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20 Jahre Mauerfall - Mauerschützenprozess: "Unser Leben ist verpfuscht"

stern-Reporterin Ingrid Kolb beobachtete 1991 den ersten Prozess gegen vier Mauerschützen in Berlin. Dabei zeigte sich vor allem eins: An der Mauer gab es viele Opfer. Selbst die Täter waren welche. Hier können Sie Kolbs Reportage nachlesen.

Als Monika Adam im Februar 1989 in westlichen Nachrichtensendungen hört, dass es in der Nacht vom 5. auf den 6. einen Toten bei einem gescheiterten Fluchtversuch an der Berliner Mauer gegeben haben soll, denkt sie spontan: "Was für ein Unglück für die arme Mutter." Und im nächsten Moment: "Hoffentlich hatte der Andreas nichts damit zu tun."

Ihr Sohn Andreas K. ist zu diesem Zeitpunkt Wehrpflichtiger im Grenzregiment 33 in Berlin-Treptow, und sie weiß, dass er zur Spätschicht eingeteilt worden war, denn sie hat ihn am Wochenende vorher besucht. Ihr Mann, der Stiefvater von Andreas, beruhigt sie: "Was glaubst du, wie viele Grenzsoldaten es da oben gibt. Er ist doch nicht der einzige."

Tagelang hört sie nichts von ihm. Das ist ungewöhnlich, denn er meldet sich sonst immer. Sie spricht mit ihrer Schwiegertochter über ihren Verdacht. Marita K., die Frau von Andreas: "Zuerst konnt' ich mir nicht vorstellen, dass nun ausgerechnet er da mit dabei sein sollte. Aber als er dann heimkam, brauchte ich ihn nur anzusehen. Da wusste ich, dass etwas passiert war. Und da hat er's mir dann erzählt."

"Ich seh' ihn immer noch vor mir liegen."

Zur gleichen Zeit wird Karin Gueffroy in Ostberlin zur Staatssicherheit bestellt. Eineinhalb Stunden lang muss sie Fragen beantworten über ihren 20-jährigen Sohn Chris, von dem sie denkt, er sei nach Prag gereist. Dann betritt ein Mann in Uniform den Raum und teilt ihr mit, Chris Gueffroy sei gestorben. Er habe einen Anschlag auf eine militärische Einrichtung verübt. Erst später erfährt sie, dass er beim Fluchtversuch zwischen Straße 16 und Britzer Allee vor der Überwindung des letzten Sperrzaunes erschossen wurde.

"Diese Nacht hat uns alle ins Unglück gestürzt", sagt Andreas K., "es ist seither kein Tag vergangen, am dem ich nicht dran denken musste. Ich weiß, dass ich ihn nicht getroffen habe, aber ich seh' ihn immer noch mir liegen. Aber was hätten wir machen sollen? Unser Leben ist auch verpfuscht."

Alltägliche, realsozialistische Bahnen

Totschlag und versuchter Totschlag lautet jetzt vor dem Moabiter Schwurgericht in Berlin die Anklage gegen Andreas K. und die drei anderen ehemaligen Grenzsoldaten Peter S., Mike Sch. und Ingo H., die in jener Februarnacht den Fluchtversuch von Chris G. und dessen Freund Christian G. mit Waffengewalt verhindert hatten. Chris Gueffroy wurde durch einen Schuss ins Herz getötet, Christian G. am Fuß verletzt.

Das Leben des Andreas K. verlief bis zu diesem Zeitpunkt in alltäglichen realsozialistischen Bahnen. Kindergarten, Schule, Junge Pioniere, Freie Deutsche Jugend. Als er acht Jahre alt war, ließ die Mutter sich scheiden. Der Ex-Mann tauchte einfach weg. Zurück blieb eine Frau, die täglich von 7 bis 16 Uhr in einer Schuhfabrik arbeitete und abends bin in die Nacht hinein kellnerte, um ihre zwei Jungs groß zu kriegen. Die waren brav und halfen im Haushalt.

Auf Menschen schießen?

Andreas begann eine Lehre als Elektromontierer im Funkwerk Erfurt. Mit siebzehn verliebte er sich in eine damals vierzehnjährige Schülerin, die er auf einem Jahrmarkt ansprach. Er durfte sie nach Hause begleiten, und von diesem Tag an blieben sie zusammen. Im Juni 1988 wurde Töchterchen Shaleene geboren, im September heirateten sie. Da war er noch bei der Armee. Er besorgte eine Wohnung für Frau und Kind in einem der Betonkästen von Erfurt-Rieth und sehnte das Ende der Militärzeit herbei.

Niemand hatte ihn gefragt, ob er bei den Grenztruppen dienen wollte. Nach der halbjährigen Grundausbildung wurde er nach Berlin versetzt. Dort musste jeder einzeln Auskunft geben: ob er sich vorstellen könne, auf Menschen zu schießen? Andreas K. erschrak. Nein, sagte er, dazu sei er nur in der Lage, wenn sein eigenes Leben bedroht werde. Der Vorgesetzte dankte ihm für die offenen, ehrlichen Worte.

"Passiert schon nichts."

Am nächsten Tag fand K. seinen Namen auf dem Schwarzen Brett unter den Sonderdiensten eingetragen. Er musste in die Küche zum Abwaschen, wochenlang. "Küchenschabe", spotteten die anderen, wenn sie zum Grenzdienst loszogen, "Weichwurst". Den Kameraden auf seiner Stube tat er leid. "Mensch, das ist doch nur ein Wisch", sagten sie, "da schreibste drauf, dass Du Dein Vaterland verteidigen wirst mit der Waffe in der Hand. Passiert schon nichts." Nach etwa sechs Wochen reichte er die Unterschrift nach.

Schon im Vorfeld des Prozesses ist Streit darüber entbrannt, ob sich die Mauerschützen nach damals geltendem Recht überhaupt strafbar gemacht haben. Mehrere Anträge der Verteidiger, das Verfahren einzustellen oder auszusetzen, werden vom Gericht abgewiesen.

Glücklich über die Wende

Rechtsanwalt Stefan K. rügt am ersten Verhandlungstag auch die Besetzung des Gerichts. Über die ostdeutschen Täter befinden ausschließlich westdeutsche Schöffen. Dieser Einwand wird ebenfalls zurückgewiesen. Doch können sich Menschen, die nicht in der DDR aufgewachsen sind, wirklich einfühlen in die Lage, in der sich die Angeklagten damals befanden?

K. war nach der Tatnacht krank geworden: Nervenzusammenbruch. Er musste nicht mehr an die Grenze. "Die haben gemerkt, dass ich fertig bin, dass ich das nicht mehr durchsteh'." Über den Grund seiner Gemütsverfassung durfte er auch nach seiner Entlassung aus dem Wehrdienst nicht sprechen. Das hatte ihm die Stasi verboten.

Er war glücklich, als die Wende kam und die Mauer fiel. Weil er dachte, jetzt kann er sich das von der Seele reden. Dass er sich strafbar gemacht haben könnte, kam ihm nicht in den Sinn.

Im Urlaub verhaftet

Erst als im Dezember 1990 die Kripobeamten aus Berlin bei ihm in Erfurt zur Vernehmung anrückten, sah er die Akte mit seinem Namen, und vorne auf dem Deckel stand "Mord". Andreas K.: "Da war ich total fertig. Ich hab' dagesessen, gezittert und geheult."

Am 14. Juni dieses Jahres wurde er verhaftet. Er machte gerade ein paar Tage Ferien mit seiner Frau und dem Kind an der Ostsee, als sie ihn holten. Aus dem Fenster des winzigen Quartiers sah er seine Mutter kommen mit einem fremden Mann.

Die Beamten hatten ihn in Erfurt gesucht und zu ihr gesagt, wenn sie seine Urlaubsadresse nicht verrate, müssten sie eine Fahndung ausschreiben. Monika A.: "Ich bin dann mitgefahren, um ihm und seiner Frau beizustehen. Gefühlt hab ich mich wie eine Mutter, die ihren eigenen Sohn zum Schafott führt."

Ein roter Punkt an der Zellentür: Suizidgefahr

Monika A. kann die Gefühle der anderen Mutter verstehen, die neben dem Staatsanwalt sitzt und den Prozess als Nebenklägerin verfolgt. Sie würde sie gern ansprechen, um ihr das zu sagen. Aber sie hat Angst, nicht die richtigen Worte zu finden. Jetzt sorgt sie sich vor allem um ihren Jungen: "Soll mein Kind auch noch kaputtgehen?" fragt sie. Während seiner U-Haft klebte an seiner Zellentür ein roter Punkt: Suizidgefahr.

"Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich meine Frau und meine Tochter nicht gehabt hätte", sagt Andreas K. kurz vor Prozessbeginn zum stern. Er leidet darunter, dass er seiner Familie nichts bieten kann. Sie hilft ihm so sehr, und er ist arbeitslos. Die Funkwerke Erfurt haben dichtgemacht. Eine Umschulung ging ihm wegen der U-Haft durch die Lappen. Sie leben von 750 Mark im Monat, und die Miete vervierfacht sich demnächst. Als er nach fünf Wochen U-Haft nach Hause kam und sah, wie seine junge Frau in Katalogen blätterte, sie dann still wieder weglegte, wäre er am liebsten aus dem Fenster gesprungen.

Anwälte engagierter, als es ihren Mandanten gut tut

In den ersten Verhandlungstagen kommt es immer wieder zu scharfen Wortwechseln, bei denen die juristischen Fachausdrücke durch den Raum fliegen wie unbekannte Geschosse. Ausreiserecht, Menschenrecht, Völkerrecht, Grundrecht, Kernbereich des Rechts - darum geht es, aber damit können die Angeklagten kaum etwas anfangen.

Die Anwälte sind engagiert und kämpferisch - manchmal mehr, als ihren Mandanten gut tut. Johannes Eisenberg, der Mike Sch. vertritt: "Wenn es danach geht, wer lauter schreien kann, setze ich mich blendend durch." Der Vorsitzenden Richter Theodor Seidel: "Ich erteile Ihnen jetzt das Wort. Wenn ich es nicht tue, reden Sie ja trotzdem."

Der Münchner "Star-Anwalt" Rolf Bossi, der Andreas K. verteidigt: "Ich verwahre mich gegen eine Prozessführung von Ihren Gnaden. Wir haben das Recht, bei der Wahrheitsfindung mitzuwirken." Der Vorsitzende: "Sparen Sie sich solche Belehrungen."

Mitten in diese aufgeheizte Atmosphäre hinein soll als erster Andreas K. aussagen. Im Eiltempo prescht der Vorsitzende durch die Vernehmung zur Person. Seidel, der 1950 aus Dresden in die Bundesrepublik übersiedelte, will so schnell wie möglich zum Tatort, zur Nacht an der Mauer, fragt nach der Entfernung von Lichtmasten, nach Positionen beim Schießen. Die Anwälte greifen ein. Also zurück zur Jugendzeit des Angeklagten. Man spürt, wie sich die Angst des schmächtigen 27-Jährigen allmählich in Trotz verwandelt. Ja, er war bei den Jungen Pionieren, stolz hat er das Thälmann-Halstuch getragen. Nein, er hatte keine Probleme mit dem System.

Am nächsten Tag steht in den Zeitungen, die sein vom Weinen verzerrtes Gesicht millionenfach präsentieren, er habe "recht ungerührt", fast militärisch präzise über das Geschehen gesprochen. Ausgerechnet er.

Nach der Wiedervereinigung wurde 1991 Anklage gegen Andreas K. und die drei anderen Grenzsoldaten wegen Totschlags erhoben. K. und zwei seiner Kameraden wurden freigesprochen. Ingo H., der den tödlichen Schuss auf Gueffroy abgegeben hatte, wurde zunächst zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Das Urteil wurde jedoch, nach einer erfolgreichen Revision beim Bundesgerichtshof auf zwei Jahre mit Bewährung herabgesetzt. Am Tatort erinnert heute ein Denkmal an Chris Gueffroy.

Ingrid Kolb / print