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Ursula von der Leyen: Mrs. Right in Afrika

Zwei Tage reiste Ursula von der Leyen zu den deutschen Soldaten in Afrika. Und nutzte ihren Truppenbesuch auch für Signale an die Heimatfront in Berlin.

Von Tilman Gerwien, Koulikoro

Im Süden Malis, drückende Hitze, um die 35 Grad noch am Nachmittag. Wenige hundert Meter entfernt fließt träge der Niger. Auf einem Hügel außerhalb der Stadt: Container, deutsche Soldaten in Flecktarn rauchen in der Mittagshitze Zigaretten. Von irgendwoher ruft der Muezzin. Das hier ist Westafrika. Das hier ist die neue Welt der Ursula von der Leyen, jedenfalls ein wichtiger Teil davon.

Berlin ist 7306 Kilometer entfernt, so informiert ein Schild im Container, wo die Soldaten "Maggi"-Fleischbrühe und Dosenmöhren von "Bonduelle" erstehen können, wenn sie das Heimweh packt.

Die neue Ministerin wollte sich in Afrika für zwei Tage "ein Bild von der Lage machen" wie es so schön heißt. Erst Dakar (Senegal), dann Bamako und Koulikoro in Mali, ein von Bürgerkrieg und islamistischem Terror heimgesuchtes Land, das eine europäische Mission unter Führung der Franzosen vor dem Absturz ins Chaos bewahren will, die Losung lautet: Bloß kein zweites Afghanistan.

Ende der militärischen Zurückhaltung

"Wegschauen ist keine Option", hat von der Leyen gesagt, sie will mehr deutsche Verantwortung in der Welt, auch militärisch, und hier, in der glühenden Hitze von Koulikoro und im windigen Dakar konnte sie so etwas wie einen Modellfall dieser von ihr ausgerufenen, aktiven Sicherheitspolitik besichtigen.

Malier und Franzosen, deutsche, spanische und ungarische Soldaten standen vor ihr stramm. Sie genoss es sichtlich und der Höhepunkt war sicher die Ansprache des malischen Oberst in Koulikoro, der in perfektem Deutsch feierlich verkündete: "Danke, Deutschland, Danke EU. Frau Ministerin, wir verlassen uns auf den lieben Gott und auf Sie."

Überall hat Ursula von der Leyen auf dieser Tour unter Afrikas sengender Sonne verkündet, es gehe nicht darum, dass deutsche Soldaten jetzt überall auf der Welt in Schlachten ziehen. Nur im europäischen Verbund, Militär kann nicht die einzige Lösung sein. Aber sie lässt auch keinen Zweifel daran, dass sie als Verteidigungsministerin mit der "Kultur der militärischen Zurückhaltung" brechen wird, die für sie nicht viel mehr war als eine kultivierte Form des Wegduckens und sicherheitspolitischer Trittbrettfahrerei auf Kosten der Verbündeten.

Ihr Französisch ist perfekt

In Koulikoro sind 100 Bundeswehrsoldaten stationiert, sie bilden Soldaten der malischen Armee in Pioniertechnik aus und leisten sanitätsärztliche Versorgung. Gekämpft und gestorben wird hier nicht, sondern im Norden des Landes. Deutschland schiebt sich an diese Kampfzone bis auf Fühlung heran: Drei Transalls der Bundesluftwaffe, stationiert in Senegals Hauptstadt Dakar sowie in Malis Kapitale Bamako, bringen Truppen und Material in das nordmalische Bürgerkriegsgebiet.

Überall blitzte von der Leyens strahlendes Lächeln auf, und ihre brettharte Sprayfrisur trotzte (fast) immer dem westafrikanischen Wind. Die Dolmetscherin war so gut wie arbeitslos, von der Leyen parlierte mit den Staatspräsidenten und Verteidigungsministern von Senegal und Mali in perfektem Französisch.

Nicht die Mutter der Kompanie

Die Ministerin liebt offenbar das Detail, schaute durch ein Mikroskop in der Krankenstation, ließ sich die Beseitigung von Sprengfallen erklären und versicherte den deutschen Soldaten in Afrika immer wieder, wie stolz sie ist auf den "wichtigen Beitrag", den die Truppe leiste für die internationale Stabilität, für Menschenrechte und Demokratie. Gern beschließt Ursula von der Leyen ihre Ansprachen mit dem warmherzig klingenden Satz: "Seien Sie behütet." Und doch ist sie gerade nicht die "Mutter der Kompanie", wie es gerne heißt.

Eher verbreitet sie den aufgeräumten Charme einer notorisch gut gelaunten Krankenschwester, die früh morgens schon die Fenster aufreißt und ruft: "Puh, ist hier eine Luft, alles gut bei Ihnen, wie geht es uns denn heute?"

Von Koulikoro ins Kanzleramt?

Doch all das soll nur der Anfang sein, da lässt die Frau keinen Zweifel aufkommen. Sie schiebt große Worte durch die Landschaft: Frieden, Freiheit, Menschenrechte, Demokratie, eine gemeinsame europäische Armee. Hier, in der Hitze Malis bastelt sie an einer neuen "Afrika-Strategie".

Instinktiv hat Ursula von der Leyen schon nach kurzer Zeit die immensen Möglichkeiten erkannt, die das neue Amt für sie bietet – und nutzt die Spielräume bis zum Bersten für sich aus. Hier will jemand Punkte machen bei der Truppe, sich in Szene setzen als universell einsetzbare Mrs. Right, die jedes Ministerium kann. Führt der Weg ins Kanzleramt vielleicht über Koulikoro?

Merkel schweigt

Sie nimmt auch in diesem Amt ihre Lieblingsrolle ein, die sie schon als Familien- und dann als Arbeitsministerin zur Meisterschaft gebracht hat: die der Reformpolitikerin, die als Anwältin einer neuen Zeit durch verkrustete Strukturen, Denkfaulheiten und tradierte Bequemlichkeiten mit dem frischen Wind des Wandels hindurchfegt.

Weiter so wie bisher? Die Afrika-Tour der Verteidigungsministerin hat gezeigt: Nicht mit dieser Frau. Nicht mit Ursula von der Leyen. Man wird noch viel von ihr hören. Vor allem im Kanzleramt. Von der Leyens Kampagne für eine aktivere Rolle der Bundeswehr bei Auslandseinsätzen quittierte die Kanzlerin bisher mit auffälligem Schweigen.