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Rede am Brandenburger Tor: Obamas Worte an Europa

Dem Weißen Haus zufolge ist der Berlin-Besuch von US-Präsident Obama weit mehr als eine Pflichtübung. Vor allem seine Rede am Brandenburger Tor könnte bedeutsam sein - nicht nur für die Deutschen.

Wenn US-Präsident Barack Obama am Mittwoch die Bühne am Brandenburger Tor betritt, können sich die Deutschen auf eine große Rede freuen. Fachleute in Amerika erwarten "hochfliegende Rhetorik" und die "nostalgische Beschreibung" der transatlantischen Beziehung. "Berlin war schon immer eine Quelle der Inspiration für amerikanische Präsidenten, und es gibt enorme Erwartungen an die Ansprache", sagt die Europa-Expertin des US-Thinktanks Center for Strategic and International Studies, Heather Conley. "Und dieser Präsident enttäuscht nie in einer großen Rede."

Doch all die schönen Worte dürften nur Verzierung für eine ernste Botschaft sein: 65 Jahre nach Beginn der Berliner Luftbrücke, ein halbes Jahrhundert nach John F. Kennedys legendärer "Ich bin ein Berliner"-Rede und bald 25 Jahre nach dem Mauerfall kann sich das transatlantische Verhältnis nicht mehr auf seine Geschichte ausruhen. "Wir müssen den gleichen Geist der Kooperation, die uns im Kalten Krieg zusammenarbeiten ließ, auf die Herausforderungen von heute anwenden", erläutert Ben Rhodes, Obamas stellvertretender nationaler Sicherheitsbeauftragter.

Konkret nennt das Weiße Haus etwa die Eindämmung von Atomwaffen, Sicherheitsfragen oder die Verbreitung demokratischer Werte in der Welt. "Nur weil die Bedrohung nicht unmittelbar durch eine Mauer und Stacheldraht sichtbar ist, heißt das nicht, dass wir nicht zusammenarbeiten müssen", sagt Rhodes. Auch wenn Obama in Berlin spricht - die Worte richten sich nicht an die Deutschen allein, sondern an den ganzen Westen. Vielleicht nutze er sogar die Chance, "eine neue Strategie für Europa und die transatlantische Beziehung" zu erläutern, sagt Conley. Das habe die US-Politik bisher versäumt.

"Merkel ist (...) der letzte Fels in der Brandung"

Vor der historischen Kulisse kann Obama den Verbündeten auch die Sorge nehmen, dass er ein "postatlantischer" Präsident sei, der sich mehr für andere Teile der Welt interessiert. "Obama hat den Atlantik wiederentdeckt. Er hat bemerkt, dass bei den meisten Problemen in der Welt nicht Peking, Ankara oder Brasilia die besten Orte sind, um Hilfe zu erhalten", sagt Charles Kupchan vom US-Institut Council of Foreign Relations. Der damalige Berater in der Clinton-Regierung erwartet zwar keine konkrete Ankündigung, aber eine betonte Würdigung des Verhältnisses zwischen den USA und Europa.

Doch Obama dürfte bei seinem Besuch auch ganz klare Erwartungen an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Gepäck haben. Sie sieht er laut Experten in der Schlüsselrolle bei den Freihandelsverhandlungen zwischen der EU und den USA. Der US-Präsident hat die Erholung der Wirtschaft zum Hauptanliegen seiner zweiten Amtszeit gemacht; neue Exportmöglichkeiten sind dabei elementar. Und wer sonst als Merkel soll in Europa bei dem Thema den Ton angeben? "Großbritannien hat sich von der EU distanziert, die französische Regierung ist schwach, und Italien hat nicht mehr den gleichen Einfluss wie unter Monti", sagt Kupchan. "Merkel ist in gewisser Weise der letzte Fels in der Brandung."

Ebenso erwarten die Amerikaner beim Berlin-Besuch den öffentlichen Schulterschluss in Sicherheitsfragen. Was die Unterstützung der Bundeswehr in Afghanistan nach dem Ende des Krieges 2014 angehe, erweise sich Deutschland schon als "handfester Alliierter", sagt Rhodes. Und was etwa die Internetüberwachung des US-Geheimdienstes NSA angehe - da sei man sicher, kritische Fragen der Deutschen mit Hinweis auf die "globale Bedrohung" durch Terroristen beantworten zu können. Immerhin hätten ja die Attentäter vom 11. September 2001 ihre Tat auch von Deutschland aus geplant.

cob/Marco Mierke, DPA / DPA