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Papst-Rede im Bundestag: Benedikt XVI. outet sich als Grünen-Fan

Erstmals redet der Papst im Bundestag - und ergeht sich 20 Minuten lang in theoretischer Rechtsphilosophie. Szenenapplaus gab's nur ein einziges Mal.

Von Lutz Kinkel

Jeder hatte eine Idee, was der Papst sagen sollte. Oder sagen könnte. Der Theologe Hans Küng wünschte sich, Benedikt XVI. solle Geschiedene wieder zum Abendmahl zulassen. Die Linkspartei erhoffte sich ein paar markige Worte gegen die Auswüchse des Finanzmarkts und den Casinokapitalismus. Die Grünen erwarteten, dass der Papst Abbitte für die Missbrauchs-Skandale leistet. Parlamentspräsident Norbert Lammert beschwor die Wiedervereinigung von evangelischer und katholischer Kirche. Und so weiter, und so fort.

Und was lieferte der Papst? 20 Minuten Rechtsphilosophie, sehr theoretisch, monoton vom Blatt abgelesen. Kleine Kostprobe: "Ein positivistischer Naturbegriff, der die Natur rein funktional versteht, so wie die Naturwissenschaft sie erklärt, kann keine Brücke zu Ethos und Recht sein." Das ist ein Satz, auf dem sich ein Weilchen rumkauen lässt. In Universitäten und Seminaren. Wohl kein Abgeordneter oder Besucher, so brav sie auch applaudierten, war angerührt. Es war die Rede eines Denkers, der sich in die Säulenhalle der Jahrhunderte zurückgezogen hat. Und die tosende Realität vor den Fenstern des Plenarsaals ausblendet.

Aids-Schleifen am Revers

Wie sollte er sie auch wahrnehmen können? Für den "Staatsbesuch" Benedikt XVI. gilt Sicherheitsstufe 1. Das bedeutete für seinen Auftritt im Bundestag: Wer zuhören wollte, musste sich anmelden, seine Daten überprüfen lassen, einen Sonderausweis abholen, den weiträumig abgeriegelten Reichstag zu Fuß erreichen und eine Stunde vor Beginn den Sicherheitscheck am Eingang passieren. "Das war zuletzt bei Shimon Peres so", sagte die Dame, die Besucher ins Gebäude geleitete. Peres, Staatspräsident Israels, war im Januar 2010 zu Gast.

Vielleicht war der Plenarsaal damals einen Tick voller als an diesem Donnerstag. Die vor der Rede Benedikt XVI. hochgejazzte Debatte, welcher Abgeordnete demonstrativ fern bleiben würde und wie sich mit der vermeintlichen Peinlichkeit der leeren Stühle umgehen ließe, erwies sich als ziemlich albern. Bei der Linkspartei blieben ungefähr 50 Plätze frei, bei der SPD zirka 25, bei den Grünen 14, soweit sich dies von der Tribüne erkennen ließ. Störend für das Gesamtbild war es nicht, es reflektierte vielmehr die freie Entscheidung eines jeden Abgeordneten. Was ein bisschen unglücklich aussah: Die Delegation des Papstes, Geistliche und Würdenträger des Vatikans, mussten ausgerechnet hinter den leeren Reihen der Linksfraktion Platz nehmen. Was gut aussah: Der Papst musste, beim Rein- und Rausgehen, an der Linksfraktion vorbei. Deren Abgeordnete trugen, deutlich sichtbar, rote Aids-Schleifen am Revers.

Verbalkuscheln mit Kretschmann

Sie hielten sich, im Gegensatz zu den anderen Fraktionen, auch mit dem Klatschen zurück. Viel Anlass bot der Papst dafür aber ohnehin nicht. Schon als er ansetzte und erklärte, er wolle nun seine "Überlegungen über die Grundlagen des Rechts" präsentieren, ging ein verdutzter Blick durch die Reihen: Das ist also sein Thema? Natürlich nutzte es der Papst, um Politiker zu ermahnen, ihre Aufgabe sei das "Mühen um Gerechtigkeit". Um darüber zu klagen, dass in Europa der überzogene Glaube an die Vernunft die Kultur präge und Moral, Ethik, Glaube an den Rand gedrängt würden. Um darauf hinzuweisen, dass nicht alles, was machbar und denkbar ist, gerade in der Wissenschaft, der Würde des Menschen gerecht würde. Aber das waren staubtrockene Ausführungen, der Papst war geradezu peinlich darauf bedacht, Positionierungen zu aktuellen Debatten zu vermeiden. Präimplantationsdiagnostik? Scharia in Deutschland? Rechtsbruch bei der Euro-Politik? Kein Wort. Und zu anderen aktuellen Themen sowieso nicht.

Zwei Mal hatte er die Lacher auf seiner Seite. Als er die Frage behandelte, ob die Natur nicht auch eine Rechtsquelle sein könnte, sagte er: "Ich würde sagen, dass das Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den 70er Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist und bleibt, den man nicht überhören darf und nicht beiseite schieben kann, weil man zu viel Irrationales darin findet." Als die Grünen begeistert zu klatschen anfingen - es sollte der einzige Szenenapplaus bleiben - schob Benedikt XVI. eilig nach: "Es ist wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei mache - nichts liegt mir ferner als dies." Aber da war es schon geschehen: Der Papst hatte sich als Grünen-Fan geoutet. Später, beim Rausgehen unterhielt er sich auffällig herzlich mit dem Katholiken Winfried Kretschmann, erster grüner Ministerpräsidenten Baden-Württembergs.

Ströbele geht

An anderer Stelle zitierte Benedikt XVI. den Rechtstheoretiker Hans Kelsen mit einem Satz, den dieser im Alter von 84 Jahren geäußert hatte. "Das tröstet mich, dass man mit 84 Jahren offenbar doch noch etwas Vernüftiges denken kann", ergänzte der Papst - er ist genauso alt. Diese Selbstironie brachte ihm ein paar Sympathiepunkte ein. Mehr aber auch nicht. Unterm Strich seiner Rede war nicht einmal ein Thema, ein Leitmotiv, ein intellektueller Überbau für diese Papst-Reise zu erkennen. Es sah so aus, als hätte der Papst in seinem Aufsatz-Archiv unter dem Stichwort "Politik" gegoogelt, und dabei eben zufällig dieses Manuskript gefunden.

In den vorderen Reihen der Grünen-Fraktion wurde schon kurz nach Beginn der Rede gewitzelt: "Ist der Ströbele schon weg?" Tatsächlich verließ der Altlinke Christian Ströbele nach etwa einer Minute den Saal, er war aber auch der Einzige. Dieses Verhalten fanden selbst eigene Parteifreunde ziemlich sinnfrei, weil er auch gar nicht hätte kommen müssen. Sein demonstratives Aufstehen wurde ohnehin kaum bemerkt, weil er auf den hinteren Plätzen saß. Ansonsten verlief die Veranstaltung störungsfrei.

Alle fühlen sich bestätigt

Nach Benedikts Abgang dauerte es dauerte nur wenige Minuten, bis Politiker aller Fraktionen den Agenturen in den Block diktierten, weshalb gerade sie sich durch die Rede des Papstes bestätigt fühlten. Volker Kauder, Unionsfraktionschef, meinte, der Papst habe seine Forderung unterstützt, die Präimplantationsdiagnostik zu verbieten. Volker Beck von den Grünen lobte die Ausführungen zur "Ökologie des Menschen". Frank-Walter Steinmeier, SPD, hatte die Aufforderung an Politiker herausgehört, Regeln zu setzen - was gut zu Sozialdemokraten passt. Rainer Brüderle, Fraktionschef der Liberalen, sah sein Wertfundament bestätigt.

Wenn es die Absicht des Papstes war, sich um aktuelle Fragen herumzudrücken, niemanden auf die Füße zu treten und den Rest ratlos zurückzulassen: Bravo, es ist vollbracht.