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Erstes TV-Triell Baerbock und Laschet blasen zum Angriff – und Scholz bleibt Scholz

Armin Laschet, Annalena Baerbock und Olaf Scholz im Triell
Sehen Sie im Video: Triell-Zusammenfassung – Wer überzeugte die Deutschen im TV-Duell? Videoquelle: RTL.de
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Eine angriffslustige Annalena Baerbock, ein ambitionierter Armin Laschet und ein abgeklärter Olaf Scholz – die Rollen beim ersten TV-Triell zwischen den Kanzlerkandidaten waren klar verteilt. Zu wessen Vorteil? Die Analyse.

Zumindest bei der Wahl ihres Kaltgetränks waren sich Armin Laschet und Olaf Scholz einig. Die Kanzlerkandidaten von Union und SPD griffen zum Bier, Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock gönnte sich ein Glas Weißwein. Erster Test bestanden, praktisch unfallfrei – darauf konnten die Bewerber beim anschließenden Umtrunk im Fernsehstudio in Berlin-Adlershof anstoßen. Die Kandidaten haben das erste TV-Triell vor der Bundestagswahl ohne große Patzer überstanden, sich kampfeslustig präsentiert, waren hart in der Sache, fair im Umgang – doch viel Neues erfahren die Zuschauer an diesem Abend nicht.

Das dürfte auch der Ausgangslage geschuldet sein: Keiner der drei Kandidaten konnte es sich angesichts der knappen Umfragen leisten, als eindeutiger Verlierer vom Platz zu gehen – und waren daher sichtlich engagiert, inhaltlich nicht allzu sehr anzuecken. Zumal immer noch 26 Prozent der Deutschen unentschlossen sind, wen sie wählen sollen.

Dennoch: Laschet musste wieder Boden gut machen und – nicht zuletzt seiner Partei – beweisen, dass er weiterhin ins Kanzleramt gehört. Scholz unter Beweis stellen, dass der Aufwärtstrend der Sozialdemokraten nicht nur auf den Fehlern der anderen basiert. Und Baerbock wieder ins Gedächtnis rufen, dass es sich immer noch um einen Dreikampf ums Kanzleramt handelt. 

Insofern war der Schlagabtausch bei RTL und n-tv mit Spannung erwartet worden, bei dem ohnehin alles anders war – bis auf Moderator Peter Klöppel, der nicht zum ersten Mal etwaige Kanzlerkandidaten auf ihre Tauglichkeit abklopfte. Doch auch für ihn und RTL-Neuzugang Pinar Attalay, die gemeinsam durch die knapp zweistündige Diskussion führten, war das Format in vielerlei Hinsicht eine Premiere. Zum ersten Mal treten drei statt zwei Bewerber gegeneinander im Kampf ums Kanzleramt an, aus dem Duell ist ein Triell geworden, und erstmals gibt es keinen Amtsinhaber und Herausforderer – sondern nur jene, die es werden wollen.

Wenn zwei sich streiten, entspannt sich der Dritte

Wer "nicht Kanzler kann", wollten Klöppel und Attalay gleich zu Beginn klären – und provozierten damit einen seltenen Moment von Harmonie unter den Kandidaten: Alle drei winkten ab und betonten, für ihre Sache werben zu wollen. Das taten sie auf erwartbare Weise, die Rollen waren an diesem Abend klar verteilt.

Baerbock setzte von Anfang an auf Angriff gegen beide Seiten, drängte und kritisierte – sichtlich bemüht, der grünen Erzählung neuen Schwung zu geben, für den Aufbruch und nicht für ein "Weiter-so" zu stehen. Immer wieder prangerte sie ein "Wegducken" von Union und SPD an, sei es in der Außenpolitik (Rettung afghanischer Ortskräfte), in der Coronakrise (Kitas und Schulen) oder beim Thema Klimaschutz. "Sie wollen nichts verbieten, weil das vielleicht im Wahlkampf nicht so gut ankommt", sagte Baerbock. Und machte damit einen Punkt: Sie war die einzige in der Runde, die konkrete Verbotsmaßnahmen für den Klimaschutz benannte – etwa das Ende des Verbrennermotors. Wenngleich derart konkrete Einlassungen auch dem Moderatoren-Duo Klöppel und Attalay zu verdanken waren, die immer wieder und mit Nachdruck einhakten. 

Laschet zeigte sich offensiv, geradezu krawallig und arbeitete sich energisch an den Inhalten der Konkurrenz ab – wohl wissend, dass sein bisher weitestgehend inhaltsleerer Wahlkampf ein paar zugespitzte Aussagen vertragen kann. "Töricht" seien die Steuererhöhungsideen von SPD und Grünen, die grünen Klimapläne würden der Industrie "Fesseln an die Füße legen", überhaupt setze die Partei allzu oft auf Verbote und Vorschriften als Konzept. Er nimmt sich viel Zeit, seine Pläne für einen Nationalen Sicherheitsrat auszubreiten, um auch inhaltlich Akzente zu setzen. Den Ausgang des Afghanistan-Einsatzes nannte er in bemerkenswerter Deutlichkeit auch "ein Desaster der Bundesregierung" – eine Absatzbewegung von Merkel? Laschet versucht "Kollege Scholz" noch in die Ecke zu treiben, als es um die Linkspartei und die Frage geht, ob die SPD mit ihr koalieren würde. Der schließt erwartungsgemäß nichts aus, was Laschet rhetorisch zu nutzen weiß. Doch wirkt seine Kritik oft demonstrativ und verbissen, mitunter aggressiv – was einem selbsterklärten Vertreter von "Maß und Mitte" nicht allzu gut steht.

Scholz blieb seinem Kurs der vergangenen Wochen treu – agierte zurückhaltend, wenn sich Laschet und Baerbock beharkten, blieb cool (oder kühl), wenn er kritisiert wurde, gab sich staatsmännisch und wurde nicht müde, die Amtsinhaber-Karte auszuspielen. Die Diskussion um eine 3-G-Regel im Öffentlichen Nahverkehr? Wird auch auf "Wunsch von mir und der Kanzlerin" geführt. Wie steht's um die Sicherheit der Deutschen? "Herr Seehofer und ich haben die Polizei massiv ausgebaut." Wofür Scholz brennt, lässt sich auch nach diesem Triell nur erahnen. Nur selten fährt er aus seiner Haut, möchte beim Thema Energiepolitik "den freundlichen Vorwurf loswerden", dass die Union seit Jahren die Pläne der SPD "torpediere". Laschets Anwurf, Scholz und dessen SPD würden den Einsatz von Drohnen zum Schutz der Bundeswehr verhindern, kontert Scholz mit: "Bleiben Sie mal bei den Fakten." Zum Vergleich: Baerbock wirft Laschet während der Debatte vor, bitteschön nicht nur seinen "Sprechzettel vorzulesen" oder "Pappkameraden" aufzubauen. Dagegen wirkt Scholz geradezu zahnlos – oder souverän. 

Was bleibt? Baerbock und Laschet melden sich zurück, geben sich angriffslustig. Die eine zeigt, dass sie ihren Biss noch nicht verloren hat. Der andere, dass er kämpfen kann und will. Und Scholz: Wirkt zwar souverän, aber mitunter einen Tick zu abgeklärt. Seine Zurückhaltung schlägt sich auch in der Gesamtredezeit nieder. Baerbock redete am längsten (28 Minuten, 3 Sekunden), dann folgt Laschet (27 Minuten, 54 Sekunden) und Scholz bildet das Schlusslicht (27 Minuten, 16 Sekunden).

"Joa..."

Viele Themen wurden umrissen – auch Gendern, Frauenpolitik und Steuern –, doch viel Neues erfahren die Zuschauer an diesem Abend nicht. Dabei ist das Moderatoren-Duo sichtlich bemüht, in dem eigens gebauten kreisförmigen Studio für eine aufschlussreiche und lebhafte Diskussion zu sorgen. Sie haken energisch nach, auch mal mit diebischer Freude, wenn Scholz etwa keine persönliche Schuld beim Afghanistan-Desaster erkennen will oder Baerbock zwar "ein Programm, aber keine konkrete Maßnahme" zum Klimaschutz referiert (wie von Klöppel eingefordert).  

Was das neue Triell-Format interessant macht, stellte Klöppel und Attalay vor eine Herausforderung: Es ist unberechenbarer, schwer vorherzusehen – wo ergibt sich Konfrontation, wo Koalition? Zwei Stunden Sendezeit, drei Kandidaten und noch mehr Themen, über die es sich zu beugen gilt, lassen da wenig Spielraum – weshalb wohl auch schnelle Ja/Nein-Fragerunden Einzug in das Format gefunden haben, um den Kandidaten noch möglichst konkrete (aber kurze (Zu- oder Absagen abzuringen. Nur: Politische Überzeugungen oder Argumente werden dadurch nicht deutlicher. 

Zum Schluss wird es aber nochmal interessant, vor allem mit Blick auf mögliche Koalitionen nach der Bundestagswahl. Die Kandidaten sollen etwas Nettes über den anderen sagen – und einer tut sich sichtlich schwer. Scholz lobt Baerbock als "engagierte Politikerin", mit der er "schon lange und oft gut zusammengearbeitet habe". Er hoffe, dass die beiden auch demnächst "einen Weg finden, das auch in Zukunft zu tun." Baerbock mag die "rheinische Frohnatur" Laschet, mit der man sich "hart in der Sache" streiten könne. Und Laschet? Sagt erstmal: "Joa...", als er etwas Nettes über Scholz sagen soll. Er sei lange dabei, habe viel Erfahrung – und habe "unter der Führung von Angela Merkel einen ordentlichen Job gemacht." Autsch. Gut möglich, dass Laschet damit die Taktik von Scholz entzaubern wollte, sich als die personifizierte Fortsetzung merkelscher Politik zu verkaufen.

And the winner is

Wessen Strategie ging auf, oder: "Wer war am Besten?" Dieser Frage widmete sich im Anschluss an das Triell RTL-Moderatorin Frauke Ludowig, die sich – in ihrer eigentlichen Kernkompetenz als Star-Expertin von "Exclusiv" – mit prominenten Gästen über das gerade Gesehene beugte. Und das durchaus erfrischend: So sorgte Nikolaus Blome, Politikchef von RTL/n-tv, für die politische Einordnung, steuerte "Let's Dance"-Jurorin Motsi Mabuse den persönlichen Zugang bei.

Einen klaren Sieger des Triells konnte aber keiner in der illustren Runde ausmachen: TV-Moderator Günther Jauch hat niemand "richtig gut gefallen", Autorin Louisa Dellert hätte sich mehr Zugeständnisse der Kandidaten gewünscht, Entertainer und stern-Kolumnist Micky Beisenherz sah Baerbock "zumindest ein bisschen" vorne – aber eigentlich auch nur, weil sie aus bequemer Oppositions-Position auf die "wahnsinnig vielen Versäumnisse" der Großen Koalition verweisen konnte. 

Die Meinung der Zuschauer war da schon eindeutiger, wie eine Blitzumfrage unter 2500 Teilnehmern offenbarte: Die Frage, wer "alles in allem" gewonnen habe, beantworteten 36 Prozent der Befragten mit Olaf Scholz, Baerbock (30 Prozent) und Laschet (25 Prozent) müssen sich demnach geschlagen geben. Auch sei Scholz am sympathischsten gewesen (38 Prozent), dicht gefolgt von Baerbock (37 Prozent) und weit vor Laschet (22 Prozent). 

Was daraus folgt? Soll wohl auch der Schwenk in ein Hamburger Wohnzimmer zeigen, zu Familie Adler, die das Triell gesehen und ein Kamerateam zur Nachbesprechung auf ihrem Sofa hat – ein vermeintlich lebensnaher RTL-Moment, der ebenso wenig wie der Blick auf die "Highlight-Kommentare" im Netz nötig gewesen wäre. Zu oberflächlich, zu trivial.

Laschet, Scholz und Baerbock beim Triell von RTL

Auf das Triell von RTL und n-tv folgen noch zwei weitere, das nächste am 12. September bei den Öffentlich-Rechtlichen von ARD und ZDF, eine Woche später dann bei ProSieben, Sat.1 und Kabel 1. Der Dreikampf geht also weiter, die Kandidaten und die Kandidatin haben noch Zeit, in die Vollen zu gehen – nach diesem Auftakt besteht kein Zweifel, dass zumindest Baerbock und Laschet bereit sind, diesen Kampf auszutragen. 


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