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Pegida-Demonstration in Dresden: "Ich geh nicht inne Moschee"

Pegida wächst weiter, die Stimmung wird feindseliger. Doch die Gemengelage bleibt so diffus wie eh und je. Es geht die Angst um, dass Weihnachten abgeschafft wird. Ein Ortstermin in Dresden.

17.500 Anhänger des "Pegida"-Bündnisses demonstrieren in Dresden gegen die angebliche Überfremdung durch Flüchtlinge

17.500 Anhänger des "Pegida"-Bündnisses demonstrieren in Dresden gegen die angebliche Überfremdung durch Flüchtlinge

Deutschland, zwei Tage vor Weihnachten. Eine Mutter geht mit Einkaufstüten in der Hand am Theaterplatz in Dresden vorbei. Sie zieht ihren Sohn hinter sich her. Aber der Sohn schaut nicht nach vorn, sondern zeigt auf die tausenden Menschen, auf die Deutschlandflaggen vor der Semperoper, und er fragt: "Mama, was machen die hier?" Und die Mutter zieht den Sohn an der Hand weiter und sagt: "Das sind 15.000 Rassisten und Rassistinnen, die sich hier versammeln, weil sie nichts gelernt haben aus der deutschen Geschichte."

Während die Mutter mit Sohn schnell verschwindet, wird der Theaterplatz in Dresden vor der Semperoper immer voller. Alte, Junge, Männer, Frauen. Menschen mit Rollatoren kommen. Menschen mit Hunden. Menschen aus drei Generationen, Großeltern, Eltern, Kinder. Es sind Anhänger der Bewegung Pegida, Kürzel für "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes." Es ist ihre zehnte Demonstration in diesem Jahr.

Um 18 Uhr schaltet die Semperoper ihre Außenbeleuchtung ab - aus Protest gegen die Menschen auf dem Platz und aus Protest gegen ihre Ziele. Auch die umliegenden Gebäude machen mit.

"Kampf" für Weihnachtsmärkte und das Christentum

Die Menschen auf dem Platz schwenken Deutschlandfahren, Sachsenfahnen. Und Plakate mit Sprüchen wie: "Stoppt den alliierten Mediendschihad gegen Pegida!" oder "Parteien gute Nacht, Bürger an die Macht!" und "Frohe Weihnachten!". Einer hat ein Plakat mit einer gemalten Moschee drauf, diese hat er durchgestrichen. Viele Leute haben weiße Blätter in der Hand mit den Weihnachtsliedern, die heute gesungen werden sollen. "Alle Jahre wieder", "Stille Nacht" und "O du Fröhliche!".

Ein chinesisches Touristenpaar kommt an der Demo vorbei und fragt einen Passanten am Rande, was das denn sei. Der Chinese macht ein paar Fotos mit seiner Spiegelreflexkamera. Der Passant erklärt, warum die Menschen hier seien: Damit sie nämlich in Deutschland überhaupt noch Weihnachten feiern dürften, auch die nächsten Jahre und nicht alle "in die Moschee müssten." Und auch damit die Weihnachtsmärkte und das Christentum nicht abgeschafft werden. Der Mann sagt noch mal: "Ich geh an die heilige Abend nicht inne Moschee!" Die Chinesen schauen verwundert. Man fragt sich, was sie zu Hause über dieses Deutschland erzählen werden. Und man fragt sich, in welcher Moschee der Mann überhaupt Angst hat, seinen Heiligabend verbringen zu müssen. In Dresden und Leipzig gibt es je ein größeres muslimisches Gotteshaus. In Thüringen gibt es keine eingetragene Moschee, in Sachsen Anhalt nur ein islamisches Kulturzentrum.

"Heimatliebe gegen Hass und Gewalt"

Lutz Bachmann, der Anführer der Pegida-Bewegung bittet immer wieder "durchzurücken". Später wird er alle seine Anhänger zum Weihnachtssingen begrüßen, wie immer die "Lügenpresse" beschimpfen und die Politiker. Dann fordert er eine 30-sekündige Schweigeminute für "alle Opfer jeglichen religiösen Fanatismusses auf dieser Erde!", und ein junger Mann mit einer schwarzen Jacke, auf der hinten "Ostdeutschland" steht, schreit: "Und für Udo Jürgens!" Dann rülpst noch sein Kumpel, und es wird still. Nur die Schreie der 4500 Gegendemonstranten und das Schlagen der Fahnen im Wind. Es klingt, wie das Donnern eines Segels bei stürmischer See. Wer den Kopf in den Nacken legt, sieht in den Dresdener Nachthimmel. Er ist grauschwarz.

Dann holt Bachmann "den Weihnachtsmann" auf die Bühne. Einen verkleideten Mann, der Sachen sagt wie: "Hallo Dresden!" Masse: "Hallo Weihnachtsmann!" Weihnachtsmann: "Seid ihr auch alle gekommen und habt einen mitgebracht!" Masse: "Jaaaaaaa lieber Weihnachtsmann!"

Ein paar Gegendemonstranten vor der Bühne schreien: "Nie, nie, nie wieder Deutschland!" Es kommt zu einer Rangelei, Flaggen werden runtergerissen, dazu: "Lügenpresse auf die Fresse!", und der Weihnachtsmann liest ein Gedicht vor, das in etwa so geht:

"Ihr seid dieses Landes schönste Zier, Die Flamme der Heimatliebe gegen Hass und Gewalt, Das ist euer Ziel, egal ob jung und alt!"

"Der Stolz des Landes" trägt Thor Steinar-Jacken

Und dann gibt der Weihnachtsmann den Pegida-Anhängern noch einen Tipp: "Sagt den Medien nicht, was ihr alles NICHT seid. Verschwendet damit keine Zeit. Sagt denen, was ihr seid und zwar: DER STOLZ DIESES LANDES.

"Jojo!", grölt es und "Jawohl!" und "Bravo" und Geklatsche und gebrummte Zustimmungsantworten und das tausendfach. "Der Stolz des Landes" rechts neben der Bühne trägt Thor-Steinar-Jacken und verhaut gerade fast einen Kameramann der "Lügenpresse".

Gegendemonstranten projizieren mit einem Beamer auf die dunkle Semperoper Sprüche wie "Refugees welcome". Buhrufe.

Später wird es auch auf der Bühne darum gehen, dass man gerne weiter Weihnachten feiern würde und nicht in die Moschee müsste. Und dass man wirklich nichts gegen "Flüchtlinge hätte, aber eben gegen Wirtschaftsflüchtlinge wie Serben oder Tunesier", und dann wird aus dem Buch von Heinz Buschkowsky zitiert, dass junge deutsche Mädchen in Berlin-Neukölln von muslimischen Frauen bedrängt werden, weil sie Lidschatten tragen, und einer sagt, ja klar, bald dürfen wir nicht mal mehr Schweinebraten in unserem eigenen Land essen und dazwischen "O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit" und "Angela Merkel, du hässliche Nutte, bist eine Schande für Ostdeutschland!".

"Das Boot ist voll"

Man fragt sich, wer hier hässlich ist und wer die wirkliche Bedrohung für Weihnachten in diesem Land ist, wenn es überhaupt eine gibt. Denn hätten diese Menschen hier Maria und Josef Obdach gewährt? Fremden Menschen einen warmen Stall aus reiner Nächstenliebe und Menschlichkeit? Hätten Sie ihnen nicht dasselbe gesagt, was sie jetzt schreien: "Wir wollen die hier nicht!"/"Deutschland soll deutsch bleiben!"/"Das Boot ist voll"?

Den Beamer, der die Parolen der Gegenbewegung projiziert, versuchen Pegida Anhänger jetzt abzudecken. Sie schwenken ihre Deutschlandflaggen vor der Linse in einem der Gebäude gegenüber der Semperoper hin und her, verhüllen den Lichtstrahl und recken ihre Fahnen soweit es geht nach oben in den Dresdener Nachthimmel. Als es gelingt den Lichtstrahl zu unterbrechen, bricht unter den Deutschlandfahnen schwenkenden Pegida-Anhängern Gelächter aus. Die Polizei wird später sagen, dass es 17.500 waren. Eine stetig wachsende Masse Menschen.

Am 5. Januar werden sie wiederkommen.

Von Nora Gantenbrink