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Schnauze, Wessi!: Goethes nervige Erben

Dass Westdeutsche aus Karrieregründen im Osten landen, ist kein neues Phänomen. Die Hohenzollern haben es vorgemacht, die Honeckers und Merkels sind nur Nachahmer. Ein Rückblick.

Von Holger Witzel

Jemand hat mir ein kleines Gedicht geschickt, und das geht so: "Gehst Du in den Osten, kriegst Du einen Posten. Gehst Du wieder heim, wird niemand traurig sein." Nicht gerade die Lyrik-Liga von U-Boot-Grass oder Unterrock-Goethe, aber immerhin reimt es sich fast. Leider verpufft die magere Pointe in einem Wunschtraum: Die meisten bleiben nämlich doch. Sie wissen - und wir inzwischen auch -, da wo sie herkamen, war im Zweifel niemand traurig. Jede Lusche bekommt im Osten eine Chance. Das hat Tradition.

Vermutlich könnte man noch weiter zurückgehen, aber damit es nicht ausufert, fangen wir mal bei Karl, dem sogenannten Großen an. 772 begann er, unser Volk in den Sachsenkriegen zu unterwerfen. Seinerzeit - das wird auch gern unterschlagen - gehörten dazu noch große Teile des heutigen Westdeutschlands. Man nannte die Privatisierung noch Christianisierung. Und wenn es auch ähnlich brutal zuging wie 1990, brauchte Karl - anders als Helmut der Große - mindestens 30 Jahre, um die Sachsen in sein Reich einzugliedern. Offenbar war Stolz im 8. Jahrhundert noch etwas mehr wert als 100 Mark Begrüßungsgeld. Die Parallelen sind dennoch verblüffend: So berichten Chronisten von einer Entvölkerung der unterworfenen Gegend, von läppischen Zugeständnissen an Überläufer und Massen-Deportationen billiger Arbeitskräfte in den Westen des Reiches. Zynischerweise ließ sich Karl dafür auch noch als Friedensstifter zum Kaiser krönen. Kohl hätte den Friedensnobelpreis - stellvertretend für ein paar mutige Ostler - sicher auch gern noch genommen, aber nach Lena in Oslo und seiner eigenen Euro-Vision kann er sich das nun wohl endgültig abschminken.

"Gehst Du in den Osten …"

In den Jahrhunderten zwischen Karl und Helmut spielten sich andere Geschlechter aus dem heutigen Niedersachsen (Liudolfinger/Ottonen), aus Nordrhein-Westfalen (Salier) oder Schwaben (Staufer) als sächsische Könige und deutsche Kaiser auf, bis sich die Hohenzollern - ursprünglich ebenfalls aus dem Südwesten - in Brandenburg breitmachten. Erst als Markgrafen und Kurfürsten, dann als preußische Könige, schließlich als Kaiser: "Gehst Du in den Osten …" - so einfach kann man deutsche Geschichte erzählen, mit allen bekannten Folgen. Dass Hitler zufällig in Österreich geboren wurde, ändert nichts daran, wo er die "Hauptstadt seiner Bewegung" fand. Oder nehmen wir Westler wie Göring, Himmler, Goebbels - die ganz Bande, aber Schwamm drüber, es gibt genug andere Beispiele.

Letztlich landeten auch der Schwabe Schiller und der Hesse Goethe nur aus Karrieregründen im Osten. Der schwer verschuldete Bettnässer aus Marbach am Neckar musste mehrfach aus seiner Heimat fliehen, bis er Mitleid in Leipzig und ein Haus in Weimarer Bestlage fand. Von seinem Protegé Goethe - so vornehm umschrieb man Westseilschaften damals noch - ist überliefert, wie schwer er sich mit dem mondänen Leben in der schon damals viel weltoffeneren Stadt tat, als er von Frankfurt zum Studium nach Leipzig kam. Er schlief und reimte sich nach oben, bis er die Geschicke ganzer Herzogtümer in Thüringen mitbestimmte. Millionen Schüler hassen ihn seitdem für seine schwülstigen Verse, aber zu Lebzeiten fühlte er sich wichtig und geliebt - die typische Masche aus Selbstbetrug und Hochstapelei.

Kaninchen und Wessis

Was uns allein die Westler Marx und Engels eingebrockt haben - oder dieser Honecker aus dem Saarland! Der Sachse Walter Ulbricht hat zwar auch Unheil angerichtet, aber wenigstens nur bei sich zu Hause. Bert Brecht, ursprünglich Bayer, entschied sich nach Krieg und Exil erst für Ost-Berlin, nachdem ihn andere Länder wie die Schweiz nicht wollten. Und wenn sich heute ewiggestrige CDU-Omas wie Frau Professor Hohl, Höhler - wie auch immer - vor Merkels "autoritärem Sozialismus" gruseln, so ist das zwar ganz lustig. Aber wer hat denn versagt, als Kinder wie die kleine Hamburgerin Angela in die DDR verschleppt wurden, sich dort nach Kräften anpassten und heute mit links Banken retten, ohne bei jedem Quatsch irgendwelche Parlamente zu fragen: Der alte Westberliner Erich Mielke.

Selten wurde das Problem so einprägsam erklärt wie in einem stern-Artikel aus dem Jahre 2004 über die Kamtschatka-Krabbe in Norwegen, der - leider nicht von mir - folgendermaßen beginnt: "Kaninchen in Australien oder Wessis in Weimar - immer wieder zeigt sich: Werden Wesen willkürlich in eine wehrlose Umwelt verpflanzt, breiten sie sich ungehemmt aus..." Zwar dient die Anspielung auf Rolf Hochhuths Treuhand-Drama nur dem Einstieg in eine Reportage. Aber kommt der Vergleich - wieder Weimar, zudem von einer westdeutschen Kollegin - wirklich von ungefähr?

Wie zu Goethes Zeiten wollen hessische Gewerkschaftssekretäre Ministerpräsidenten in Thüringen werden. Noch immer strömen massenhaft westdeutsche Studienanfänger in den Osten, nach Angaben der Initiative "Studieren in Fernost" in Sachsen 29 Prozent der Erstsemester, in Sachsen-Anhalt 38 und in Mecklenburg-Vorpommern über 42 Prozent? Sicher nicht, um dort alten Omis über die Strasse zu helfen.

"Betrogener, betrüge!"

Stattdessen sind Geschichtsfälscher am Werk, um die Ursachen der Plage zu verschleiern. Mir fiel das erst vor ein paar Monaten, als ich die wahre Herkunft Erich Mielkes aufdecken wollte und in der englischen Wikipedia über den Stasichef noch las: "After West German annexation of the GDR Mielke was arrested and charged...". Nun heißt es dort auf einmal: "After the GDR joined West Germany..." - Leider bin ich kein Wikipedia-Autor, aber könnte das - bei Gelegenheit - vielleicht mal wieder jemand richtig stellen?

Schlimm genug, dass sich Obstweindichter wie dieser Goethe auch noch über die Wiedervereinigung lustig machen, während sie sich selbstgefällig auf dem "West-östlichen Diwan" räkeln: "Der Harte wird umgangen/ Der Gimpel wird gefangen/ Beherrsche diese Lüge/ Betrogener, betrüge!" Besser hätte das sein Landsmann Jürgen Schneider auch nicht sagen können. Nur ging der nach seinem Ausflug nach Leipzig in den Knast und dann wieder zurück. Goethe dagegen wäre in diesen Tagen 263 Jahre alt geworden und vermutlich immer noch Weimarer Röcken hinterher. Ist er aber nicht, sondern - von wegen unsterblich - tot. Das ist die Strafe für anbiedernde Gedichte, die den Orient verbrämen, aber nur die ostdeutsche Karriere-Wahlheimat meinen: "Soll ich von Smaragden reden, die dein Finger niedlich zeigt? Manchmal ist ein Wort von nöten, oft ist's besser, daß man schweigt." Ganz genau, Goethe: Schnauze Wessi!

  • Holger Witzel