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Interview

Andreas Reckwitz: Führender Soziologe: Warum die Volksparteien abstürzen und die Gesellschaft auseinanderfällt

Die Volksparteien schliddern in die Dauerkrise, die AfD erobert die Parlamente, auf den Straßen verbreiten sich Hass und Hetze: Deutschland ist eine unruhige Republik geworden. Der Soziologe Andreas Reckwitz analysiert die Ursachen – und wagt eine Prognose für unser künftiges Parteiensystem.

Soziologe Andreas Reckwitz (re, oben): Unsere einstmals homogene Gesellschaft fällt jetzt in aufsteigende und absteigende Milieus auseinander.

Soziologe Andreas Reckwitz (re, oben): Unsere einstmals homogene Gesellschaft fällt jetzt in aufsteigende und absteigende Milieus auseinander.

DPA

Die Volksparteien stecken in der Dauerkrise, am Sonntag droht der CSU bei der Wahl in Bayern ein historisches Desaster. Die AfD erobert flächendeckend die Parlamente. Auf ostdeutschen Straßen marschieren "besorgte Bürger" gemeinsam mit Neo-Nazis und Hooligans. Was ist los in unserem einstmals so stabilen Land?

Offenbar ist es so, dass sich für die Menschen verschiedene Krisen- und Verunsicherungsmomente miteinander kombinieren und gegenseitig hochschaukeln. Dahinter steckt jedoch ein grundlegender Strukturwandel, weg von der klassischen Industriegesellschaft, hin zu einer anderen, vielfältigeren, spätmodernen Gesellschaft. Dieser Wandel vollzieht sich untergründig schon seit Jahrzehnten, aber nun schwappt er gleichsam nach oben und findet auch ganz konkret in der Politik seinen Ausdruck.

Was hat sich grundlegend verändert?

Wir hatten in Deutschland lange, von der Nachkriegszeit bis in die Mitte der 80er Jahre das, was der Soziologe Helmut Schelsky einst die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" nannte. Es war eine weitgehend homogene, vielfach sogar egalitäre Gesellschaft, geprägt durch ähnliche Lebensformen, ähnliche Aufstiegs- und Fortschrittsversprechen, weitgehend übereinstimmende Leitbilder und Werte für Millionen von Menschen. Diese einstmals homogene Gesellschaft fällt jetzt auseinander, sie differenziert sich aus in aufsteigende und absteigende Milieus.

Wie kann man diese Milieus genauer beschreiben?

Ich sehe im Wesentlichen drei Gruppen. Zum einen hat sich eine neue Mittelklasse herausgebildet, die in den letzten Jahren erhebliche Aufstiegsprozesse erlebt hat. Das sind vor allem hochqualifizierte Akademiker in den Großstädten. Dann gibt es eine neue Unterklasse, vorwiegend beschäftigt in einfachen, eher schlecht bezahlten Berufen, wo noch sehr stark körperlich gearbeitet wird, vom Gebäudereiniger bis zum Paketboten.

Die neue Mittelklasse ist der Gewinner der zentralen Megatrends

Und dann gibt es eine alte Mittelklasse, sie ist gewissermaßen das Erbe der nivellierte Mittelstandgesellschaft: Menschen, die in eher kleinstädtischen oder ländlichen Regionen leben, von den Einstellungen her eher konservativ sind und von der Lebensführung traditionell: ein kleines Eigenheim, zwei Kinder, der Kombi steht vor der Tür. 

Welche Lebensgefühle prägen "neue Mittelklasse" und "alte Mittelklasse"?

Die neue Mittelklasse ist der Gewinner der zentralen Megatrends: Postindustrialisierung der Ökonomie hin zu einer hochinnovativen Dienstleistungsgesellschaft, Bildungsexpansion, Digitalisierung, liberaler Wertewandel. Die alte Mittelklasse und die neue Unterklasse befinden sich dagegen in einem Prozess der empfundenen Deklassierung, der kulturellen Abwertung und Defensive.

Geht es dabei gar nicht primär um ungleiche Einkommen, sondern um kulturelle Unterschiede, in Mentalität und Lebensstil?

Es geht um beides. Die neue Unterklasse kann sich oft den Mittelklasse-Lebensstil nicht mehr leisten. Wer im Schlachthof arbeitet oder Essen ausliefert, hat Mühe in den Großstädten überhaupt noch eine bezahlbare Wohnung zu finden. Die alte Mittelklasse kann durchaus noch gut verdienen, beispielsweise als Facharbeiter in der Automobilindustrie.

Woher kommen dann die Gefühle der Deklassierung und kulturellen Abwertung, von denen Sie sprechen?

Die alte Mittelklasse hat offenbar das Gefühl, immer stärker in die Defensive zu geraten. Die Bildungsexpansion führt zu einer Akademisierung. Universitätsabschlüsse sind zu einer Art Goldstandard geworden. Bis zu einem Drittel der jungen Menschen haben ihn schon. Die neue Mittelklasse definiert sich sehr stark über dieses kulturelle Kapital, das sind häufig auch die Einkommensgewinner.

Kohlekumpel oder Stahlkocher waren einst Helden der Moderne – heute unvorstellbar

Mittlere Berufe, mittlere Bildungsabschlüsse geraten dagegen ins Hintertreffen. Früher waren mit Realschulabschluss und Gesellenbrief berufliche Sicherheit und Sozialprestige verbunden. Das ist heute immer weniger der Fall. Noch extremer ist die Erfahrung von Abwertung in der neuen Unterklasse, wo oft noch schwer körperlich gearbeitet wird. In einer Wissensgesellschaft wird körperliche Arbeit nicht mehr so wertgeschätzt. Kohlekumpel oder Stahlkocher waren einst Helden der Moderne – heute unvorstellbar.

Wie erklären Sie sich das weit verbreitete Gefühl des "Abgehängt-Seins"?

Die neue Mittelklasse lebt vor allem in den Großstädten, den Metropolregionen, dort, wo die Wissensökonomie beheimatet ist, wo aber auch die neuen Werte von Öffnung, Vielfalt und Multikulturalität gelebt und geprägt werden. Die alte Mittelklasse dagegen ist eher kleinstädtisch und ländlich geprägt. Die Städte boomen, die ländlichen Regionen aber veröden teilweise, der Einzelhandel zieht sich zurück, die beruflichen Möglichkeiten für die Kinder sind eingeschränkter.

Man war mal Mitte und Maß – und heute ist man nur noch Mittelmaß

Die Lebenswelten fallen auseinander. In der Metropole ist man im Zentrum der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung. In der Provinz hat man häufig das Gefühl: Das findet alles ohne mich statt.

Sie sprechen von einem "Regime des Neuen, das permanente Unsicherheiten auslöst".

Die postindustrielle Wissensgesellschaft prämiert eher das Neue als das Alte, das Alte muss sich ständig rechtfertigen. Berufliche Anforderungen verändern sich ständig, auch kulturell gibt es einen permanenten Imperativ der Selbstveränderung: neue Reiseziele, neue technische Gadgets, neue Schulen. Die neue Mittelklasse ist gegenüber diesem Regime des Neuen sehr affin. Die alte Mittelklasse erlebt es häufig eher als Zumutung und Entwertung der eigenen, traditionelleren Lebensform. Sie sehnt sich nicht selten zurück nach den alten Standards, die für alle verbindlich waren.

Ist die alte Mittelklasse deshalb besonders anfällig für den Rechtspopulismus?

Ja, der Rechtspopulismus bietet gleichsam den radikalisierten politischen Resonanzraum für die Frustrationen, die sich in der alten Mittelklasse ausbreiten. Man war mal Mitte und Maß – und heute ist man nur noch Mittelmaß. Da wirken offenbar Gefühle der Verletzung. Wenn die AfD mit dem Slogan "Hol’ Dir Dein Land zurück!" in die Wahlkämpfe zieht, dann spricht sie exakt dieses Gefühl von Entwertung an. "Hol Dir Dein Land zurück!", das heißt eigentlich: "Hol’ Dir die alte Welt zurück." Also jene Zeit, in der Du noch Mitte und Maß der Gesellschaft warst.

Bei den Protesten in Chemnitz marschierten "besorgte Bürger" gemeinsam mit Neonazis und Hooligans. Wie ist das zu erklären? 

Das ist letztlich das Bündnis von alter Mittelklasse und neuer Unterklasse. Hier schließen sich Leute zusammen, die eigentlich sonst nicht viel miteinander zu tun haben. Aber das Gemeinsame, die kollektive Erfahrung von Entwertung, auch von Machtverlust ist hier offenbar stärker als das Trennende. Der Rechtspopulismus bezieht genau daraus seine Wirksamkeit in vielen Ländern.

Die AfD verdankt ihren Aufstieg dem Flüchtlingsstreit. Ist das Migrationsthema letztlich nur eine Chiffre, mit der tiefer liegende gesellschaftliche Konflikte ausgetragen werden?

Ja, das kann man so sagen. Die neue Mittelklasse setzt auf Öffnung, auf Deregulierung und die damit verbundene Vielfalt. Sie ist prinzipiell für Globalisierung und internationale Öffnung. Sie sieht das alles als Chance für sich und profitiert ja auch davon. Anders die alte Mittelklasse. Das sind eher die Globalisierungsskeptiker. Die Flüchtlingskrise hat in diesem Milieu offenbar wie ein Katalysator gewirkt für die schon vorher latent vorhandenen Unsicherheiten. Das Leitprinzip der alten Mittelklasse ist nicht Öffnung und Entgrenzung, sondern die Sicherung von Ordnungen. Das sind Werte, die erst mal für sich noch gar nicht radikal sind: Sicherheit, Berechenbarkeit, Sesshaftigkeit. Im Rechtspopulismus finden sie einen Ausdrucksort, der diese Werte dann ins Radikale wendet.

Was heißt all das für das deutsche Parteiengefüge?

FDP und Grüne sind die Parteien der neuen Mittelklasse. Die einen sind eher wirtschaftsliberal eingestellt, die anderen eher kulturliberal, aber beide setzen auf gesellschaftliche Öffnung. Da die neue Mittelklasse expandiert, ist das erfolgreich. Die AfD findet vor allem Resonanz in Teilen der alten Mittelklasse und Teilen der neuen Unterklasse. Wir beobachten ganz ähnliche Entwicklungen in Frankreich mit dem Front National, in Großbritannien mit der Brexit-Bewegung oder in den USA mit Donald Trump. Auch dort sehen wir analog zur AfD Bündnisse von Teilen der alten Mittelklasse und der neuen Unterklasse.

Und Union und SPD?

Sie waren einst die klassischen Parteien der nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Sie deckten alle möglichen Milieus und Berufsgruppen ab. Das konnten sie auch, weil diese Milieus sozial und kulturell eng beieinander standen. Wenn wir jetzt aber diese besprochene Differenzierung und Polarisierung haben, wird das natürlich schwieriger: die Auseinanderentwicklung der Lebenswelten zwischen neuer Mittelklasse auf der einen Seite und alter Mittelklasse sowie neuer Unterklasse auf der anderen. Die traditionellen Volksparteien haben das Problem, dass dieser Riss mitten durch sie selbst verläuft. Sie versuchen, sehr unterschiedliche Lebenslagen und Lebensgefühle unter einen Hut zu bringen. Aber das wird schwieriger. 

Gibt es für Volksparteien in Deutschland überhaupt noch eine Zukunft? Oder handelt es sich bei Ihnen um ein Auslaufmodell?

Sie sind ja schon enorm geschrumpft. Ich sehe nicht, dass dieser Prozess wieder rückgängig gemacht werden kann. Ich könnte mir vorstellen, dass wir ein Parteiensystem wie in den Niederlanden bekommen. Dort sehen wir seit Jahren schon eine Auffächerung in ein System zahlreicher, eher kleiner bis mittelgroßer Parteien. Sie adressieren eindeutig ganz bestimmte Milieus, das bringt ein hohes Identifikationspotenzial beim Wähler. Aber mehr als 20 Prozent zu erreichen, ist dann eben schwierig.

Lesen Sie im aktuellen stern, wie die Thesen von Prof. Andreas Reckwitz zur Bayern-Wahl passen.