh, äh, was ich mir überhaupt nicht vorstellen kann. Dass jemand aus der Drogenszene Aachen mit Vorname Bernd, äh, äh,äh, etwas, äh, wüsste ich, das hätte mit dir zu tun. Er hat nur gesagt, Bernd und Rüdiger, den Namen, ich kann damit überhaupt nichts anfangen. Nur zu deiner Information.« Dann versuchte er, Klemens auf Linie zu bringen, und verabredete mit ihm die Ausrede: »Ich gehe weiter davon aus, dass du mit solchen Dingern nie etwas zu tun gehabt hast und, äh, kann nur sagen, äh, dass alle Kontakte und Telefonate, die wir hatten, sich einzig und alleine auf, äh, den Ausbau, die Renovierung bezogen haben.« Die Staatsanwaltschaft hält diesen Teil des Gespräches für inszeniert, ausschließlich für die Lauscher der Polizei. Rüdiger Klemens wusste sofort, woher der Wind wehte. Vor einiger Zeit hatte er bei Bernd Reich in Aachen Koks gekauft. Dummerweise hatte er auch gegenüber dem Sozialhilfeempfänger die Schnauze nicht halten können und getönt, dass er den Stoff für Daum brauche.

Klemens speicherte die Mailbox-Info auf seinem Handy ab und rief anschließend Daum zurück, um ihn zu beruhigen: »Also, der Bernd, der sagt mir was. Ich hab mich aber ganz schnell von dem zurückgezogen, weil er wohl rauschgiftabhängig ist.« Daum ließ seinen Dealer gar nicht weiter zu Wort kommen: »Mir geht?s darum, äh, dass ich aus der Sache raus bin. Dass du

dann wahrheitsgemäß eben ganz klar dazu stehst und sagst, äh, absoluter Quatsch, äh, äh, äh, ich hab damit nix zu tun, der Christoph Daum hat nichts damit zu tun. Wenn der behauptet, ich wollte bei dem wat einkaufen für?n Christoph Daum, das ist erstunken und erlogen.»

Als zwei Wochen später bekannt wird, dass der Bayer-Trainer eine Haaranalyse beim Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln in Auftrag gegeben hat und die Probe positiv getestet wird, ist auch Rüdiger Klemens baff angesichts solcher Blauäugigkeit: Daum habe doch den Notar schmieren wollen, wundert er sich gegenüber einem Freund. Außerdem habe Daum vorgehabt, nicht die eigenen Haare abzugeben. »Ein Schwachkopf halt«, meint der Freund. Klemens nickt: Es sei vielleicht gar nicht so schlimm, dass es jetzt so komme. Daum sei in letzter Zeit »richtig krank« gewesen. »Der war schon extrem.«

Das Gutachten der Uni Köln kam zu dem Ergebnis, dass Daums Haare eine Kokainkonzentration von 72 +/- 13ng/mg und einen Benzoylecgoningehalt von 2,8 +/- 1,3 ng/mg aufwiesen. In einem Gutachten des Instituts für Rechtsmedizin der Universität München errechneten Wissenschaftler, dass Daum bei einem solchen Wirkstoffgehalt in den Haaren täglich gekokst haben muss. Die Staatsanwaltschaft Koblenz zieht daraus ihren eigenen Schluss: »Bei äußerst wohlwollender Berechnung« habe der Angeschuldigte Daum im Jahr 2000 mindestens einmal wöchentlich Kokain geordert.

Die Chronologie

2. Juli 2000: Daum ist am Ziel seiner Wünsche: Er soll zum Juni 2001 Bundestrainer werden.

2. Oktober: Uli Hoeneß, Manager des FC Bayern München, zweifelt daran, dass Daum der richtige Mann für den Job des

Bundestrainers ist. Gegenüber der Münchener »Abendzeitung« sagt er: »Um sein privates Umfeld, um seine Werbeverträge, Erpressungsversuche und Prostituierte, wovon er ja selbst gesprochen hat, um all die Scheiße geht es.« Auf Nachfrage deutet Hoeneß an, dass Daum Drogenprobleme habe. Daum verklagt Hoeneß wegen Verleumdung und

übler Nachrede.

3. Oktober: Hoeneß nimmt seine Äußerungen teilweise zurück. Von Erpressungsversuchen und Prostituierten sei nie die Rede gewesen, sagt er. Daum bestreitet, je Drogen genommen zu haben. »Es war nie etwas und wird nie etwas sein«, sagt er.

5. Oktober: Fritz Scherer, Vizepräsident vom FC Bayern, fordert Daum auf, einen Drogentest in Form einer Haaranalyse machen zu lassen.

9. Oktober: Daum reicht eine Haarprobe beim Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln ein.

20. Oktober: Das Ergebnis der Haaranalyse ist positiv. Aus Angst vor dem Medienecho flieht Daum nach Florida. Der DFB löst die Vereinbarung mit Daum auf.

27. Oktober: Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt wegen des Verdachts auf unerlaubten Besitz von Betäubungsmitteln.

15. Dezember: Bayer Leverkusen beendet offiziell das Arbeitsverhältnis mit Daum.

11. Januar 2001: Daum kehrt aus den USA nach Köln zurück.

12. Januar: Daum gesteht auf einer Pressekonferenz in Köln: »Ich gebe zu, dass ich mit Drogen in Kontakt gekommen bin und Kokain konsumiert habe.«

7. März: Daum wird Trainer beim türkischen Klub Besiktas Instanbul.

30. Mai: Die Staatsanwaltschaft Koblenz erhebt Anklage gegen Daum und vier seiner mutmaßlichen Dealer wegen illegalen Drogenbesitzes.

Gerd Elendt