Neuer Ministerpräsident Tillich Sachsen küren Sorben zum Chef

Der sächsische Landtag hat den CDU-Politiker Stanislaw Tillich am Mittwoch zum Nachfolger des glücklosen Ministerpräsidenten Georg Milbradt gewählt. Damit übernimmt erstmals ein Mitglied der nationalen Minderheit der Sorben die Regierungsgeschäfte in Dresden.

Der CDU-Politiker Stanislaw Tillich ist am Mittwochvormittag zum neuen Ministerpräsidenten des Landes Sachsen gewählt worden. Der bisherige Finanzminister bekam im Landtag bereits im ersten Wahlgang die erforderliche Mehrheit. Für den 49-Jährigen stimmten in geheimer Wahl 66 Abgeordnete, drei mehr als im ersten Wahlgang erforderlich. Die Koalition von CDU und SPD verfügt im Dresdner Landtag über 68 Mandate, ein CDU-Abgeordnete fehlte allerdings wegen Krankheit. Demnach hat offenbar einer der 67 anwesenden Koalitionsabgeordneten nicht für den neuen Regierungschef gestimmt. Tillich löst Georg Milbradt (CDU) ab. Der 63-Jährige war nach der Krise um die Landesbank von allen Ämtern zurückgetreten.

Die Wahl von Tillich zum neuen Regierungschef ist vor allem für das Volk der Sorben etwas ganz besonderes. Schließlich bekleidet erstmals ein Repräsentant dieser slawischen Minderheit in Deutschland ein solch hohes Amt. Die Sorben sind die einzige nationale Minderheit in den neuen Bundesländern, in ganz Deutschland haben sonst nur die Dänen in Schleswig-Holstein, die Friesen in Niedersachsen und Schleswig-Holstein und Sinti und Roma diesen Status inne. Die Sorben besiedelten um das Jahr 600 herum die Gegend zwischen Elbe und Neiße. Damit waren sie zwar die ersten im Land, hatten aber im Laufe der Geschichte in Sachsen und Umgebung meist nicht viel zu sagen, nicht selten waren sie das Opfer von Diskriminierungen.

Das soll sich nun ändern. Mit dem 49 Jahre alten Tillich an der Spitze des Freistaates wollen die Sorben aus dem Schatten treten. Schon bei Tillichs Wahl zum CDU-Landeschef waren im Gratulationschor auch sorbische Worte zu vernehmen. Allerdings erschienen die Gratulanten im Anzug. Bei der Wahl zum Regierungschef des Landes fuhr sogar ein Bus aus Tillichs Heimatregion mit Kindern in Tracht vor.

Wer sind die Sorben?

Die Sorben sind eine slawische Minderheit. Dazu zählen etwa 40.000 Menschen in Sachsen und weitere 20.000 in Brandenburg. 1933 versuchten die Nationalsozialisten, die Sorben (auch: Wenden) auszurotten. Auch durch den Bergbau in Nordsachsen und Südbrandenburg verschwanden hunderte sorbische Dörfer. 1945 formierte sich die nationale Minderheit neu. Ein Erlass der DDR-Führung von 1964 führte zum drastischen Rückgang des sorbischen Sprachunterrichts. Mit der Wende begann ein demokratischer Erneuerungsprozess der sorbischen Dachorganisation Domowina.

Quelle: DPA

Ein Sorbe zum aufschauen

Der Chef der Domowina, dem Dachverband sorbischer Vereine, Jan Nuck, sieht seine Landsleute manchmal zu sehr auf Folklore reduziert. "Man stellt uns oft nur als Eier bemalendes und osterreitendes Völkchen dar", meint Nuck unter Verweis auf zwei wichtige Bräuche der katholischen Sorben. Die kunstvoll gestalteten Eier für das Osterfest und die Umzüge der Osterreiter hoch zu Ross gelten als Markenzeichen. Als Dachverband koordiniert die Domowina alle Aktivitäten in den Siedlungsgebieten im Osten Sachsens und Süden Brandenburgs.

Nuck ist froh, dass sich Tillich stets "als Sorbe geoutet" hat. "Das ist nicht selbstverständlich." Für die Sorben sei es ein erhebendes Gefühl, wenn einer der ihren nun Regierungschef wird. "Das steigert unser Selbstbewusstsein." Es habe in der Geschichte der Sorben nicht viele Persönlichkeiten gegeben, zu denen man aufblicken konnte. Dabei weiß der Domowina-Vorsitzende, dass Tillich von Amts wegen kein klassischer Lobbyist der Sorben sein kann. Der will nach eigenem Bekunden "Ministerpräsident aller Sachsen" sein.

"Es gibt ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl"

Dennoch könne Tillich für die Sorben "nutzbringend" sein, meint Nuck: "Er versteht ja die sorbische Seele." Die sei in der Geschichte wiederholt verletzt worden. Nationalistische Tendenzen in Preußen und Sachsen hätten zu Diskriminierungen geführt. Als Folge sei die sorbische Sprache oft in den Familien nicht mehr weitergegeben worden. "Das wirkt bis heute nach." Das Sorben-Gesetz der DDR habe zwar zu einer Blütezeit geführt. Trotzdem sei auch damals die Sorben- Politik der herrschenden Ideologie untergeordnet gewesen. "Wer bei der Domowina Karriere machen wollte, musste SED-Mitglied sein." Das habe entzweit.

Nuck beschreibt die Mentalität der Sorben als bodenständig. Familiäre Prägungen blieben ein Leben lang wirksam. "Es gibt ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl", sagt auch der Bürgermeister von Panschwitz-Kuckau, Franz Petasch. Der 63-Jährige ist ein Nachbar von Tillich. Seit der zur Wende durchstartete und zuerst als EU- Parlamentarier und dann auf verschiedenen Positionen in Sachsens Regierung arbeitete, sieht Petasch ihn nicht mehr ganz so häufig. "Daran wird sich wohl künftig nichts ändern."

Petasch schätzt an Tillich, dass er ausgeglichen sei und die Dinge immer nüchtern betrachte. Diese Eigenschaft werden die Sorben künftig brauchen. Der lange Streit um die Finanzierung der Sorbenstiftung hat ihnen Grenzen aufgezeigt. An diesem Donnerstag möchten sie in der Nähe des Bundestages für eine ausreichende Finanzierung der Stiftung demonstrieren. Nuck hofft, dass nicht zu viele in Tracht anreisen. Schließlich sei man so modern wie alle anderen. Mit Blick auf Tillich bleibt er aber bei der Tradition. Ihm wünscht er "Bozemje" - in Gottes Namen - eine glückliche Hand.

Korrektur: Liebe Leser, in einem Artikel zur Wahl des sächsischen Ministerpräsidenten haben wir ursprünglich behauptet, dass die rechtsextreme NPD bei der Wahl des Ministerpräsidenten einen Überraschungserfolg verbuchen konnte, weil ihr Kandidat drei Stimmen mehr erhalten hat, als die NPD-Fraktion Mitglieder hat. Diesen Sachverhalt haben wir auch in die Überschrift genommen. Die Meldung erschien uns wichtig, weil das auf den ersten Blick zu bedeuten schien, dass Abgeordnete aus anderen Parteien sich für den rechtsextremen NPD-Kandidaten entschieden haben. Erst nachträglich haben wir bemerkt, dass es im sächsischen Landtag vier Fraktionslose gibt, die früher der NPD-Fraktion angehörten. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den Stimmen für den NPD-Kandidaten nicht um Stimmen von Abgeordneten aus anderen Parteien handelt, sondern die Stimmen von diesen Fraktionslosen kommen. Wir haben die Ausrichtung des Artikels deshalb nachträglich geändert. Für die unsaubere Darstellung bitten wir um Entschuldigung. Stern.de.

DPA/Jörg Schurig DPA

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