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Linkspartei: Lafontaine tritt nur ein bisschen ab

Das war ein Paukenschlag á la Lafontaine: Mit dem Fraktionsvorsitz der Linkspartei ist Schluss. Doch politische Nachrufe auf den 66-Jährigen sind verfrüht - Parteichef Lafontaine wird selbst bei einem Teilrückzug an die Saar weiter der mächtige Mann bei den Linken bleiben.

Die Nachricht schlug zwar am Freitag wie eine Bombe ein: Oskar Lafontaine legt nach vier Jahren den Vorsitz der Linksfraktion im Bundestag nieder, die er seit ihrer Bildung nach der letzten Bundestagswahl zusammen mit Gregor Gysi maßgeblich geprägt hat. Doch nach seiner überraschenden Erklärung auf der Klausur der neugewählten Bundestagsfraktion im brandenburgischen Rheinsberg wurde schnell klar - politische Nachrufe auf den 66-Jährigen sind völlig fehl am Platz.

Lafontaine wird als Parteichef und möglicherweise auch Fraktionsvorsitzender im Landtag sowohl in Berlin als auch Saarbrücken weiter an führender Stelle mitmischen. Und entgegen erster Spekulationen denkt er auch nicht daran, sein Bundestagsmandat abzugeben und sich zumindest parlamentarisch ganz an die Saar zurückzuziehen. Natürlich will er als alter und neuer Vorsitzender der Linkspartei auch künftig Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem künftigen Vizekanzler Guido Westerwelle im Berliner Reichstag als Redner Paroli bieten.

Eigentlich tritt Lafontaine also nur ein bisschen ab. Ohnehin wäre ein fast vollständiger Rückzug nach Saarbrücken ein Spiel mit hohem Einsatz gewesen. Schließlich wollen die Grünen erst am Sonntag auf einem Landesparteitag in Saarlouis die Katze aus dem Sack lassen und entscheiden, ob sie mit SPD und Linken oder aber CDU und FDP Koalitionsverhandlungen aufnehmen. Dann erst wird klar werden, ob das Saarland auch künftig von CDU-Ministerpräsident Peter Müller - diesmal aber mit einer Jamaika-Koalition - regiert wird oder von Rot-Rot-Grün unter SPD-Landeschef Heiko Maas.

Grüne reagieren gereizt

Für Maas und auch die Grünen wäre es jedoch eine Belastung, ja sogar ein "Affront", wenn sich Lafontaine in der Rolle eines Dauer-Fraktionschefs als "Neben-Ministerpräsident" etablieren würde, kommentierte jedenfalls Grünen-Landeschef Hubert Ulrich. Sehr viel wohlwollender würde dagegen die SPD selbst eine solche Rolle ihres ehemaligen Bundesvorsitzenden an der Saar sehen: Ihr saarländischer Generalsekretär Reinhold Jost sprach von einem "Angebot zur weiteren Stabilisierung einer möglichen rot-rot-grünen Regierungsarbeit".

Doch Lafontaine will alles vermeiden, was die mit Spannung erwartete Entscheidung der Grünen in die falsche Richtung lenken könnte. Sein Rückzug vom Fraktionsvorsitz in Berlin habe überhaupt nichts mit der anstehenden Regierungsbildung im Saarland zu tun, beteuerte er in Rheinsberg. Die Entscheidung habe er schon vor längerer Zeit getroffen, und außerdem wisse er ja auch nicht, wie die Grünen am Sonntag in Saarlouis abstimmen werden. Und ob er Fraktionschef in Saarbrücken bleibe, werde er mitteilen, wenn die Entscheidung gefallen sei, beschied Lafontaine auf entsprechende Fragen.

Auch Bisky tritt bald ab

Was den Bund angehe, wolle er sich künftig ganz auf den Parteivorsitz der Linken konzentrieren. Und Unmut in den Reihen der Partei darüber, dass sowohl die Fraktionsspitze als auch die beiden gleichberechtigten Bundesvorsitzenden bislang von zwei älteren Männern gestellt werden, nahm Lafontaine auch den Wind aus den Segeln. Als alleiniger Fraktionschef fungiert zwar seit Freitag der mit 94,7 Prozent wiedergewählte Gregor Gysi. Längerfristig soll es aber wieder eine Doppelspitze geben, die sowohl die Frauenquote als auch den Ost-West-Proporz widerspiegele.

Das Gleiche soll auch für die Parteispitze gelten, wo der inzwischen ins Europaparlament gewählte Lothar Bisky im kommenden Jahr den Platz neben Lafontaine frei macht. Mit anderen Worten wird es dafür eine Nachfolgerin aus dem Osten geben, möglicherweise die mit 31 Jahren zudem sehr viel jüngere Katja Kipping aus Sachsen. Zudem soll Gysi als Fraktionschef auf mittlere Sicht eine Frau aus dem Westen zur Seite gestellt werden, die bislang noch nicht gefunden ist. Also wird das Gesicht der Linkspartei in der Öffentlichkeit in Zukunft wie vielfach gefordert weiblicher und jünger werden. Klar scheint indes: Der "Napoleon von der Saar", wie Lafontaine oft genannt wird, dürfte weiter dazugehören.

Gerhard Kneier, AP / AP