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Nach der Wahl in Baden-Württemberg: Pro&Contra: Die Grünen - eine Volkspartei?

Sie erzielen Traumergebnisse, stellen sogar einen Ministerpräsidenten. Schließen die Grünen zu Union und SPD auf? Oder ist das nur ein kurzer Höhenflug? Hier streiten zwei stern.de-Redakteure.

Next Stop: Kanzleramt

Sind die Ökos jetzt Volkspartei? Na klar, zumindest im Moment. Keine andere Partei hat dem Fukushima-geschockten Volk in Sachen Atompolitik so glaubwürdig aus der Seele gesprochen - und dafür sofort den Lohn eingefahren. 24,2 Prozent in der schwarzen Herzkammer, Erfolge in Mainz und Magdeburg. Grün hat Hochkonjunktur. Hallelujah.

Aber geschenkt. Viel interessanter ist die Frage, ob die Grünen strukturell das Zeug zur Volkspartei haben, mit allem drum und dran, mit Unterstützern aus vielen Bildungs- und Einkommensschichten, mit satten Wahlergebnissen zwischen 25 und 40 Prozent. Stirnrunzler und Demoskopen, die Lordsiegelbewahrer des Ist-Zustands, schütteln da den Kopf. Baden-Württemberg sei eine Momentaufnahme, unken sie. Die Grünen hätten ihr Potenzial ausgeschöpft, ihren Zenit erreicht. Fukushima gebe es hoffentlich nicht jeden Tag. Und in den Mühlen der Macht mutiere selbst der treuherzigste Grüne zum wählervergessenden Machiavellisten. Memento Moorburg!

Die Grünen sind die einzige moderne Partei

Nur: So einfach ist es nicht. Zugegeben, viel hängt davon ab, wie sehr Union, SPD und FDP sich weiter selbst zerlegen. Aber wenn die so weitermachen wie bisher, können die Grünen eine Lücke füllen, dann kann Silberrücken Trittin eines Tages sogar ins Kanzleramt einziehen.

Denn Grün ist längst Mainstream. Die Partei hat das Potenzial, das gesamte Wählerspektrum von der konservativ-liberalen Mitte bis hin zur liberalen Linken abzudecken, bei der vormaligen CDU-, FDP- und SPD-Klientel zu wildern. Das Grünen-Handicap war bislang, dass sie dieses Potenzial nicht voll ausschöpfen konnten, weil sie nur die oberen Schichten ansprachen: Akademiker, Beamte, auch Selbständige; klassische Verteilungsfragen, wichtig vor allem für Mittel- und Geringverdiener, gehörten nicht zum Repertoire. Diese Gemengelage ändert sich. Grüne Kernthemen - Energiepolitik, Ökologie, Verbraucherschutz - sind längst von zentraler Bedeutung mit starken verteilungspolitischen Elementen. Weil die Zahl der grünen Berufspolitiker in den Landesparlamenten zudem stetig wächst, wird die Partei ihr Themenspektrum weiter ausbauen können. Überdies sind die Grünen gut darin, Graswurzelbewegungen aufzusaugen, Bürgerbegehren in Parlamente zu tragen. Das wird immer wichtiger. Der Ochsentour-Partei SPD fällt genau das schwer, dem Hinterzimmer-Verein CDU auch.

Entscheidend für den künftigen Erfolg aber kann etwas anderes sein: Die Grünen sind die einzige moderne Partei im Land. Denn die Ökos haben verstanden, dass Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft post-ideologischer Politik vor allem auf transparenten, nachvollziehbaren Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen beruhen. So oft wie keine andere Partei lassen die Grünen die Kraft des Arguments gelten - und das Personal, abgesehen vielleicht von Claudia Roth, verkörpert das auch glaubwürdig. Angesichts der "nicht immer rationalen" (Brüderle) Politik der anderen, ist dieser vernunftgetriebene, nachhaltige Ansatz ein gewaltiges Plus. Die Grünen könnten damit noch weit kommen. Next stop: Kanzleramt.

Kellner, nicht Koch

Deutschland bekommt erstmals einen grünen Ministerpräsidenten. Es ist nicht übertrieben, dieses Ergebnis der Baden-Württemberg-Wahl mit dem Adjektiv "historisch" zu versehen. Wer jetzt jedoch die Grünen auf dem Weg zur Volkspartei wähnt und sogar einen grünen Bundeskanzler für möglich hält, verkennt die Besonderheit dieses Moments: Historisch ist der Wahlausgang deshalb, weil er seine Entstehung einer einmaligen Konstellation verdankt. Und nicht, weil er eine neue politische Ära einläutet.

Wichtigste Ursache für den Erfolg war der Wunsch der Wähler nach einer anderen Energiepolitik. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat dafür gesorgt, dass ein Kernthema der Grünen zum wichtigsten Wahlkampfthema wurde. Das hat den Grünen das entscheidende Prozent Vorsprung gebracht, das die Rollen in der neuen Koalition festlegt: Die Grünen sind Koch, die SPD Kellner.

Zum anderen haben die Grünen von ihrer klaren Positionierung gegen das umstrittene Bahnhofsprojekt S21 profitiert. Ein landespolitischer Sonderfall, der nicht auf andere Länder oder den Bund übertragbar ist. Auch das Atomthema dürfte im Laufe der Zeit an Bedeutung verlieren und von wirtschafts- und sozialpolitischen Themen verdrängt werden - und da wird CDU und SPD eine höhere Kompetenz zugebilligt.

Anderswo sind die Grünen eine Kleinpartei

Mit 24 Prozent haben die Grünen ihr Wählerpotenzial restlos ausgeschöpft. Schon bald dürften sich die Werte der Grünen auf Normalmaß einpendeln. Dass das weit unter 20 Prozent liegt, zeigen die Ergebnisse der anderen Landtagswahlen in diesem Jahr. In Sachsen-Anhalt waren die Grünen vergangene Woche froh, überhaupt den Einzug ins Parlament geschafft zu haben - trotz Fukushima kam die Öko-Partei nicht über 7,1 Prozent hinaus.

Ähnlich enttäuschend fiel das Ergebnis der Hamburg-Wahl im Februar aus. In dieser vom akademischen Bürgertum - der grünen Kernwählerschaft - geprägten Stadt erzielte die GAL lediglich 11,2 Prozent, während die SPD das schaffte, was es im Fünf-Parteien-Parlament eigentlich gar nicht mehr geben dürfte: Sie holte die absolute Mehrheit. Und in Rheinland-Pfalz rangieren die Grünen satte 20 Prozentpunkte hinter SPD und CDU. Das soll also die neue Volkspartei sein?

Nicht auszuschließen, dass die Grünen im September bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus das Kunststück noch einmal wiederholen und ein zweites Bundesland regieren können. Damit hätte die Partei das Optimum aus dem gegenwärtigen Stimmungshoch herausgeholt. Schon im nächsten Jahr werden die Grünen bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein froh sein, ein zweistelliges Ergebnis zu erzielen. Und wenn die Grünen dann 2013 mit einem polarisierenden Spitzenkandidaten Jürgen Trittin gegen den abgeklärten Staatsmann Frank-Walter Steinmeier in die Bundestagswahl ziehen - spätestens dann werden die Wähler wieder wissen, wer Koch und wer Kellner ist.