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Schnauze Wessi! "Rügen scheißt auf Sylt"


Die Aufstände in Nordafrika sind so gut wie vorbei. In Berlin brennen auch kaum noch Autos. Allein in der Fläche Ostdeutschlands wächst der Widerstand. Eine Ermutigung.
Von Holger Witzel

Anfang des Jahres wurde ein Berliner Zeitungsbote zu fast sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte in den sanierten Hausfluren des ehemaligen Ost-Bezirks Prenzlauer Berg mehrfach leere Kinderwagen angezündet und in einem Anflug von Selbstüberschätzung war ich mir schon wie ein geistiger Brandstifter vorgekommen. Immerhin hatte er der Polizei zunächst erklärt: "Die ganzen Schwaben kotzen mich an". Sein Vorname Maik mit "ai" - wie Amnesty International - war ein weiteres Indiz. Vor Gericht nahm er das mit den Schwaben dann allerdings wieder zurück und erklärte seine Taten mit allgemeinem Frust und Drogenabhängigkeit – also Motive, die man wirklich nur verurteilen kann.

Fast gleichzeitig verklagte ein Hausbesitzer aus München eine Mieterin aus Chemnitz, weil bei deren Sohn eine Piratenflagge im Kinderzimmerfenster hing. Es war nichts Politisches, nur ein Fanartikel für einen Piratenfilm. Trotzdem sprachen westdeutsche Juristen ihrem Landsmann in erster Instanz ein paar hundert Euro Entschädigung für angeblich abgeschreckte Mieter zu. Auf den ersten Blick ein Fall wie tausend andere, Alltag in den besetzten Ländern. Doch die Mutter ging in Berufung – diesmal in einem Piraten-T-Shirt - und gewann. Plötzlich ließ sich aus dem Totenkopf kein Bezug mehr zur Waffen-SS konstruieren und in Wahrheit, so stellte sich heraus, war sie nur zu aufmüpfig gewesen und hatte sich über Mängel im Haus beschwert.

Montagsdemos reloaded

Laut Besatzungsrecht ist schon "die Billigung von Straftaten" strafbar, insbesondere wenn es dabei um "die Störung des öffentlichen Friedens" geht. Aufwiegler wie Oleg Worotnikow werden deshalb mit internationalem Haftbefehl gesucht, die Strohfeuer in Griechenland, Spanien oder Nordafrika schnell mit imperialistischer Solidarität erstickt. Und natürlich möchte auch hierzulande niemand auf einer Stufe mit kleinlichen Trittbrettfahrern stehen, die nach 20 Jahren lediglich den gleichen Lohn wie ihre Kollegen im Westen fordern.

Selbst Montagsdemonstrationen formieren sich wieder. Es sind noch recht klägliche Häufchen, aber so fing das in Leipzig auch mal an. Neben Nachahmern im Westen, in Nürnberg, Dortmund und einmal jährlich zwei Tage vor Aschermittwoch – noch ängstlich vermummt - in Köln, marschieren sie sogar in Berlin. Wie 1989, als man dort auch erst am 4. November und mit Genehmigung der SED den Aufstand probte, haben die östlichen Randbezirke ziemlich spät mitbekommen, dass die Flugrouten des neuen Flughafens nach Protesten einflussreicher Leute nicht mehr über den Wannsee, sondern über den Müggelsee führen sollen. Dass auch dort inzwischen mehrheitlich Westdeutsche siedeln, ist nur ein kleiner Trost. Tröstlicher immerhin als der voraussichtliche Fertigstellungstermin 2063.

Kotbeschmierte Parkscheinautomaten

Ähnliche Geschichten hört man überall. Die Menschen zwischen Anklam und Zwickau - oder sagen wir besser Zittau, um Missverständnisse zu vermeiden - werden langsam frech. Richtige Widerstandsnester gibt es schon: Im Brandenburger Bartschendorf etwa wehrten sich Bauern gegen den Verkauf ihre Kirchenruine an einen Hamburger Clubbetreiber. Mit der Parole "Rügen scheißt auf Sylt" erklärten Untergrundkämpfer in Binz der Imbiss-Kette "Gosch" unverblümt den Propagandakrieg. Guerillas aus dem Vogtland setzten die Taktik sofort um und beschmierten in Plauen etliche Parkautomaten einer Schwarzwälder Firma mit Kot. Brauner Widerstand kann viel kreativer sein, als ihn westdeutsche Verfassungsschützer in Thüringen lange finanzierten. Oder um es mit den Worten des russischen Kunstkriegers Oleg Worotnikow zu sagen: "Der Hass auf die herrschende Klasse ist heute stärker als zu kommunistischer Zeit."

Erst vergangene Woche, so berichtet "Niederlausitz aktuell", versauten Ferienkinder in Brandenburg einem Hobbyjäger aus Bonn durch lautes Lachen im Wald mehrere Tage hintereinander den Schuss, bis der feudalherrisch mit Gefängnis drohte und frustriert wieder abreiste. Berliner Hitzköpfe rufen in einen Kurzfilm mit dem Titel "Wessi go home" offen zum bewaffneten Widerstand auf. Und manchmal juckt es mich auch, meinen westdeutschen Nachbarn etwas deutlicher die Meinung zu sagen als "Guten Tag". Aber dann braucht man doch wieder ein Ei oder nimmt ein Paket für sie an, weil der einheimische Postbote darum bittet. Außerdem muss man vorsichtig sein.

Zugewanderte Hassprediger

Nach Jahren angepasster Agonie bezichtigt die Leipziger CDU den westdeutschen 16-Prozent-Oberbürgermeister ihrer Stadt auf einmal der "Schauspielerei" - aber schickt auch nur einen verbeamteten Kleindarsteller aus Bayern in den Wahlkampf. "Wende-Kinder" rotten sich zusammen und drohen, als "Dritte Generation Ost" endlich den Mund aufzumachen, sofern es dafür ein paar Stiftungsgelder gibt. Genug geredet, findet dagegen mein bester Freund Michael und zitiert den Leipziger Untergrund-Philosophen FRP: "Die Zeit der Rücksichtnahme ist endgültig vorbei!" Na gut, antworte ich noch immer eingeschüchtert, aber was sollen wir tun? Westdeutsche vergiften im Park?

Vor allem dürfen wir uns nicht instrumentalisieren lassen. In Berlin brannten nach teuren Angeber-Karren in den besetzten Bezirken mehrheitlich Kleinwagen der West-Sektoren. Offenbar griffen auch Elektro-Griller aus Reinickendorfer Reihenhäusern zum Grillanzünder, um ihre Teilkasko zu betrügen. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb von einem "hasserfüllten Klima", das die Stadt in "so reichen Abstufungen" durchdringe wie nirgendwo sonst. Der Ostdeutsche Sparkassenverband erklärte kämpferisch, keins seiner Institute lasse sich künftig noch von amerikanischen Rating-Agenturen bewerten. Zwar sind zugewanderte Hassprediger nicht immer so leicht zu entlarven wie süddeutsche Reporter oder der Krefelder Ost-Sparkassen-Verbandspräsident, aber man spürt trotzdem, wie New York City bebt, seit die Kreissparkasse Demmin auf die "Triple-A"-Bestnote bei Standard & Poor's pfeift.

Partisanenbücher, vorbestellt

Noch mehr Hoffnung machen allerdings die klassischen Merkmale der revolutionären Situation: Die Gewinne steigen. Die Armut auch. Der Paritätische Bund warnt vor sozialen Unruhen. Und in meiner Stadtteilbibliothek sind die alten Partisanenbücher ständig vorbestellt – was für ein gutes Gefühl, es nicht mehr allein zu sagen: Schnauze, Wessi!


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