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Magnetschwebebahn: ThyssenKrupp beharrt auf Transrapid

Nach dem Scheitern des Transrapid-Projekts in München ist China für die Hersteller der Magnetschwebebahn die letzte Rettung. Allerdings will ThyssenKrupp die Rechte an der Technologie nicht abgeben. Dadurch wären Hunderte Jobs bedroht. Bei der CSU löst das Aus für den Transrapid ohnehin Unmut aus.

Nach dem Scheitern des Transrapid-Projekts in München erwägt ThyssenKrupp nun angeblich den Verkauf der Rechte an dem Magnetbahnsystem nach China. Nach Informationen der "Welt" will der Düsseldorfer Industriekonzern in den nächsten Wochen Verhandlungen mit der chinesischen Regierung darüber aufnehmen. Möglich seien sowohl eine Lizenzvergabe als auch der vollständige Verkauf, meldete "Welt" unter Berufung auf Unternehmenskreise. ThyssenKrupp hat die Berichte zum Verkauf der Rechte an dem Magnetbahnsystem jedoch inzwischen zurückgewiesen. "Wir vertrauen weiter auf die Transrapid-Technologie", sagte eine Sprecherin des Düsseldorfer Industriekonzerns. Vorrangiges Ziel sei, die Verlängerung der Schanghai-Strecke zu realisieren.

Im Fall eines Verkaufs der Rechte wären die 220 Arbeitsplätze für den Transrapid im nordhessischen Kassel bedroht. ThyssenKrupp stellt in dem Konsortium für die Magnetschwebebahn das Antriebssystem (Tragführsystem) bereit, an dem die Chinesen besonders interessiert seien, da sie es bislang nicht erfolgreich hätten kopieren können. Wie es weiter in dem Bericht heißt, rechnet das Düsseldorfer Unternehmen offenbar damit, durch eine Lizenzvergabe einen hohen zweistelligen oder niedrigen dreistelligen Millionenbetrag zu erzielen. Mit diesem Geld könnten dann die Arbeitsplätze in Kassel finanziert werden, heiße es aus gut informierten Kreisen.

Arbeitsplätze gefährdet

Nicht nur wegen der Arbeitsplätze ziehe ThyssenKrupp die Lizenzvergabe einem Komplettausstieg vor. Es gehe auch darum, an einem möglichen Erfolg in China partizipieren zu können. "Sind erst einmal drei Trassen in China erfolgreich in Betrieb, wird das Interesse am Transrapid weltweit schnell steigen", zitiert "Welt" einen Insider.

Der vollständige Verkauf der Transrapid-Technologie wäre auch wegen der schon in das Projekt geflossenen hohen Subventionen, zu einem Gutteil aus Steuergeldern, problematisch. Der Bund und die Wirtschaft haben dem Bericht zufolge im lauf der Jahrzehnte rund 2,4 Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung der Magnetbahn-Technologie gesteckt. Bisher haben die Chinesen über eine Lizenz lediglich Zugriff auf die Fahrwagen. Dafür habe Peking 80 Millionen Euro an ThyssenKrupp gezahlt. Die Rechte an dem als geltenden Antriebs- und Steuerungssystem liegen auch nach dem Bau der Transrapid-Bahn in Schanghai beim Konsortium von ThyssenKrupp und Siemens.

Kommt es zu einem Verkauf der Transrapid-Technologie, könnten die Chinesen die Magnetbahn vollständig selbst nachbauen und auch international vermarkten. Den Informationen zufolge soll der Hauptgrund für die Preissteigerungen beim jetzt gescheiterten Transrapid-Bau in München nicht bei den Technologiekosten liegen, sondern bei denen des Baukonsortiums unter der Führerschaft von Hochtief. Insgesamt seien die veranschlagten Kosten von den geplanten 1,85 sogar auf 3,8 Milliarden Euro gestiegen, meldete "Welt". Statt der 820 Millionen Euro, wie im September avisiert, sollten nun allein 2,2 Milliarden für Trasse und Tunnel ausgegeben werden.

Merkel bedauert Scheitern

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) findet das Aus für den Münchner Transrapid "äußerst bedauerlich". Das sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Es sei schade, dass es Politik und Wirtschaft nicht gelungen sei, wegen der gewaltigen Kostensteigerungen die kommerzielle Nutzung der Zukunftstechnologie zu realisieren. Es sei schon ein einmaliger Vorgang, dass innerhalb eines halben Jahres die Kosten um über 80 Prozent in die Höhe geschossen seien, sagte Steg.

Der ursprünglich zugesagte Bundeszuschuss von 925 Millionen Euro kann nicht für andere Verkehrsprojekte ausgegeben werden. Eine Sprecherin von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sagte: "Das Geld ist zweckgebunden. Es gibt keinerlei Rechtsgrundlage für eine andere Verwendung." Nach Angaben des Finanzministeriums seien im Haushalt zunächst 500 Millionen Euro für das Projekt veranschlagt gewesen. Diese Summe komme nun dem Bundeshaushalt zugute. Die Transrapid-Teststrecke im Emsland soll weitergeführt werden.

Politiker schieben sich gegenseitig Schuld zu

Bei der CSU löst der Verkauf des Transrapid Unmut aus. Politiker schieben sich gegenseitig die Schuld für das Scheitern der Magnetschwebebahn zu und kritisieren zugleich die Rolle der Wirtschaft. Die Politik müsse sich auf die Kalkulationen der Industrie, die noch im Herbst viel niedriger lagen, verlassen können, sagte Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) der "Passauer Neuen Presse". "Höchstrangige Wirtschaftsvertreter geben so eine Zusage doch nicht blauäugig ab." CDU-Finanzexperte Steffen Kampeter sagte der "Berliner Zeitung": "Die Industrie wollte offensichtlich kein Leuchtturmprojekt, sondern Kasse machen."

Der SPD-Fraktionsvize im Bundestag, Klaas Hübner, hielt wiederum der bayerischen Landesregierung Versäumnisse vor. "Beckstein und Stoiber haben ungeschickt agiert", sagte Hübner der "Berliner Zeitung". "Die Strategie der Landesregierung, dem Bund immer mehr Kosten aufzuladen, ist nicht aufgegangen." Sogar aus den eigenen Reihen musste Beckstein Vorhaltungen einstecken.

"Dem Ministerpräsidenten dürften die neuen Zahlen sehr gelegen gekommen sein. Anders ist die Hals-über-Kopf-Entscheidung nicht erklärbar", sagte der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Peter Ramsauer, der "Süddeutschen Zeitung". Der CSU-Politiker warnte zugleich davor, allzu schnell das nun frei werdende Geld für andere Projekte zu verplanen. "Falls es bei der Entscheidung bleibt, darf sich niemand mit den frei werdenden Mitteln des Freistaats Bayern und des Bundes in einem Geldbad fühlen", warnte Ramsauer.

Haderthauer weist Verantwortung von sich

CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer wies am Freitag jede Verantwortung ihrer Partei für das Scheitern des bayerischen Prestigeprojekts von sich. Letztlich sei der Transrapid ganz klar ein Projekt des Bundes gewesen, sagte Haderthauer dem Bayerischen Rundfunk (BR). Man könne der CSU keinen Vorwurf machen. "Wir haben erst im September letzten Jahres eine Festpreisgarantie unterzeichnen lassen von dem Industriekonsortium, weil es uns eben ganz wichtig war, dass man sich hier nicht auf ein Abenteuer einlässt", sagte sie. "Es ist gut, dass wir es so gemacht haben, denn ansonsten wäre das Ganze explodiert während der Maßnahme und das wäre aus meiner Sicht verantwortungslos gewesen."

Die CSU-Kritik an der Wirtschaft sei "ein naiver und durchsichtiger Versuch, die Verantwortung für das Debakel abzuwälzen", sagte der Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Franz Maget, am Freitag in München. "Die tatsächlichen Kosten des Transrapid-Projekts hätten bei ernsthafter Prüfung durch die Staatsregierung längst bekannt sein müssen", betonte Maget. Führende CSU-Politiker hatten zuvor der Industrie unrealistische Kalkulationen zum Transrapid vorgeworfen.

DPA/AP / AP / DPA