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Ole von Beust und die neue Rücktrittsmode Wir sind dann mal amtsmüde


Köhler, Koch, von Beust - wenn's nicht so läuft, sind sie amtsmüde. Selbst DFB-Boss Theo Zwanziger hat diese neue Krankheit an sich diagnostiziert. Warum gehen wir eigentlich noch zur Arbeit?
Von Carsten Heidböhmer

Alles hat seine Zeit." Was in der Bibel steht, kann ja nicht ganz falsch sein. Und so wähnte sich der Christdemokrat Ole von Beust auf der sicheren Seite, als er seinen Rücktritt vom Amt des Ersten Bürgermeisters der Hansestadt Hamburg mit einem Vers des Predigers Salomon aus dem Alten Testament begründet. Wer könnte diesem zeitlos gültigen Satz schon widersprechen? Ist es nicht vorbildlich, wenn ein Politiker endlich einmal nicht an seinem Amt klebt? Schließlich ist das Beispiel von Helmut Kohl in schlechter Erinnerung geblieben, der auch nach 16 Jahren Kanzlerschaft nicht genug hatte - und immer weiter alle Probleme des Landes aussitzen wollte.

Alles hat seine Zeit. Ist es nicht löblich, dass endlich mal jemand die Zeichen der Zeit erkennt und von sich aus geht? Allerdings vermag sich bei von Beusts Abgang kein positives Gefühl einstellen. Vielmehr wirkt sein Rücktritt wie eine Flucht aus der Verantwortung. Nach neun Jahren Regierung drohen ihm die Probleme über die Ohren zu wachsen: Die Schulden der Hansestadt sind kaum noch in den Griff zu bekommen, die Kosten für das Prestigeprojekt Elbphilharmonie explodieren. Abkassiert wird ausgerechnet bei den Eltern, die bundesweit die höchsten Kita-Gebühren zu berappen haben. Als Konsequenz brechen die Umfragewerte der CDU dramatisch ein. Von Beust zog lieber die Reißleine. Gerade noch rechtzeitig, um nicht auch das Problem der verlorenen Abstimmung über die Schulreform an der Backe zu haben.

Viele Wähler fühlen sich betrogen

Alles hat seine Zeit: Es ist erst zwei Jahre her, dass Ole von Beust sich zur Wiederwahl gestellt hat - für die Amtszeit von vier Jahren. Hätte er da nicht schon wissen können, dass ihm neun Jahre als Erster Bürgermeister genug sind? Viele Wähler fühlen sich zu Recht betrogen: Von Beust genoss in der Hansestadt stets höhere Sympathiewerte als die CDU. Wer sein Kreuz bei den Christdemokraten machte, meinte häufig von Beust als Person - nicht seine Partei!

Alles hat seine Zeit: In einem Punkt bewies Ole von Beust gutes Timing: Im April feierte er seinen 55. Geburtstag. Mit Erreichen dieses Alters hat er Anspruch auf eine lebenslange Senatoren-Pension. In seinem Fall sind dies Medienberichten zufolge bis zu 9750 Euro, die er Monat für Monat vom Steuerzahler überwiesen bekommt. Da kann man natürlich schon mal amtsmüde werden.

Koch und Köhler machten es vor

Und er ist nicht der einzige, der von dieser Krankheit befallen ist. Von Beust ist nur der (vorerst) letzte in einer Reihe von Politikern, die allesamt von tiefer Amtsmüdigkeit erfasst worden sind. Hessens Ministerpräsident Roland Koch erkannte kürzlich - nach Jahrzehnten im Politbetrieb -, dass es neben Politik doch noch andere Dinge im Leben gibt. Horst Köhler fand es ungeheuerlich, dass man an ihm als Bundespräsident Kritik übte. Er schmiss hin und genießt inzwischen sein Leben als vom Steuerzahler gut ausgestatteter Privatier.

Wie eine ansteckende Krankheit zieht die Amtsmüdigkeit ihre Runde und hat mittlerweile auch Personen jenseits der Politik erfasst. Jüngstes Beispiel: DFB-Präsident Theo Zwanziger. Der ist zwar erst seit vier Jahren alleiniger Präsident des Deutschen Fußballbundes. Doch offenbar steht der Müdigkeitsgrad in keiner Relation zur Dauer, die jemand ein Amt ausübt. Zwanziger war in seiner kurzen Amtszeit permanent überfordert. Zuerst sein katastrophales Krisenmanagement in der Schiedsrichteraffäre, dann die verpatzten Vertragsverhandlungen mit Bundestrainer Jogi Löw. Nun ist Herr Zwanziger 65 Jahre, und jeder würde ihm seinen Ruhestand von Herzen gönnen. Doch sein Scheitern einzugestehen und einfach nicht wieder zu kandidieren, scheint ihm nicht möglich zu sein. Er kokettiert lieber mit seiner "Amtsmüdigkeit" und einer "tiefen Sehnsucht nach dem Privaten" - wohlgemerkt: nach nur vier Jahren Amtszeit! Was denkt eine Krankenschwester, die jeden Tag im OP Menschen das Leben rettet - ob die nicht auch manchmal von einer "Sehnsucht nach dem Privaten" erfasst wird?

Keiner wird zu einem Amt gezwungen

Es wäre schön, wenn sich Politiker und Funktionäre endlich wieder ihrer Verantwortung stellen. Wenn sie sich für einen bestimmten Zeitraum zur Wahl stellen, müssen sie dieses Amt auch ausfüllen. Sind sie damit überfordert oder haben sie sich große Fehler geleistet, sollten sie dafür die Konsequenzen übernehmen und zurücktreten. Aber nur dann! Die Rücktritte der beiden evangelischen Bischöfinnen Magot Käßmann und Maria Jepsen zeigen, dass es in diesem Land zumindest Frauen gibt, die bereit sind, verantwortungsvoll zu handeln.

Wer dagegen sein Amt aufgibt, weil er das ja schon so lange macht und das doch alles so beschwerlich ist, und sowieso lieber mehr Zeit auf seiner Lieblingsnordseeinsel verbringt, schadet dem Amt und damit dem Vertrauen in die Demokratie.

Wo ist der Politiker, der sein Amt mit Herzblut bekleidet und auch bei drängenden Problemen nicht kneift? Derzeit entsteht leider der Eindruck, wir würden von einer blutleeren Elite regiert, die gerne die Insignien der Macht annimmt, sobald sich der Wind einmal dreht und es etwas ungemütlicher wird, die Flucht ins private Glück antritt - nicht ohne die großzügigen Pensionsregelungen in Anspruch zu nehmen. Natürlich ist Deutschland ein freies Land. Keiner wird zu einem Amt gezwungen. Jeder Arbeiter, Angestellte oder Selbständige, der sich täglich in seinem Job aufreibt, hat die Freiheit, hinzuschmeißen. Und muss spätestens nach zwölf Monaten von Hartz IV leben. Großzügige Pensionen gibt es eben nur für Politiker.

Seit von Beusts Rücktritt wissen wir: Alles hat seine Zeit. Wann ist eigentlich Guido Westerwelle amtsmüde?


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