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Philipp Mißfelder: "Todesstrafe, Drecksau"

JU-Chef Philipp Mißfelder machte mit seiner Forderung "keine künstlichen Hüftgelenke mehr für 85-Jährige" Schlagzeilen. Seither steht seine Welt Kopf.

Am Tag vier nach Philipp Mißfelders Coming-out als Altenschreck der Nation stieß Vater Mißfelder mit seinem Wagen etwas forsch rückwärts aus der Garage seines Hauses in Bochum-Wattenscheid. Wahrscheinlich war er mit den Gedanken ganz woanders. Hinter ihm hupte es jedenfalls. Vater Mißfelder stoppte. Der Huper stand schon, stieg aus und pöbelte: "Sie fahren genauso rücksichtslos, wie Ihr Sohn Politik macht."

"Das Milchgesicht der Jungen Union"

Es war der Tag, an dem die "Bild"-Zeitung ihren rund zwölf Millionen Konsumenten noch einmal "das Milchgesicht der Jungen Union" vorführte und neben Philipp Mißfelders Konterfei fünf Zentimeter fett titelte: "Schämt euch". Sowie: "Deutschlands Alte schäumen vor Wut". Es war der Tag, nachdem Familienministerin Renate Schmidt (SPD) sich via "Tagesthemen" zum Fall Mißfelder geäußert hatte: "Wir sind nicht mehr weit weg davon, bei so einer Diskussion von der schönen neuen Welt, wo man dann mit 60 oder 65 die Todespille nehmen soll."

Es war der Tag, an dem Bayerns wahlkämpfender Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), der die Jungunionisten oft und gern auffordert, sie sollten forsch die Interessen der jungen Generation verfechten, Philipp Mißfelder attackierte: "Das ist unter aller Sau." Er "sollte sich schämen". An diesem Tag wurde Vater Mißfelder endgültig klar, dass so schnell nichts mehr sein würde wie früher.

Wenig später stand das Haus der Familie Mißfelder unter Polizeischutz. Und der 24 Jahre alte Filius, der in Berlin Geschichte studiert und als JU-Bundesvorsitzender wirkt, persönlich ebenfalls. An der Tür zu seiner Wohnung im Stadtteil Moabit hatte ein Zeitungsausschnitt mit seinem Bild geklebt, darunter die Zeile: "Der wohnt hier."

"Ich knall den ab"

Bei seinen Eltern gingen täglich mehrere telefonische Morddrohungen ein vom Kaliber: "Ich weiß, dass das Milchgesicht zu Hause ist. Ich knall den ab." Dann gaben die Mißfelders ihre anfängliche Hoffnung auf, dass sich die Aufregung schnell legen werde, und ließen sich eine Geheimnummer geben. Die nutzen sie bis heute.

"Total strange", findet Philipp Mißfelder die Situation rückblickend. Bei einem öffentlichen Auftritt in Asbach begleiteten den jungen Mann vier Polizisten. Nee, erzählt er, ernst habe er die Drohungen nicht genommen. Aber ein Beamter warnte ihn: "Nehmen Sie‘s nicht zu leicht. Der Mann, der auf Rudi Dutschke schoss, hatte sein Foto auch aus der "Bild"-Zeitung."

An dieser Stelle lohnt es sich, kurz zu rekapitulieren, was zu dieser Hatz führte; und zum größten von einem Nachwuchspolitiker ausgelösten Skandal, seit die Jungsozialistin Nina Hauer ankündigte, ihren Hund zu vergiften, falls weiterhin Kurden abgeschoben würden.

Also: Mißfelder hatte mit dem Berliner "Tagesspiegel" über die Frage gesprochen, wie "das Land in 20, 30 Jahren" aussehe. In diesem Zusammenhang sagte er: "Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen." Und er plädierte für "viel mehr Selbstvorsorge."

Ausgesprochen dämlich

Man muss diese Meinung nicht teilen, man kann sie sogar aus guten Gründen für falsch halten und die flapsige Begründung "Früher sind die Leute auch auf Krücken gelaufen" für ausgesprochen dämlich. Aber man darf mit Philipp Mißfelder erstaunt und erschrocken sein darüber, - welche, pardon, saumäßige Diskussionskultur in diesem Land herrscht, wie groß Intoleranz und Lynchlust sind; - wie irre unsere Mediengesellschaft inzwischen geworden ist; - welcher Kadavergehorsam schon von Jüngstpolitikern verlangt wird.

Rund 1000 Faxe und Briefe sowie 1900 E-Mails gingen allein in der JU-Bundesgeschäftsstelle ein, ein paar davon sogar zustimmend. Die übergroße Mehrheit der Absender aber unterschied sich nur im Grad der Grobheit. "Für solche Volksverstümmler bleibt nur noch die Todesstrafe!", hetzte ein Anonymus. Und: "Mißfelder! Bereiten Sie sich auf Ihren Tod vor. Die Pistole liegt bereit." Per e-mail erreichten ihn Nachrichten, die nur aus Beleidigungen bestanden: "Welche Eltern und Großeltern haben denn ein derart asoziales Element auf die Gesellschaft losgelassen?" Oder in denen der Verfasser unter dem Betreff "Du Dreckschwein" drohte: "Irgendwann erwische ich dich. Und dann gnade dir Gott, du Drecksau."

Auch andere Schreiber kündigten Mißfelders Liquidierung an; etwa 20 Briefe liegen bei den Ermittlungsbehörden. Selbst Postkarten, die nur an die "CDU/Berlin" adressiert, aber mit seinem Konterfei und der "Bild"-Schlagzeile "Krieg der Generationen" beklebt waren, erreichten Mißfelder schnell und offensichtlich problemlos.

Den JU-Chef überraschten die Reaktionen der Medien, der Bevölkerung und der Union aus zwei Gründen. Weil es "für den Fortgang der Politik eher irrelevant ist, was ich sage. Ich entscheide doch nicht mit". Und weil das, was er sagte, so neu nun gar nicht war. Tatsächlich hatte er das Aufreger-Thema öfter angesprochen. Ohne großen Widerspruch zu ernten im nordrhein-westfälischen CDU-Landesvorstand. Öffentlich auf zwei Landestagen der JU, auch "da hat niemand Anstoß genommen". Schließlich noch öffentlicher in einem Interview mit der "Welt" im Mai. Darin forderte Mißfelder "den Mut zur Frage, ob jede Operation in jedem Alter vom Kollektiv der Versicherten bezahlt werden muss". Nachfrage: Keine künstliche Hüfte für den 80-Jährigen? Antwort: "Doch, aber mit einer entsprechenden Selbstbeteiligung." Reaktionen: keine.

Ein ausgeschlafenes Bürschchen

Nun ist Philipp Mißfelder ein ausgeschlafenes Bürschchen. Er weiß, dass er als JU-Vorsitzender fast nur wahrgenommen wird, wenn er provoziert. Deshalb plädiert er für schwarz-grüne Bündnisse oder hält seiner Partei via "taz" vor: "Die CDU versteht die Jugend nicht mehr." Auch den Spruch über die Krücken hat er vielleicht nur losgelassen, um mehr Aufmerksamkeit zu lenken auf seine Forderung nach mehr "Generationengerechtigkeit".

Pech für ihn, dass er "Bild" und anderen bei der Suche nach einem Sommerlochfüller half. Nun wurde aus dem "Wunderkind" (so "Bild" im April 2000) der "CDU-Milchbubi, über den alle schimpfen". Noch mehr Pech, dass er damit Stoibers Kampf um die 60 Prozent störte. Deshalb richtete die CSU "alle Kanonen auf mich" (Mißfelder). Stoibers Spannmänner gingen sogar mit der falschen Nachricht hausieren, wegen des "Milchgesichts" gebe es mehr Parteiaustritte als zur Hoch-Zeit der Schwarzgeld-Affäre.

Das Interview kannte zwar keiner im Wortlaut, aber, so klagt Mißfelder, "nahezu jeder fühlte sich bemüßigt, was dazu zu sagen". Jeder Hinterbänkler der Union, der in Reichweite eines Redakteurs geriet, durfte seine Kritik abschlagen. Für Abwechslung sorgte nur ein ehemaliger CDU-Generalsekretär. Der sprach auf Mißfelders Mailbox: "Hier ist Kurt Biedenkopf. Ich unterstütze Sie. Das werden Sie auch morgen in der "FAZ" lesen."

Der aktuelle CDU-Manager hätte ihn ebenso stützen können; er redet ja permanent davon, die JU müsse "Stachel im Fleisch" der Partei sein. Laurenz Meyer aber tobte im Adenauer-Haus: "Unmöglich, so eine Scheiße." Mittels Interviews und per Formbrief keilte er gegen Mißfelder, den er öfter anrief, um ihm "irgendwelche Sprachregelungen aufzunötigen".

Nun ist die Bayern-Schlacht geschlagen, das Sommerloch geschlossen, der Polizeischutz aufgehoben. Aber es kommen immer noch böse Briefe, und Schalke-Fan Mißfelder sehnt die Zeit zurück, "als ich ins Stadion gehen konnte, ohne angepöbelt zu werden", als die Eltern nicht von manchen Nachbarn geschnitten wurden.

Es waren keine erquicklichen Wochen. Einerseits. Andererseits: Wer kannte bis vor kurzem Philipp Mißfelder? Nun zählt er "71 Agenturmeldungen an einem Tag!" Zum nächsten JU-Treffen reisen so viele Journalisten wie lange nicht. Denen verspricht er keine Besserung: "In der Sache habe ich nichts zurückzunehmen."

Andreas Hoidn-Borchers / print