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SPD: Knuddel-Kurt und die Rampensau

Erst hat man kein Glück, dann kommt auch noch Franz Müntefering dazu: Am Dienstagabend erhielt Kurt Beck eine bittere Lektion. Bei der "Spargelfahrt" führte der Vizekanzler vor, wie er sich Führung vorstellt. Anders als der SPD-Chef. Szenen eines aufschlussreichen Ausflugs.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Es war eine dieser Szenen, die man nur alle paar Jahre beobachten kann. Eine Szene, die wie in einem Brennglas ganz vieles bündelte: die Sehnsüchte, Hoffnungen, Enttäuschungen und Erwartungen einer ganzen Partei - und das individuelle Können und, tja, Versagen ihres Führungspersonals. Es ist deshalb eine Szene, an die man sich noch lange erinnern wird. Sehr lange.

Sie spielte am Dienstagabend gegen 21.30 Uhr auf der "MS Paloma". Es ging über den Berliner Wannsee. An Bord gut 500 Sozialdemokraten - Minister, Abgeordnete, Mitarbeiter - und ein paar Dutzend Journalisten. "Spargelfahrt" heißt das. Die "Seeheimer", eine Vereinigung der eher rechten SPD-Parlamentarier, lädt jedes Jahr im Mai dazu ein. Es gab Spargel satt, mit Hollandaise. Dazu wurden reichlich Bier und Wein gereicht - sowie zwei aufschlussreiche Grußworte.

Matter Applaus für Beck

Es begann der Parteivorsitzende. Kurt Beck mäanderte durch eine typische Kurt-Beck-Ansprache; Rede möchte man das nicht wirklich nennen. Er begann mit einem Kurt-Beck-typischen Lob für die Veranstalter ("eine tolle Sache") und endete mit einem Kurt-Beck-typischen Dank an die Bedienungen. Dazwischen gab´s einen kurzen Ausblick auf die Wahl am Sonntag in Bremen ("Ich bin durchaus zuversichtlich, dass wir nicht in die Röhre gucken"), ein bisschen Solidarität, Freiheit und Mindestlohn. Und schließlich den verkniffen-komischen Scherz: "All diejenigen, die meinen, dass man uns wie einen Spargel köpfen könnte, die irren." Das war das Highlight.

Das alles war nicht wirklich schlecht, aber eben auch nicht gut. Es hatte das Niveau eines Grußwortes auf dem Kreisparteitag Kirchheimbolanden. Am Ende gab es matten Applaus des durchaus klatschwilligen Publikums. Kurt Beck sprach im Bug des Schiffes. Wer im Heck saß, hatte zwischenzeitlich Mühe, ihn zu verstehen. Zu hoher Lärmpegel. Viele hatten angefangen, sich wieder zu unterhalten. Ist ja nur der SPD-Chef da vorne am Mikro.

Das alles wäre nicht weiter schlimm gewesen. Aber erstens spricht Kurt Beck häufig so. Zweitens steht er momentan sowieso unter schärfster Beobachtung wegen des Verdachts, der Parteivorsitz könnte ihm vielleicht doch eine Nummer zu groß sein. Und drittens trat danach der Vizekanzler auf - und wie! Wie losgelöst.

Spätestens seit diesem Augenblick gilt für Kurt Beck der Satz: Erst hat man kein Glück, dann kommt auch noch Franz Müntefering dazu.

Donnernder Applaus für Müntefering

Müntefering fing einfach mit einem rhetorischen Erdbeben an - und steigerte sich dann allmählich. Er erinnerte an die 70er-Jahre, die umstrittene Ostpolitik unter Brandt ("Der Willy ist nach Warschau gefahren und hat da gekniet") und wie die SPD in den Umfragen durchgereicht wurde damals. "Aber wir sind nicht weggelaufen, wir haben gekämpft." Dann folgten zwei Sätze, die es in sich hatten. "Wenn man weiß, dass die Politik, die man macht, noch nicht populär ist, dann darf man nicht weglaufen, dann muss man dafür kämpfen, dass sie populär wird", lautete der erste. Den hätte man noch als Appell an die gesamte verzagte und unter dem demoskopischen Dauertief leidende Genossenschaft verstehen können.

Der zweite Satz aber lautete: "Aufgabe von Politik ist auch zu führen und den Menschen zu sagen: Das ist die Richtung, in die wir gehen wollen." Und der konnte eigentlich nur einen Adressaten haben: denjenigen, der in der Partei die Aufgabe hat zu führen und deutlich zu machen, wohin die Reise gehen soll. Das ist der Vorsitzende. Kurt Beck. Die allermeisten an Bord verstanden diesen Satz genau so. Er hatte den sehr klar herauszuhörenden

Subtext: So wie es jetzt läuft, geht es nicht weiter. La paloma, ohe, einmal müssen wir geh´n, einmal schlägt uns die Stunde der Trennung. Einmal komm ich zurück. Franz Müntefering kennt den Text, er hat das Lied schon öfter mitgesungen.

Der Rest war reine Zugabe. Eine vom Vizekanzler lange nicht mehr gehörte Attacke auf den Koalitionspartner CDU ("Das ist die Freiheit der Willkür"), ein bisschen Seelenmassage, ein bisschen Aufputscharbeit: "Wir müssen die Nerven behalten und die Ellenbogen ausfahren und eine Schneise schlagen für sozialdemokratische Politik. Wahlkampf können wir. Die werden sich noch alle wundern, was dabei herauskommt." Der Franz, der kann´s halt.

Schluss, aus, donnernder Applaus. Müntefering, das nur nebenbei, war auch im Heck immer deutlich zu verstehen. Ein wenig erinnerte es an Wahlkampf. Fragt sich nur, für wen.

Es war eine denkwürdige Viertelstunde. Viel länger dauerte der Auftritt gar nicht. Ein bisschen war es so wie bei einem Punkkonzert, bei dem erst die Toten Hosen auftreten würden - und dann die Sex Pistols als Hauptgruppe. Auf Knuddel-Kurt folgte Franz, die Rampensau.

Eine ähnliche Szene hatte es schon einmal gegeben, auch mit Franz Müntefering. Das war auf dem SPD-Parteitag in Bochum, im Oktober 2003. Damals hieß der SPD-Vorsitzende Gerhard Schröder, der hatte sich gerade mit seiner Agenda 2010 schwerst unbeliebt gemacht bei den Genossen, und dann trat Müntefering auf. Eine kurze Rede nur, mal eben das Gaspedal durchgetreten, wrummbrumm, und das Adrenalin der Delegierten auf Touren gebracht. Fraktion gut, Partei gut. Glückauf. Der Saal tobte.

Drei Monate später hieß der Parteivorsitzende Franz Müntefering.

Was hat Müntefering bloß

Als solche Farce jedoch dürfte sich Geschichte nicht einmal bei der deutschen Sozialdemokratie wiederholen ¬ obwohl man da angesichts der Turbulenzen und aberwitzigen Führungswechsel der vergangenen Jahre nicht hundertprozentig sicher sein kann. Dass Müntefering Beck stürzen will, gilt selbst in der Toyotapartei SPD (Nichts ist unmöglich) als ausgeschlossen.

Umso größer das Rätselraten, was den Ex-Vorsitzenden geritten haben mag, seinen Nachnachfolger so die Schau zu stehlen und vorzuführen. Normalerweise hätte er es nach Becks matter Ansprache bei einem kurzen Hallo-viel-Spaß-und-gute-Unterhaltung belassen müssen. Dann hätte es keine erstaunten Mienen gegeben und keine Spekulationen - zumal das Verhältnis der beiden Spitzengenossen durchaus angespannt ist.

Müntefering ist Profi, wahrscheinlich der abgebrühteste im politischen Berlin. Dem passiert das nicht einfach so, der lässt sich nicht von sich selbst mitreißen wie Oskar Lafontaine. Schon gar nicht, wenn Dutzende Journalistenkulis gezückt sind.

Da war Absicht dahinter. Man wüsste nur gerne, welche. Vielleicht hatte er das Bedürfnis, mal wieder vorzuführen, wer der wahre "leader of the pack" ist. Vielleicht wollte er zeigen, dass die SPD noch in der Lage ist, erst sich selbst und dann andere zu begeistern. Vielleicht hatte er aber auch nur den Kanal voll. Das soll es ja geben, auch bei Profis.

Gutwillige Müntereologen hatten noch eine Erklärung parat: Der Franz habe nur klarmachen wollen, dass die SPD nicht nur aus Beck bestehe, sondern noch andere gute Leute vorzuweisen haben. So hat es bei Rudolf Scharping auch mal angefangen. Der bekam auch erst eine Troika an die Seite gestellt und wurde dann zur Seite geschubst. Aber das ist erstens lange her, zweitens war Müntefering daran nicht beteiligt und drittens und vor allem hatte die SPD damals noch personelle Alternativen. Jetzt ist sie fast auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, dass Beck sich berappelt und zu seinen unbestritten vorhandenen Führungsqualitäten zurückfindet. Wer sollte es denn sonst machen? Gabriel? Steinbrück? Steinmeier? Jau, und übermorgen wird ein Protestant Papst.

Vielleicht sollte er es sein, aber sehr hilfreich war Münteferings Auftritt nicht. Es war, wenn es so etwas gibt, eine Danaerrede. Vor Vizekanzler und Vorsitzendem hatte übrigens an diesem Abend auf dem Wannsee noch ein Dritter gesprochen, Fraktionschef Peter Struck. Was über Kurt Beck geredet und geschrieben werde, hatte er gesagt, sei "unglaublich und falsch. Kurt Beck ist ein guter Vorsitzender."

Das hat Müntefering nicht gesagt. Aber wahrscheinlich wollte er Struck nicht wiederholen... Ja, so eine Seefahrt, die ist lehrreich, wenn auch nicht immer schön für alle an Bord.

Glückauf, Kurt!