Sex und Politik Vom Ende der Heuchelmörder


Haben sie schon gehört? Jaja! Brandt und diese ... und erst der Lafontaine. Der Westerwelle. Der Schröder. Und, ganz schlimm, puh, der Seehofer! stern-Autor Andreas Hoidn-Borchers beleuchtet die heuchlerische Verquickung von Sex-Gerüchten und Politik - und zelebriert das Ende der Doppelmoral.

Es gibt das unterdrückte Lachen und das ansteckende Lachen. Es gibt solidarisches und hämisches Lachen. Es gibt das befreiende und das erleichterte Lachen. Vielleicht gibt es auch so etwas wie ein Schock-Lachen. Schwer zu sagen, welche Art am Dienstag voriger Woche überwog, als die CDU/CSU-Bundestagsfraktion tagte. Es sprach der CSU-Abgeordnete Johannes Singhammer aus München. Er ist der familienpolitische Sprecher seiner Partei und wollte über die älter werdende Gesellschaft reden. Er hob an: "Ich freue mich, dass sich die Bundesregierung verstärkt darum kümmert, dass in Deutschland wieder mehr Kinder geboren ... "

Weiter kam er nicht. Erst prustete einer los, dann noch einer, am Ende schütteten sich alle aus vor Lachen. Es war wie im Kino, wenn sich eine gute Pointe langsam in die Hirne schmuggelt und am Ende der ganze Saal explodiert. Nur dass es hier nicht um eine Komödie ging. Es war der Tag, an dem "Bild" mit der fetten Schlagzeile erschienen war: "Minister Seehofer - Baby mit heimlicher Geliebter".

Wenn mit Privatem Politik betrieben wird

Vielleicht hätte Horst Seehofer, 57, sogar mitgelacht über Singhammers unfreiwilligen Witz auf seine Kosten. Der Mann hat Humor. Aber er hatte alle Termine abgesagt, vor allem, um mit seiner Familie zu reden. Seehofer hat drei Kinder, ist seit 21 Jahren verheiratet und möchte es offenbar auch bleiben. Dabei könnte man es bewenden lassen. Horst Seehofer hat sich in eine schwierige Situation manövriert. Aber das ist seine Sache. Sie geht die Öffentlichkeit nichts an. Eigentlich. Trotzdem hat sich Seehofer schnell des Rückhalts der Kanzlerin versichert; wenn er die Kraft habe, das durchzustehen, gebe es keinen Grund, ihn zu entlassen, ließ Angela Merkel ihren Landwirtschaftsminister wissen.

Die wahre, hochpolitische Dimension der Geschichte wurde zwei Tage später offenbar. Da verständigten sich Erwin Huber und Günther Beckstein darauf, Edmund Stoibers Posten als Parteichef und Ministerpräsident unter sich aufzuteilen. Vorbei an Seehofer, dem Angeschlagenen, Abgetauchten. Spätestens da musste es dem Gutgläubigstem klar sein, dass hier mit Privatem Politik betrieben wurde - von wem auch immer.

Seehofer ist eine Art Schröder in Schwarz

Seither kämpft Seehofer nicht nur um seine Familie. Er kämpft auch um seine politische Zukunft, um seinen großen Traum: CSU-Vorsitzender zu werden. Noch am Donnerstag warf er seinen Hut in den Ring. Da liegt er und wird von seinen Gegnern beäugt wie eine Zeitbombe. Und Seehofer hat viele Gegner, jedenfalls im CSU-Establishment. Sein Rückhalt ist die Basis, sind die Wähler. Bei der letzten Bundestagswahl holte er bundesweit das zweitbeste Ergebnis aller Wahlkreisbewerber. Auf diesen Rückhalt baut Seehofer. Er ist da so eine Art Schröder in Schwarz.

Und sein Fall ist gleich ein doppeltes Lehrstück. Zum einen in Politik unter der Gürtellinie, in "sexueller Denunziation" also. Den Begriff prägte der Hamburger Erziehungswissenschaftler Friedrich Koch Mitte der 80-er Jahre. Er sieht darin eine "gezielt eingesetzte Technik zur Ausschaltung des politischen Gegners. Mit Hilfe dieser Technik werden politischen Entscheidung und Entwicklungen in Gang gesetzt oder nachträglich gerechtfertigt." Dies, sagt Koch, habe "so etwas wie Tradition in unserem Land".

Auch Brandt und Waigel waren Opfer "sexueller Denunziation"

Das prominenteste Opfer war Willy Brandt, den auch ein zehnseitiges Dossier des Verfassungsschutzes über seine angeblichen Liebschaften 1974 samt entsprechender Schmuddel-Stories zum Rücktritt trieb. Ein weiteres der frühere CSU-Chef Theo Waigel, der sich nicht von seiner kranken Frau scheiden lassen wollte, aber mit Irene Epple verbandelt war; das wussten viele, es wurde aber erst gezielt gestreut, als Waigel auch Ministerpräsident werden wollte. Profitiert hat damals Edmund Stoiber, dessen Staatskanzlei zuletzt die Landrätin Gabriele Pauli bespitzeln ließ, möglicherweise als Vorstufe zur Denunziation.

Geschichte scheint sich zuweilen zu wiederholen. Von Seehofers Verhältnis hat Waigel Tage vor der Veröffentlichung in "Bild" erfahren - von einem Seehofer-Widersacher in der CSU. Im Vorstand kursierte das Gerücht längst. Dass die Gerüchteköche und - kellner immer noch ihr Unwesen treiben und treiben können, vor allem in der CSU ­ das ist der beunruhigende erste Teil des doppelten Lehrstücks.

Bayerns Bevölkerung will Seehofer

Der zweite Teil dagegen stimmt versöhnlich. Alle Umfragen signalisieren der CSU-Spitze: Bleibt uns weg mit Huber, wir wollen Seehofer. 76 Prozent aller Bayern und sogar 78 Prozent der CSU-Anhänger sagen, dass Seehofer in der Partei weiter Karriere machen kann, trotz außerehelicher Kapriolen, ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Forsa für den stern. Drei Viertel! Dass man das noch erleben darf. Offenbar ist die Bevölkerung selbst im tiefsten Bayern doch viel stärker vom Wertewandel infiziert und viel weniger sittenwächterisch, als sich manche in ihrer Parteischulweisheit träumen lassen.

In Ingolstadt sitzt Paul Lindemann in seinem Büro in der Zipfelgasse. Lindemann kennt Horst Seehofer. Er hat mit ihm die Schule besucht. "Die Sache mit der Geliebten", sagt Lindemann, "die wurde bewusst aus der eigenen Partei gestreut, um dem Horst zu schaden. Fast jeder an der Basis glaubt das. Und das macht die Leute trotzig. Sie werden sich jetzt erst recht hinter Seehofer stellen." Lindemann kennt auch die CSU, er sitzt im Stadtrat und ist seit 24 Jahre Vorsitzender des Ortsvereins. Zum Abschied sagt er nur: "Wir lassen unsern Horst nicht im Stich."

Das Ende der verdrucksten Doppelmoral

Willkommen im 21. Jahrhundert! Willkommen am Ende der verdrucksten Doppelmoral. Vier von zehn Ehen werden inzwischen in Deutschland geschieden, Seitensprünge sind, je nach Umfrage, eine Art Volkssport oder zumindest weit verbreitet ­- und da sollen ausgerechnet Top-Politiker einen auf heilig machen? Offenbar sind die Ansprüche des Volkes an die sexualmoralische Integrität seiner Vertreter realistisch niedrig geworden.

Die Deutschen haben den von Unionisten als "Audi-Kanzler" (für jede Ehe einen Ring, haha) geschmähten Schröder 2002 wiedergewählt und nicht Stoiber, der sich damals anpries, er sei "seit 34 Jahren mit derselben Frau verheiratet". Und als der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff voriges Jahr Frau und Frisur wechselte, urteilten 73 Prozent der Bürger: Kein Schade für seine Karriere. Jenseits der politischen Bühne nimmt man(n) es seit langem lockerer.

Natürlich durfte der frühere Chef der Deutschen Bank die Suppe daheim über haben und fürderhin fremdlöffeln; es störte nicht einmal, dass die Neue die Witwe eines SPD-Vorsitzenden war. Hauptsache, die Rendite stimmt. Alles andere sind peanuts. Die Nonchalance, die Unternehmen an den Tag legen, wünschte man auch unseren Parteien. Und manchen Blättern erst recht.

Eine Affäre Seehofers ist keine Affäre Seehofer

Politiker sollen ihren Job anständig machen und das Wohl des Volkes mehren. Sie sollen sich an die Gesetze halten, sich nicht bestechen oder die Socken von dubiosen Beratern bezahlen lassen. Sie sollen dem Druck der Lobbyisten widerstehen. Fast alles andere ist zweitrangig. Horst Seehofer mag eine Affäre gehabt haben - eine Affäre Seehofer läßt sich daraus nicht machen. Ein Skandal gleich gar nicht. Skandalös ist anderes: das Verhalten einiger CSU-Politiker und ihrer Helfershelfer in den Medien.

Anfang voriger Woche tagte die CDU-Grundsatzkommission. Für eine historische Minute erwogen einige Mitglieder, einen Protestbrief an "Bild" zu verfassen. Dann wurde die Idee wieder verworfen. "Bild" hat in den letzten zehn Jahren eine Million Käufer pro Tag verloren; die Auflage beträgt nun etwa 3,5 Millionen Exemplare. "Bild" brilliert derzeit mit immer bizarreren Enthüllungen, vulgärer Sprache und viel nacktem Fleisch. Vergangene Woche musste auch ein Berliner CDU-Bezirkspolitiker dran glauben, der als Hobby-Porno-Darsteller bloßgestellt wurde. Auch da ging es um einen Parteiposten. Neben "Bild" verlegt der Springer-Verlag in Berlin auch die "BZ". Die titelte nach der "Bild"-Geschichte über Seehofer: "Die arme Frau, die arme Geliebte".

Mit der "Bild-"Zeitung will es sich keiner verscherzen

Wie man das nennen soll? Vielleicht: Heuchelmord. Was sie von "Bild" und deren Methoden wirklich halten, sagen Politiker aller Couleur meist nur hinter vorgehaltener Hand. "Bild" ("Wir sind Papst!") ist nämlich sehr empfindlich. Der Chefredakteur hat sogar gegen die unbedeutende "taz" geklagt, weil die sich auf ihrer Satireseite über ihn lustig gemacht hatte. Mit "Bild" will es sich jedenfalls kein Politiker verscherzen. Im Berliner Getriebe gibt es schließlich viele mögliche Opfer.

Dort treffen die immer selben zwei Tausend Abgeordneten und Journalisten, Lobbyisten und Staatsdiener auf den immer selben zwei Quadratkilometern aufeinander. Vom Frühstück im "Einstein" bis zum abendlichen Empfang sonstwo. Irgendwann hat selbst der härteste Polit-Junkie keine Lust mehr, über die letzte Verästelung der Gesundheitsreform zu fabulieren. Dann blüht der Klatsch. Schon gehört? Höhö! Ein "Karussell der Geschwätzigkeit" nennt das der Passauer Politologe Heinrich Oberreuter.

Das ist nicht anders als auf dem Flurfest einer x-beliebigen Firma. Und noch später werden neue Anlässe für neuen Tratsch geschaffen. Soweit alles relativ normal. Weniger normal ist dagegen, wenn Journalisten gezielt auf das Privatleben von Politikern gehetzt werden. So wurde vor einiger Zeit kolportiert, der Kanzlerin-Gatte sei daheim ausgezogen. Indiz: Sein Wagen parkte nicht mehr in der Tiefgarage. Auflösung: Er hatte sich einfach ein neues Auto gekauft.

Auch Schröder wurden Affären nachgesagt

Ein Großopfer der Gerüchteköche war Merkels Vorgänger. Gerhard Schröder unterhielt, so ging die Mär, mit so ziemlich allen TV-Moderatorinnen außer Sabine Christiansen ein Verhältnis. War zwar alles erfunden, wurde durch Wiederholung aber nur farbiger. Und ein bisschen was bleibt immer hängen. Eine Industriellen-Witwe behauptete sogar mehrfach steif und fest und empört, der Kanzler verteile in der Berliner Newton-Bar spezielle Visitenkarten an ausgesuchte Damen und raune ihnen zu, sie sollten sich doch, zwinkerzwinker, mal melden. Kann nicht sein?! Doch, auf Ehre, eine Freundin habe es ganz genau gesehen. Natürlich war das alles totaler Unsinn. Denn mit diesem Ganz-genau-Gesehen hat es so seine spezielle Bewandtnis.

Anfang der 90-er Jahre wurden dem saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine Kontakte ins Rotlicht-Milieu nachgesagt, die es nie gab. Bei der Suche nach angeblich kompromittierenden Fotos traf man damals viele Menschen, die jemanden kannten, der das Bild ganz sicher gesehen habe. Allerdings kannte dieser Jemand dann auch nur einen, der das Bild ... Die Fotos gibt es offenkundig nicht. Aber manche Geschichten sind eben so schön, dass sie gar nicht falsch sein dürfen.

"Das kann er net, der Kohl."

"Die Erregung (Heuchelei eingeschlossen) über das Privatleben von Minister Seehofer hält immer noch an. Im Kern aber ist die Affäre ganz einfach: Das Privatleben eines Politikers sollte der Moral entsprechen, die er in der Öffentlichkeit vertritt", schreibt der altkonservative Publizist Claus Jacobi. Das wird nicht falsch dadurch, dass es in "Bild" stand.

Oskar Lafontaine zum Beispiel überstand alle Gerüchte um sein Privatleben unbeschädigt. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er dem Leben zugetan ist. "Fressen, saufen, vögeln", wurde als Antwort auf die Frage, wie er sich vor Machtmissbrauch schütze, verbreitet. Lafontaine ulkte, so habe er sich nicht ausgedrückt; die Reihenfolge sei eine andere gewesen. Auf dem Höhepunkt der Rotlicht-Affäre saß Peter Müller, damals parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, vor einer Tasse lauem Kaffee in seinem Büro und klagte, Lafontaine sei im Saarland so beliebt, der könnte es ziemlich toll treiben "und der schwärzeste unserer Wähler würde sagen: Ei, unsern Oskar! Das kann er net, der Kohl." Bei der nächsten Landtagswahl verteidigte Lafontaine die absolute Mehrheit. Auch die Hälfte der Frauen wählte ihn.

Erpressbar ist nur, wer sich erpressen lässt

Ohnehin gilt der Lehrsatz: Erpressbar ist nur, wer sich erpressen lässt. In Berlin outete sich Klaus Wowereit 2001 auf einem SPD-Landesparteitag als schwul und kam so einer Enthüllung zuvor. Geschadet hat ihm das Bekenntnis nicht. Im August 2003 schmiss der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust seinen Stellvertreter Ronald Schill raus, nachdem der ihm angedroht hatte, über sein Intimleben auszupacken. Irgendwann danach fand auch der FDP-Bundesvorsitzende den Mut, sich öffentlich mit seinem Partner zu zeigen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich ist es erlaubt, kritisch über das Privatleben von Politikern zu schreiben, vor allem, wenn Politiker ihre Familie für ihre Politik instrumentalisieren oder eine heile Welt vorgaukeln, wo offenbar (gerade) keine ist - wie Horst Seehofer im vorigen Sommer in der "Bunten". Das aber ist der einzige Vorwurf, den er sich gefallen lassen muss. Und er hat die Irreführung wenigstens nicht im Wahlkampf betrieben. Laurenz Meyer etwa hat sich in Nordrhein-Westfalen vor Jahren mit einer Tochter auf der Schulter abbilden lassen und mit dem Slogan geworben: "Mein Papi packt's". Die Ehe war da längst im Dutt. Seinen Posten als CDU-Generalsekretär hat Meyer später verloren, aber wegen finanzieller Zuwendungen seines früheren Arbeitgebers RWE, nicht wegen seines Privatlebens. Und das ist auch ziemlich gut so.

Mitarbeit: Stefan Braun, Jan Rosenkranz, Sylvie-Sophie Schindler


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