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Steinbrücks Wahlkampfauftritt in Niedersachsen: Mit Maulkorb und Fußfessel

Beinfreiheit? Von wegen. Bei seinem ersten Auftritt nach "Kanzlergehaltsgate" bemühte sich SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück, bloß keinen Fehler zu machen. Das ist zu wenig, um Merkel zu schlagen.

Von Florian Güßgen, Emden

Das Besondere an Peer Steinbrück ist, dass er sein Herz auf seiner Zunge trägt. Und das Fatale für Peer Steinbrück und seine SPD ist, dass er sein Herz auf der Zunge trägt. Wie in jenem Interview in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", in dem er am vergangenen Wochenende ein höheres Gehalt für die Kanzlerin oder den Kanzler fordert - und das ihm seither um die Ohren fliegt. Und weil sich Steinbrück so fatal geäußert hat, tritt an diesem Freitagabend in der Emdener Nordseehalle kein Herausforderer, kein Angreifer auf, sondern ein Kanzlerkandidat in der Defensive. Ein Steinbrück mit Maulkorb und Fußfesseln, nicht ein Kanzlerkandidat, der locker vom Leder ziehen kann - bei voller Beinfreiheit.

Es sieht gut aus in Niedersachsen. Eigentlich.

Es ist Wahlkampf in Niedersachsen. In zwei Wochen, am 20. Januar, wird gewählt. Und weil die Wahl so wichtig für die Sozialdemokraten ist, weil sie sich von einem Sieg des Spitzenkandidaten Stephan Weil und einem Regierungswechsel einen Schub für Berlin erhoffen, ein klares Signal für Rot-Grün, ist Niedersachsen derzeit der Probelauf für das Duell im Bund im Herbst. Und eigentlich sieht es gut aus. In Umfragen reicht es für Rot-Grün. Und eigentlich hatten sich die örtlichen Genossen auch von Steinbrück Schützenhilfe erwartet. Er, der kantige Spitzenkandidat sollte sie nach oben ziehen, mitreißen. Deshalb haben sie jetzt, in der heißen Phase des Wahlkampfs, einen ganzen Reigen an Steinbrück-Terminen angesetzt. Den ersten gleich Anfang Januar eben in Emden. Vor Weils Rede soll Steinbrück die Genossen mitreißen.

Für Steinbrück hat der Termin jedoch in den vergangenen Tagen eine neue Dimension bekommen. Es ist der erste große öffentliche Auftritt nach der Veröffentlichung des Interviews, der erste Auftritt nach einer Woche mit erschütternder Presse, mit fast vernichtendem Unverständnis. Wie kann es sein, dass ausgerechnet Steinbrück, der sich seinen Kandidatenstart mit der Diskussion über seinen Nebenverdienst vermasselte, der ohnehin im Ruch stand, ein Genosse der Bosse zu sein, ein Kaviarsozialdemokrat, wie kann es sein, dass der jetzt, da es etwas ruhiger geworden ist, mehr Gehalt für seinen möglicherweise zukünftigen Job fordert? Wie unpolitisch, wie bar jedweden Gespürs muss dieser Sozialdemokrat sein, der gerade nach dem wichtigsten politischen Amt im Land strebt? Wird Steinbrück sich in Emden rechtfertigen? Seinen Fauxpas ansprechen? In die Offensive gehen? Wie wird er auftreten?

Rysumer Nacken und Steinbrücks Kragen

Es ist rappelvoll in jenem Teil der Nordseehalle, den die SPD bestuhlt hat. Mehr als 1000 Menschen sind gekommen. Viel graues Haar, viele SPD-Funktionäre. Aber auch Parteilose. Und sie erleben einen Peer Steinbrück, der sich zügelt, der kein öffentliches Wort sagt zum Ärger um sein Interview. Keine Spur davon, dass es nicht nur, wie im niedersächsischen Wahlkampf, um den Rysumer Nacken geht, sondern auch um Steinbrücks Kragen. Sie erleben einen Steinbrück, der wie ein Panzer über diese ganze Kritik hinwegrollen will, sie mit Missachtung straft, um sie wegzudrücken. Ja, sagt er am Anfang seiner Rede locker. Er wolle das heute etwas anders machen, denn er habe schon in Reden Sachen gesagt, die er später wieder habe einfangen müssen. Und an anderer Stelle, sehr diffus: "Ich weiß, dass manche von ihnen vor Ärger über die Politik manchmal Pickel haben."

Aber das war's mit Selbstkritik. Ansonsten spult der 65-jährige Steinbrück in etwas weniger als einer halben Stunde eine Kurzfassung seiner Rede von seinem Krönungsparteitag Anfang Dezember in Hannover herunter. Gleiche Bezahlung für Männer und Frauen, Arbeitsplätze, eine bessere Infrastrukturförderung für Niedersachsen durch den Bund. Sowas. "Ich möchte über Politik reden und nicht über irgendetwas anderes", bekundet er. In Hannover hatte er seiner Partei noch dafür gedankt, dass sie ihn trotz seiner "Wackersteine" - gemeint war die Honorardiskussion - gestützt habe. Es war eine starke Rede. So etwas fehlt an diesem Freitag. Steinbrück ist darauf bedacht, nur keinen Fehler zu machen. Er zieht das hier und heute durch. Mehr nicht. Der Beifall ist verhalten. Standing Ovations gibt es nicht. Nach zwei Minuten ist Ruhe. Ob das dem norddeutschen Gemüt geschuldet ist oder der Steinbrückschen Vorstellung, das müssen Ethnologen beantworten.

Was bleibt haften?

Ob diese Strategie des Ignorierens aufgeht? Ob Steinbrück dieses unselige Interview vergessen machen kann? Schwer zu sagen. Es kann tatsächlich sein, dass ein Sieg der SPD in Niedersachsen am 20. Januar auch Steinbrück eine zwei, dritte, vierte Chance verschafft, dass er noch einmal "Beinfreiheit" für eine Imagekorrektur bekommt. "Ein Sieg Stephan Weils in Niedersachsen wäre eine hervorragende Startrampe für die Bundestagswahl im September, die ich gerne nutzen würde", sagt Steinbrück. Vielleicht klappt das. Vielleicht rettet die SPD, welch' Ironie, den Mann, der glaubte, durch Klartext die SPD retten zu können aus seiner schwersten politischen Krise. Vielleicht ist es aber auch so, dass dieses Interview, diese Forderung nach dem Kanzlergehalt, den Wählern im Bewusstsein haften bleiben. Steinbrück? Das ist doch der, der nie genug kriegen kann. Warum soll ich den wählen, wenn auf der anderen Seite die weniger gewandte, aber bescheidenere Angela Merkel steht?

Es ist unmöglich, auf einer Parteiveranstaltung ein nur halbwegs repräsentatives Stimmungsbild zu bekommen. Und auch in Emden sind die Funktionäre aller Ebenen auf Steinbrück geeicht. Ein Problem mit dem Interview? Habe er nicht, sagt etwa Sascha Pickel, Geschäftsführer der ostfriesischen SPD. Und auch für die Partei sei das kein Problem. Der Mann habe doch klare Kante gezeigt. Ähnliches sagten auch andere Genossen, etwa André Goldenstein, Jungsozialist aus Aurich. "Ich finde es gut, dass er so gradlinig ist. Jetzt kommt mal einer, der Ecken und Kanten hat. Das schätze ich." Aber Goldenstein sagt auch: "Es kann sein, dass Menschen, die sich nicht sicher sind, was sie wählen sollen, von dem Interview beeinflusst werden."

Ein echtes Problem mit Steinbrücks Interview hat auch Holger Harms nicht. Mit neongelber Jacke steht er vor der Halle. Er ist Betriebsratsmitglied der SIAG-Nordseewerke, einer Emdener Firma, die Teile für Offshore-Windanlagen produziert. Sie ist insolvent. Bis Mitte Januar reicht das Geld noch. Dann droht das Aus. Es geht um 700 Arbeitsplätze. Immerhin sei der Kanzlerkandidat doch gekommen, habe mit den Kollegen gesprochen. Am Nachmittag hatte Steinbrück das Werk besucht. Die CDU mache das nicht, sagt Harms. Das sei wichtiger als jedes Zeitungsinterview. Aber der Betriebsrat sagt auch: "Ich hätte die Gehaltsdiskussion bei den Bänkern angefangen, nicht bei der Kanzlerin." Er habe die Steinbrück-Rede gut gefunden, sagt auch Roland Gottlieb, Mitte zwanzig, SPD-Mitglied aus Leer. Und Steinbrücks Interviewäußerungen seien zwar politisch unklug gewesen, aber inhaltlich richtig. Neben Gottlieb steht seine Freundin, Anna Lai. Sie ist kritischer. Ihr sei das Interview aufgestoßen, sagt sie. Sie habe das Gefühl gehabt, sie müsse noch einmal überprüfen, wofür die SPD stehe. "Die SPD hat an sich gute Inhalte", sagt sie. "Aber Steinbrück ist kein Sympathieträger. Ich finde Merkel sympathischer." Trotz aller Solidaritätsbekundungen - ein Unbehagen durchfurcht die Stimmung der Genossen.

Bald werden die ersten repräsentativen Umfragen zeigen, ob Steinbrücks Interview messbare Konsequenzen hat - für die Stimmung in Niedersachsen und im Bund, für seine persönlichen Beliebtheitswerte, wie angeschlagen er nun wirklich ist. Sicher ist an diesem Abend nur, dass er sich mit seinen Äußerungen vorerst viel Freiheit geraubt hat. Als ein TV-Reporter ihn befragt, sagt er ihm: "Alles, was konkrete Politik ist, das streichen sie mir eh wieder raus." Man kann eine solche Äußerung auch als Dünnhäutigkeit deuten.