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Der grüne Traum Der Ukraine-Krieg wirft unsere Klimaziele über den Haufen – dabei wäre jetzt der Zeitpunkt für die Klimawende

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Eine Tiefpumpe in der Nähe der Stadt Usinsk, 1500 Kilometer nordöstlich von Moskau
© Dmitry Lovetsky / AP / DPA
Der Ukraine-Krieg macht uns wieder schmerzlich bewusst, wie abhängig Deutschland bei der Stromversorgung vom Ausland ist. Gleichzeitig zeigt sich daran die Verlogenheit unserer Klimapolitik.

Klimaaktivisten dürften dieser Tage mit einem rechthaberischen Blick nach Berlin sehen, wo sich Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck darum bemüht, alle Ängste um mögliche Versorgungsengpässe beim Strom auszuräumen. Die Gasspeicher seien voll, betonte er zuletzt. Und auch nach der letzten Ankündigung des russischen Energieriesen Gazprom gibt sich der Minister gelassen. Täglich fehlen ab jetzt zehn Millionen Kubikmeter Gas aus Russland, aber: "Das ist eine Menge, die kompensierbar ist, und die Unternehmen sind dabei, das Gas über andere Quellen zu beschaffen". Deutschland habe sich auf diese und weitere denkbare Situationen vorbereitet, so Habeck. So weit so gut.

Und trotzdem kommt der Wirtschaftsminister nicht umhin, eine Warnung aufzusprechen: Bis zum nächsten Winter müssten die Speicher voller sein als im vergangenen. Denn niemand wisse, "welche Eskapaden Russland noch schlagen wird". Ein ungemütlicher Winter ist damit nicht ausgeschlossen. Ob es dann daran liegt, ob Russland den Deutschen gänzlich den Energiehahn abgedreht hat oder die Bürger wegen der unbezahlbaren Preise bibbern müssen, wird sich noch zeigen.

Als Klimaaktivist könnte man nun argumentieren: Hätte sich Deutschland schon viel früher und richtig tief in den Ausbau und das Speichern erneuerbarer Energien reingekniet, dann wären wir heute wohl weit unabhängiger von der russischen Willkür. Noch im Frühjahr bezog die Bundesrepublik 55 Prozent ihres Erdgases, 30 Prozent ihres Erdöls und 46 Prozent ihrer Steinkohle aus Russland. Habecks Wirtschaftsministerium hat zwar ein Gesetz ausgearbeitet, wonach der deutsche Strom bis 2035 fast komplett aus erneuerbaren Quellen stammen soll. Bis 2030 soll deshalb die Windenergie an Land verdoppelt, zur See sogar vervierfacht werden. Ähnliches plant das Ministerium für die Leistung von Solaranlagen. Die Erkenntnis, dass Unabhängigkeit jetzt mehr als geraten ist, kommt aber zu spät.

Fossile Projekte auf dem Vormarsch

Kurz- und auch langfristig wird Deutschland also nicht von fossilen Energieträgern loskommen. Als Bremser erweisen sich hier unter anderem jene Verträge, die Deutschland mit den Energiekonzernen abgeschlossen hat. Gegenüber Gazprom hat sich das Land etwa dazu verpflichtet, bis 2030 40 Millionen Kubikmeter Gas abzunehmen. Andernfalls muss Deutschland für die Kosten aufkommen. Abgesehen davon macht der Krieg gerade sämtliche Bemühungen der Regierung, klimaneutral zu werden, zunichte. Fast könnte man meinen, es drohe eine Konjunktur der fossilen Brennstoffe.

Vor Borkum soll ab 2024 Gas gefördert und vor Schleswig-Holstein ab 2025 vermehrt nach Öl gebohrt werden. Unterstützt wird das Projekt an der Plattform Mittelplate vom Konzern Wintershall Dea ausgerechnet von den sonst so klimabewussten Grünen – deren Bundesverband sich auf Anfrage jedoch nicht äußern wollte. Die Partei musste aus "kapazitären Gründen absagen" und bat "höflich um Verständnis". Hoffentlich können die Wähler, die der Partei wegen ihres grünen Anstrichs ihre Stimme gaben, das ebenfalls verstehen.

Da der Energiebedarf jedoch weit über das hinausgeht, was in der Nordsee noch gefördert werden könnte, und wir die Energie jetzt brauchen, sieht sich Deutschland derweil nach weiteren Energiepartnern um. Aus Kanada möchte Habeck demnächst flüssiges Erdgas kommen lassen. Und auch die USA, Norwegen und die Niederlande sind potenzielle Partner. Bundeskanzler Olaf Scholz kündigte bereits den Bau von zwei Terminals für Flüssigerdgas (LNG) an, um  die LNG-Versorgung aus den USA oder Katar zu erleichtern.

Die Verlogenheit der Klimapolitik

Gut und schön, dass Deutschland damit das Schlimmste zu verhindern versucht. Dass sich Robert Habeck hier so einsetzt, spricht für sein Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Bevölkerung – und letztendlich auch für ihn. Allerdings offenbart es auch die Wankelmütigkeit seiner auf Klimaschutz bedachten Partei.

Die Alternativen müssten den Grünen zutiefst zuwieder sein. Statt das mit hohen Methanemissionen und umweltschädlichen Frackingmethoden geförderte Erd- und Flüssiggas zu beziehen, das ohnehin über die Weltmeere geliefert wird und dessen Transport zusätzlich Energie kostet, sollten sich die Grünen vor allem für den zügigen Ausbau von Erneuerbaren und deren Speichermöglichkeiten einsetzen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Auch die Förderung von fossilen Förderprojekten im Wattenmeer ist – jenseits alles Umweltbedanken – alles andere als optimal. Bis die ersten Lieferungen in Deutschland verfügbar sind, dauert es mindestens zwei Jahre. Die Verträge würden aber über Jahrzehnte laufen und Deutschlands Klimazielen im Weg stehen. Wenig rentabel sind die Projekte noch dazu. Der Konzern Wintershall kündigte an bis 2041 2 Millionen Kubikmeter Erdöl zu fördern. Damit wären jährlich 0,1 Prozent des deutschen Energiebedarfs gedeckt.

Der Traum vom grünen Deutschland rückt in diesen Kriegstagen wieder in weite Ferne – obwohl er doch zum Greifen nah wäre. Selbst wenn die deutsche Gas- und Ölförderung im internationalen Vergleich sehr gering ausfallen und die Nutzung erneuerbarer Energien voranschreitet, so sind wir doch nicht so grün, wie wir gerne hätten. Denn am fossilen Tropf hängen wir immer noch, auch wenn andere die Gas- und Ölförderung für uns mitübernehmen. Unterm Strich ändert das kaum etwas an unserer Klimabilanz. Solange wir fossile Energien aus dem Ausalnd beziehen, sind wir auch für die Emissionen mitverantwortlich. Den Kohlebergbau in Deutschland zu schließen, macht uns deshalb nicht grüner – aber unserer Klimapolitik verlogener.


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