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Umfrage-Tief vor der Wahl Erst CSU-Parteitag, dann Triell: Die Union steht vor dem Wochenende der Entscheidung

Auf hölzernen Stufen stehen die roten Buchstaben CDU und die blauen Buchstaben CSU, davor zwei weiße Männer in bblauen Anzügen
Wie groß ist die Distanz zwischen CSU-Chef Markus Söder (l.) und Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet (
© Kay Nietfeld / DPA
Die kommenden Tage haben es in sich: Erst kommt die CSU mit dem glücklosen Unionskanzlerkandidaten Laschet zum Parteitag zusammen. Danach folgt das zweite TV-Triell.

Rückblickend scheint es ein wenig so, als habe Markus Söder schon vor zwei Wochen geahnt, wohin die Reise für die Union geht. Als der CSU-Chef im Podcast von TV-Moderatorin Sandra Maischberger gefragt wird, wie er seine Macht auf einer Skala von eins bis zehn einschätzt, antwortet er kurz und knapp "drei". Was angesichts von Söders politischem Einfluss als bayerischer Regierungschef und Chef einer Regierungspartei wie eine heftige Untertreibung klingt, findet derzeit aber durchaus ein praktisches Beispiel: Söder kann so gut wie nichts dagegen machen, um die Union und auch seine eigene Partei aus dem Dauer-Umfragetief zu bekommen.

Das soll sich jetzt ändern. Oder wenn man Söder dazu fragt: muss sich ändern. "Wenn es noch eine Chance gibt, den Trend zu brechen, dann an diesem Wochenende", sagt der Franke am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur - und setzt damit die Messlatte der Union für die kommenden Tage zwischen dem CSU-Parteitag und dem zweiten TV-Triell am Sonntagabend bei ARD und ZDF in luftige Höhen.

CSU-Parteitag in Nürnberg

Den Auftakt in das Wochenende der Entscheidung hat Söder am Freitag tatsächlich selbst in der Hand. Auf dem großen CSU-Präsenzparteitag in seiner Heimatstadt Nürnberg dreht sich alles um seine Wiederwahl als Parteichef. Dabei geht es nicht um das ob, sondern um das wie. Dass Söder weiter an der Spitze der Christsozialen bleibt, ist keine Frage. Doch wie fällt sein Wahlergebnis aus? Wird es gar besser werden als bei seiner ersten Wahl 2019 mit damals 87,4 Prozent? Oder nehmen ihm dann doch viele der rund 900 Delegierten den verordneten Reformkurs nach dem Motto jünger, weiblicher, grüner übel?

Von letzterem geht in der CSU niemand aus. Vielmehr - so heißt es - wüssten auch die Söder-Kritiker in der CSU, dass eine Abrechnung eine fatale Wirkung auf den ohnehin unglücklich verlaufenden Wahlkampf hätte, vom "letzten Genickschuss" ist da die Rede. Die Stoßrichtung ist damit klar - die CSU dürfte sich mit maximaler Geschlossenheit hinter Söder versammeln und so das Signal nach außen senden: Wir stehen hinter dir und - so die Hoffnung - auch hinter dem gerade auch in Bayern umstrittenen Unionskanzlerkandidaten Armin Laschet.

CSU fremdelt mit Armin Laschet

Dass die Stimmung aber eigentlich eine ganz andere ist in der CSU, ist mehr als ein offenes Geheimnis. Landauf, landab hadert die Partei auf allen Ebenen und fremdelt mit dem CDU-Vorsitzenden. Beinahe täglich angefacht wird dies durch historisch schlechte Umfragewerte der Union zwischen 19 und 25 Prozent im Bund und nicht viel besseren Werten der CSU von 28 Prozent in Bayern.

Trauen die Deutschen den Ampelparteien zu, die Probleme des Landes zu lösen?

Selbst eingefleischte CSU-Wähler und Mitglieder erklären, sie könnten die CSU nicht wählen, weil sie den Nordrhein-Westfalen nicht als Kanzler wollten. Dass dann eine Regierung auch ohne die CSU immer wahrscheinlicher wird, wird achselzuckend in Kauf genommen. Eine paradoxe Argumentation, die an vergleichbare Aussagen aus CDU-Kreisen über Söder erinnert, als dieser sich im Frühjahr einen offenen Machtkampf mit Laschet um die K-Frage lieferte.

CDU-Spitze wundert sich über Sticheleien

Immer wieder sind die Zweifel an Laschet auch von prominenter Stelle öffentlich zu hören. Etwa wenn CSU-Generalsekretär Markus Blume im "Spiegel" erklärt, dass die Union mit Söder als Kandidat "natürlich" besser dastünde als jetzt. In der CDU-Spitze haben sie die neuerlichen Sticheleien aus München mit Verwunderung zur Kenntnis genommen - auch wenn Laschet am Donnerstag am Rande einer Veranstaltung nicht konkret darauf eingeht und lieber an die Geschlossenheit der Unionsschwestern appelliert. In der CSU wiederum werden Äußerungen wie die von Blume nicht als Stichelei gewertet - jeder könne doch sehen, wie die Umfragen seien, heißt es dort.

Auch im CDU-Präsidium fragen sich manche, welche Strategie hinter dem Vorgehen von Söder steht. Offenbar bereite die CSU-Spitze schon das Feld dafür vor, die Schuld an einer Wahlniederlage nach Berlin und direkt auf Laschet zu schieben, wird hinter vorgehaltener Hand vermutet. Der CSU-Chef habe wohl mehr Panik vor einem Desaster bei der bayerischen Landtagswahl im Jahr 2023 als davor, dass die Bundestagswahl daneben geht und die Union aus dem Kanzleramt fliegt.

Söder als "Kandidaten der Herzen"

Dabei schade sich Söder mit seinen Spitzen gegen Laschet doch selbst, analysieren manche in der CDU-Führung - dies sehe man ja auch an den zurückgehenden Umfragewerten für die CSU in Bayern. Ein Teil des Problems habe zudem schon vor vielen Monaten begonnen - noch vor dem Machtkampf zwischen Laschet und Söder um die Kanzlerkandidatur im April, in dem sich der NRW-Ministerpräsident am Ende gegen seinen Amtskollegen aus Bayern durchgesetzt hatte, meinen andere.

Dabei wird dann auch daran erinnert, wie Söder sich im Zusammenhang mit den Diskussionen über den richtigen Kurs in der Corona-Pandemie als Vertreter des "Teams Umsicht und Vorsicht" als Gegenspieler Laschets präsentierte - und auch wie aus der CSU heraus die Berliner Regierungspolitik beim Thema Corona kritisiert worden sei. Söder beherrsche eben perfekt den Spagat, den Eindruck zu erwecken, nicht an Entscheidungen beteiligt zu sein, obwohl er sehr wohl beteiligt sei, hört man auch von wichtigen CDU-Leuten. Unvergessen auch, wie sich Söder als eigentlichen "Kandidaten der Herzen" bezeichnen ließ, nachdem Laschet die K-Frage für sich entschieden hatte.

Wie empfangen die CSU-Delegierten Laschet?

Die vielen internen Debatten im Wahlkampffinale belegen nicht nur eindrucksvoll die große Unsicherheit und Sorgen in der Union, das Erbe von 16 Jahren Regierungsarbeit von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu verspielen. Die Spitzen zeigen auch, dass trotz aller Bekenntnisse noch immer ein großes gegenseitiges Misstrauen besteht. Nicht nur in der CSU stellen sich deshalb viele die Frage, wie Laschet am Samstag bei seinem Auftritt in Nürnberg von den Delegierten empfangen wird. Bekommt er wenig Applaus? Gibt es gar Pfiffe? Oder gelingt es dem Bergmannssohn doch noch, die CSU für sich zu begeistern? Nicht nur für ihn geht es ums Ganze.

tkr/Marco Hadem und Jörg Blank DPA

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