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20 Jahre Mauerfall - Mauerschützen: Der Schießbefehl

Der stern sprach 1989 mit den Grenzsoldaten, die die letzten Todesschüsse an der Berliner Mauer auf Chris Gueffroy abgegeben hatten - und dafür noch ausgezeichnet wurden. Hier können Sie den Text nachlesen.

Von Andreas Borchers und Wilfried Krause

Hätte, wäre, könnte. Hätte, wäre, könnte. Hätte... wäre... könnte... Mike Sch. ist 26 Jahre alt. Er könnte ein glücklicher Mensch sein: Nette Frau, zwei kleine Jungs, 6 und 4 Jahre alt, schmucke Wohnung in einem Dresdner Neubaugebiet, guter Job als Fräser. Seit eineinhalb Jahren darf er wählen, wen er will, und reisen, wohin er will. Mike Sch. könnte sich seines Lebens freuen. Wenn ihn nicht immer wieder diese quälenden Gedanken heimsuchten, die alle beginnen mit: Hätte. Wäre. Könnte.

Hätte sich dieser Junge doch nur einen anderen Fluchtweg ausgesucht... Wäre ich an diesem Abend bloß nicht mit Dienst dran gewesen... Könnte ich den Jungen doch wieder lebendig machen... Und dann dieser fürchterliche Traum, der ständig wiederkehrt, kurz und intensiv und immer gleich. "Ich sehe die blinkende Alarmleuchte an der Grenze, und wie sich der rote Schein im Metallgitterzaun spiegelt." Mehr nicht. Dann wacht Sch. schweißüberströmt auf und durchlebt wieder einmal die Nacht vom 5. auf den 6. Februar 1989, in der er, der Gefreite der Grenztruppen der DDR, einen jungen Menschen mitgetötet und sein eigenes Leben verpfuscht hat.

"Halt! Stehen bleiben!"

Chris Gueffroy war 20 Jahre und hatte einen großen Traum: raus aus diesem engen, miefigen Land, in dem schon als weit gereist galt, wer mal Badeurlaub am Balaton gemacht hatte. Chris wollte nach Amerika. Am 5. Februar 1989 machen sich Chris und sein Freund Christian G. gegen 21 Uhr auf in Richtung Mauer. In Berlin-Treptow wollen sie durch den Teltowkanal gen Westen schwimmen. Die Nacht ist kalt, gerade mal ein Grad über Null. Chris und Christian robben über zwei Stunden lang an den Kontrollen vorbei durch Schrebergärten, überwinden die erste, drei Meter hohe "Hinterlandsicherungsmauer", laufen über die Sperranlage mit Stolperdraht bis zum Graben vor dem letzten Zaun. Plötzlich wird es taghell. Rufe: "Halt! Stehen bleiben!" Es ist 23.39 Uhr. Die beiden rennen weiter. Schüsse knallen, ganze Salven. Am Zaun macht Chris für seinen Freund eine "Räuberleiter". Wieder Schüsse. Aus.

Christian G. hat Glück im Unglück: Er wird nur in den rechten Fuß getroffen. Im Mai 1989 verurteilt ihn ein DDR-Gericht zu drei Jahren Haft wegen versuchter Republikflucht in einem schweren Fall. Chris Gueffroy hat ein Schuss den Herzmuskel zerrissen. Er stirbt, laut Sterbeurkunde, am 6. Februar um 0.20 Uhr. Der 20 Jahre alte Kellner ist, ein dreiviertel Jahr vor dem Fall der Mauer, das letzte Todesopfer an der innerdeutschen Grenze - getötet von Männern, die nur wenig älter waren als er, von den Grenzsoldaten Andreas K., Ingo H, Peter S. und Mike Sch.

Kalaschnikov auf Dauerfeuer

Zusammengesunken sitzt Mike Sch. in seinem Wohnzimmersessel, das Gesicht aschfahl, und schildert, wie er diesen Abend des 5. Februar erlebt hat. Er hatte mit seinem Kameraden Ingo H. vom Wachturm an der Britzer Allee aus den Lastwagen mit der Ablösung erspäht und sich auf den Weg nach unten gemacht, als plötzlich die Alarmleuchte blinkte. Da wusste Sch., dass sein großer Wunsch geplatzt war: den anderthalb jährigen Grenzdienst ohne "Ernstfall" durchzustehen. Er wusste, dass "Grenzverletzer" den Auslösedraht berührt hatte. Und er wusste, dass er sie aufhalten musste, mit allen Mitteln.

Die Alarmleuchte blinkte rot, das hieß, die Flüchtlinge befanden sich im Wachabschnitt nebenan, beim Grenzposten "Straße 16" wo Andreas K. und Peter S. Dienst schoben. Mike Sch.: "Als wir aus dem Turm kommen, ruft der S. "Halt, Grenzposten, stehen bleiben!" und gibt einen Warnschuss ab. Wir mussten in so einem Fall in unserem Wachbereich bleiben, aber da liefen die beiden Männer genau schräg rein. Die sind gerannt wie die Schneider." K. und S. schossen, K.'s Kalaschnikow stand auf Dauerfeuer. Trotzdem gelangten die Flüchtlinge an den Drahtgitterzaun. Und dann sagte Mike Sch. die Worte, derer er sich heute schämt, die ihm in Kürze eine Anklage einbringen werden: "Jetzt müssen wir auch schießen, sonst sind sie fort."

Mike Sch. war der Postenführer, durfte Ingo H. Befehle geben. Er weiß nicht, ob sein Untergebener auch ohne die Aufforderung geschossen hätte. Er kann auch nicht mehr sagen, warum er selbst nicht abdrückte, obwohl er seine Pistole schon in der Hand hatte. Er weiß nur: Ingo H. schoss. Und der Mann, der am Zaun eine "Räuberleiter" geformt hatte, sackte zusammen.

Wie viele Menschen, die zwischen August 1961 und November 1989 in den Westen türmen wollten, an der rund 1.900 Kilometer langen Demarkationslinie zwischen DDR und Bundesrepublik von Soldaten erschossen wurden oder in den Minenfeldern ums Leben kamen - das weiß zumindest einer ganz genau: Erich Honecker. Der Herrscher über die DDR erhielt bis zuletzt detailliert Meldung über jeden Toten an seinem "antifaschistischen Schutzwall". Aber der oberste Republikflüchtling schweigt in seinem Moskauer Exil. Und längst sind noch nicht alle Akten aufgetaucht.

153 Verfahren gegen Grenzsoldaten

78 Tote soll es an der Berliner Mauer gegeben haben, weitere 131 entlang der DDR-Grenze. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen. Denn die Stasi, deren "Verwaltung 2000" jeden mit Waffengewalt verhinderten Grenzduchbruch untersuchte und auswertete, vertuschte, wo es nur ging. So ließen die Geheimdienstler nach Informationen, die dem stern vorliegen, 1987 zwei Männer, die - vom Westen unbemerkt - an der Mauer erschossen worden waren, heimlich beiseite schaffen und in einem Berliner Krematorium einäschern. Diese beiden Toten tauchten bis heute in keiner Opferstatistik auf.

Inzwischen ermittelt die in Berlin angesiedelte "Arbeitsgruppe Regierungskriminalität" in 153 Fällen gegen Grenzsoldaten, die Flüchtlinge erschossen oder verletzt haben, einige weitere Verfahren sind bei den Staatsanwaltschaften diverser Bundesländer anhängig. 38 Todesschützen sind der Berliner Justiz namentlich bekannt. Mike Sch. und seine drei Kameraden gehören dazu.

Anstiftung zum Totschlag

Noch in diesem Jahr, sagt Justizsprecherin Jutta Burghart, hoffe die Staatsanwaltschaft, "die Ermittlungen in dem einen oder anderen Fall abschließen zu können". Bei einer Verurteilung droht den Tätern eine Haftstrafe nicht unter fünf Jahren wegen Totschlags. Verhaftet ist allerdings noch keiner.

Dafür sitzen seit Anfang vergangener Woche Honeckers Helfershelfer in Sachen Schießbefehl, die einstigen SED-Größen Hans Albrecht, Heinz Keßler, Erich Mielke, Willi Stoph und Fritz Streletz, In Untersuchungshaft. Haftgrund: Anstiftung zum Totschlag.

Die Nachricht von den Verhaftungen quittierte Mike Sch. eher mit einem Achselzucken. Was hilft es ihm, dass nun endlich die eigentlich Verantwortlichen für die Todesschüsse zur Rechenschaft gezogen werden sollen? Er muss weiter mit dem (Selbst-)Vorwurf leben, ein "Mauer-Mörder" zu sein, weil er einen Befehl abgegeben hat.

Mike Sch. ist Täter, aber auch Opfer eines Regimes, das Männer, Frauen und Jugendliche abknallen ließ, die nur von einem Land in andere wollten. Mike Sch. sagt, er sei "kaputtgemacht" worden. Dabei hatte er bloß mehr Pech als die meisten seiner Kameraden: Er stand einfach zur falschen Zeit an der falschen Stelle.

Erster Toter am 24. August 1961

Der Wahnsinn hatte Methode, von Anbeginn. Ein Dokument, das dem Haftbefehl gegen Erich Honecker zugrunde liegt, beweist, dass er bereits einen Monat nach Abriegelung der Grenze befohlen hatte, auf flüchtende DDR-Bürger zu schießen. Im "Protokoll über die Lagebesprechung des zentralen Stabes am 20.09.1961" stehen unter der Überschrift "Gen. Honecker fasst die bisherigen Ergebnisse der Beratung zusammen und ordnet an" auch die menschenverachtenden Sätze: "8. Gegen Verräter und Grenzverletzer ist die Schusswaffe anzuwenden. Es sind solche Maßnahmen zu treffen, dass Verbrecher in der 100 m Sperrzone gestellt werden können. Beobachtungs- und Schussfeld ist in der Sperrzone zu schaffen."

Zu diesem Zeitpunkt war freilich schon der erste Ost-Berliner an der seit dem 13. August verbarrikadierten und scharf bewachten Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten gestorben. Am 24. August versuchte Günter Litfin durch den Humboldthafen ans westliche Ufer zu schwimmen. Kurz bevor er sein Ziel erreichte, wurde der 24jährige erschossen.

Rücksichtsloser Gebrauch der Schusswaffe

Die letzte Erneuerung des Schießbefehls stammt aus dem Jahr 1974. Am 3. Mai trafen sich die Mitglieder des Nationalen Verteidigungsrates zwischen 10 und 12.15 Uhr im Verteidigungsministerium in Strausberg zu ihrer 45. Sitzung. In der Aussprache, heißt es in dem als "Geheime Kommandosache" (GKdos-Nr.: 19/74) eingestuften und mit Honeckers Unterschrift versehenen Sitzungsprotokoll," legte Genosse Erich Honecker folgende Gesichtspunkte dar: ...überall (an den Grenzsicherungsanlagen, Red.) muss ein einwandfreies Schussfeld gewährleistet werden: ...nach wie vor muss bei Grenzdurchbruchsversuchen von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrach gemacht werden, und es sind die Genossen, die die Schusswaffe erfolgreich angewandt haben, zu belobigen."

"Dem Bericht und den mündlichen Ausführungen wurde unter Berücksichtigung der Ausführungen des Genossen Erich Honecker", heißt es weiter, "die volle Zustimmung gegeben." Darauf gründet der Vorwurf "Anstiftung zum Totschlag" gegen Albrecht, Keßler, Mielke, Stoph und Streletz.

Eine schriftliche Anweisung an die Truppen "rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch zu machen", hat es nie gegeben. Das war den DDR-Machthabern zu riskant. Sie fürchteten, ertappt zu werden. Denn immer wieder türmten auch Soldaten, die als geheim eingestufte Dokumente mit nach "drüben" nahmen. Selbst die Dienstvorschrift 018/0/008 vom 5. August 1974 über den "Einsatz der Grenztruppen zur Sicherung der Staatsgrenze - Gebrauch der Schusswaffe" wurde deshalb nur in 3524 Exemplaren an höherrangige Offiziere verteilt. "Der Gebrauch der Schusswaffe", heißt es in dem Papier, "ist grundsätzlich mit "Halt! Grenzposten! Hände hoch!" anzukündigen. Wird der Aufforderung nicht Folge geleistet, ist ein Warnschuss abzugeben. Bleibt auch diese Warnung erfolglos, ist gezieltes Feuer zu führen." Darauf wurden die Grenzer gedrillt, unter anderem auf dem Bössel, einem Berg bei Suhl.

Wie ein Spiel, wie Sportunterricht

Dort ließen die Militärs Anfang der achtziger Jahre einen anderthalb Kilometer langen Grenzabschnitt originalgetreu nachbauen. "Es war wie ein Spiel, wie Sportunterricht", beschreibt ein Ex-Offiziersschüler die Unterrichtspraxis. Die Besten des Jahrgangs durften, gekleidet in schwarze Overalls, Republikflüchtlinge mimen. Von den Ausbildern bekamen sie Instruktionen, ob sie nach dem ersten Warnschuss stehen bleiben oder weiterlaufen sollten. Die Jäger hatten einen klaren Auftrag: den Flüchtling auf jeden Fall zu stellen, tot oder lebendig. Ganz realistisch, wie an der richtigen Grenze. Mit einem großen Unterschied: Auf dem Bössel schoss man mit Platzpatronen. Am Ende der makabren Inszenierung erhielten die Auszubildenden Noten. Der ehemalige Offiziersschüler: "Wenn es die Situation erforderte und du hast nicht geschossen, gab's eine Fünf. So hat man uns ein System eingeimpft, das sich im Ernstfall von alleine auslöst."

"Wenn ihr merkt, ihr kriegt ihn nicht mehr, dann haltet druff."

Mike Sch. musste im November 1987 zur Armee. Dass er zu den Grenztruppen kam, behagte ihm nicht, aber dagegen konnte er nichts machen. Stellungsbefehl war Stellungsbefehl. Als ihn ein Vorgesetzter fragte, ob er auf Menschen schießen könne, antwortete Mike Sch. ehrlich: "Ich weiß es nicht."

Auf dem Übungsplatz Germendorf lernte er das Ansprechen eines Grenzverletzers, das Zusammenziehen der Wachposten, die Festnahme. Geschossen wurde nur auf dem Schießstand, mit der Kalaschnikow, bei Tag, bei tief stehender Sonne, bei Dunkelheit, und Mike Sch. war ein ziemlich lausiger Schütze.

Nach einem halben Jahr wurde er nach Berlin-Treptow versetzt, zum Wacheschieben an der Mauer. Da lernte er, dass die nicht überall aus Beton bestand, sondern teilweise aus einem Metallgitterzaun. Und er lernte, was der Schießbefehl war - keine förmliche Anweisung, sondern ein Satz aus dem Mund des Vorgesetzten: "Wenn ihr merkt, ihr kriegt ihn nicht mehr, dann haltet druff."

Viel "Schwedt" für Nichtschießen

Natürlich haben sie sich im Kameradenkreis auch mal über das Schießen im "Ernstfall" unterhalten. Sie hofften alle, dann nur die Beine zu treffen. Aber sie wussten, dass das im Dunkeln und auf Entfernung und in der Aufregung sehr schwierig sein würde.

Und danebenschießen? Oder gar nicht schießen? Das wäre ein schwerer Verstoß gegen die Dienstvorschrift gewesen, bedroht mit Strafen. Das begann mit Tadel und endete mit "Schwedt". Der Name des Militärgefängnisses reichte als Abschreckung. Für Nichtschießen hätte es viel "Schwedt" gegeben. Jetzt müssen die Schützen mit einer Haftstrafe rechnen für eine Tat, die zu unterlassen sie noch vor zwei Jahren ins Gefängnis gebracht hätte.

"Wir mussten damit ganz allein fertig werden"

Während Mike Sch. seine inneren Qualen offenbart, blocken die anderen Schützen Ingo H., Andreas K. und Peter S. ab. Sie sind inzwischen, ebenso wie Sch. von der Berliner Kripo vernommen worden und schweigen lieber. K., ein schmaler Mann mit kurzen blonden Haaren, blafft nur: "Wollen Sie mich etwa belästigen"? Peter S., 26, Melker von Beruf, wirkt völlig niedergeschlagen und sagt nur 2 Sätze: "Am 9. November habe ich mir schon gedacht: Jetzt kann`s sehr böse kommen." Und: "Ich rechne mit dem Schlimmsten."

Ingo H., 25, Schreiner, wiederholt eine halbe Stunde lang stereotyp den einen Satz: "Ich sage dazu erst vor Gericht wieder was." Seine Frau steht neben ihm im Hausflur. Sie sagt leise: "Uns hat früher keiner gefragt, wie`s uns geht, und jetzt auch nicht. Wir mussten damit ganz allein fertig werden." Durch H.'s Kugel ist Chris G. vermutlich getötet worden.

"Danach haben wir eine ganz normale Festnahme getätigt", schildert Mike Sch. die Minuten nach den Schüssen. Er wirkt, als müsse er sich an dieser Lehrbuch-Floskel festhalten, um nicht mit dem Kopf auf die Tischplatte zu kippen. Später, nachdem Chris Gueffroy und Christian G. abtransportiert sind, müssen Sch. und die drei anderen Grenzer ihre Waffen abgeben. Offiziere kontrollieren die Magazine, zählen die verbliebenen Patronen. Mike Sch. wird gefragt, warum er nicht geschossen habe. Er weiß es nicht, steht unter Schock, ist "völlig fertig".

Was dann kommt, ekelt ihn nur an. "Ein oder zwei Tage Sonderurlaub und das Leistungsabzeichen, verbunden mit einer Prämie von 150 Mark der DDR." Er hat nur noch "die Schnauze voll". Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass Chris Gueffroy tot ist. Das erfährt er erst später und eher beiläufig von einem Unteroffizier.

Als seine Vorgesetzten erkennen, dass Sch. nie wieder die Waffe ziehen, geschweige denn schießen würde, versetzen sie ihn in eine Ausbildungseinheit. Im April 1989 wird er aus dem Dienst entlassen. Und jetzt ist da dieser immer wiederkehrende Traum mit dem roten Alarmsignal, der für Sch. schlimmer ist als der Gedanke an zehn oder fünfzehn Jahre Knast. "Und wenn im Fernsehen irgend etwas über die Grenze damals kommt", erzählt er, "dann sitz` ich da und bibbere. Ich hab' Angst, dass die Leute auf der Straße mit den Fingern auf mich zeigen. Aber am meisten hab' ich Angst davor, dass meine Frau und meine Söhne darunter leiden müssten."

"Die hätten auch danebenschießen können"

Ein paar Mal hat Mike Sch. überlegt, ob er Chris Gueffroys Mutter einen Brief schreiben soll. Die bedauert er sehr, mehr noch als den Sohn, der schließlich gewusst habe, was ihm im Grenzbereich passieren könne. Er hat es gelassen. Er wolle, sagt Mike Sch., die Frau nicht noch mehr belasten. Aber er weiß, dass das nur eine Ausrede ist. In Wahrheit schämt er sich so sehr, dass er keine Worte finden würde. Karin Gueffroy, die Mutter von Chris, hat kein Mitleid mit den "Mauer-Mördern". "Die hätten", sagt sie, "auch danebenschießen können. Dann wären sie vielleicht vier Wochen ins Gefängnis gekommen. Und was sind vier Wochen gegen ein Leben?"

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Nach der Wiedervereinigung wurde 1991 Anklage gegen Mike Sch. und die drei anderen Grenzsoldaten wegen Totschlags erhoben. Mike Sch. und zwei seiner Kameraden wurden freigesprochen. Ingo H., der den tödlichen Schuss auf Gueffroy abgegeben hatte, wurde zunächst zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde jedoch, nach einer erfolgreichen Revision beim Bundesgerichtshof auf zwei Jahre mit Bewährung herabgesetzt. Am Tatort erinnert heute ein Denkmal an Chris Gueffroy.