Urteilsverkündung Terrorist oder toleranter Moslem?


Für Mounir El Motassadeq naht der Tag der Entscheidung: Im weltweit ersten Prozess um die Anschläge vom 11. September 2001 fällen die Richter des Hanseatischen Oberlandesgerichts an diesem Mittwoch ihr Urteil.

Der 28-jährige Marokkaner soll als Statthalter der Hamburger Terrorzelle um den Todespiloten Mohammed Atta die Anschläge in New York und Washington mitgeplant haben. Seit dem 22. Oktober muss er sich wegen Beihilfe zum Mord in 3045 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten.

Für die drei Anklagevertreter um Bundesanwalt Walter Hemberger ist El Motassadeq überführt. Er war «ein Rädchen im Getriebe» der Terrorzelle und «kannte die Grundzüge der Tat, die auf die Tötung möglichst vieler Menschen abzielte», sagten sie in ihrem Plädoyer und forderten die Höchststrafe von 15 Jahren. Die Verteidiger Hans Leistritz und Hartmut Jacobi sprachen dagegen von «Vermutungen, Behauptungen und Interpretationen» und verlangten einen Freispruch.

Nach ihrer Darstellung wurde im Gericht in den vergangenen Monaten oft aneinander vorbeigeredet. «Der Gegensatz der Aussagen arabischer und deutscher Zeugen zeigte: Da prallen kulturelle Gegensätze aufeinander», meinte Leistritz. Deutsche bezeichneten den Angeklagten als verbohrten Fundamentalisten, glühenden Antisemiten und politischen Extremisten, der alles an Amerika ablehne. Araber beschrieben ihn dagegen so, wie er sich auch selbst vor Gericht gab: als ruhigen, hilfsbereiten Freund, der sich stets tolerant zeigte.

Anwalt Jacobi beklagte das Unverständnis vieler Nicht-Moslems für eine andere Kultur. Wer fünf Mal am Tag bete und Alkohol ablehne, sei für viele schon ein fanatischer Moslem. Ein früherer Vermieter des Angeklagten hatte bei der Polizei noch gesagt, der Marokkaner habe ihm erklärt, er würde auch seine Familie töten, wenn es der Glauben von ihm verlange. Vor Gericht räumte der Deutsche dann ein: «So krass hat er das wohl nicht gesagt.»

«Die Juden werden brennen»

Ein Mitbewohner in einem Hamburger Studentenwohnheim will von El Motassadeq gehört haben: «Die Juden werden brennen, und wir werden auf ihren Gräbern tanzen.» Aufgebracht erwiderte der 28-Jährige dem Zeugen: «Das ist überhaupt nicht mein Stil.» Ein sudanesischer Zeuge nannte den Angeklagten den stets hilfsbereiten «Mann mit dem großen Herzen», der auf dem Boden schläft und Gästen sein Bett anbietet.

Auch bei den von der Bundesanwaltschaft vorgelegten Belegen werden laut Verteidigung kulturelle Missverständnisse deutlich. Zwar unterzeichnete der Angeklagte das Testament Attas, doch das sei - anders als in Europa - eine Sache von nur allgemeiner Bedeutung. Zwar wurde Geld vom Hamburger Konto des Luftpiraten Marwan Alshehhi in die USA überwiesen, für das El Motassadeq eine Vollmacht hatte. Der Angeklagte nannte das aber einen «normalen Hilfsdienst unter Freunden».

«Das ist wie die Bundeswehr hier»

Auch seine Militärausbildung in einem afghanischen Trainingscamp habe nichts mit der Vorbereitung auf einen Heiligen Krieg zu tun. «Das ist wie die Bundeswehr hier», beteuerte El Motassadeq und erntete dafür ungläubiges Kopfschütteln der Anklagevertreter. Staatsanwalt Matthias Krauß hielt dagegen: Der Angeklagte habe im Prozess oft gelogen und sei nicht der friedliche fromme Moslem, als der er sich darstelle. El Motassadeq habe die «radikal- fundamentalistischen Ansichten» der Todespiloten geteilt.

Die Verteidigung sprach von einem «rechtsstaatswidrigen Verfahren». Dem Gericht sei entlastendes Material vorenthalten worden. Der von den USA festgenommene mutmaßliche Terrorist Ramzi Binalshibh hätte aussagen können, dass die Anschläge nicht von Hamburger Freunden ihres Mandanten, sondern von El-Kaida-Leuten in Afghanistan organisiert worden seien. US-Behörden verhinderten eine Zeugenaussage Binalshibhs und die Bundesregierung blockierte die Übergabe seiner Vernehmungsprotokolle an das Gericht. «Man opfert den Angeklagten auf dem Altar der Staatsräson», kritisierte Leistritz.

Der Angeklagte hatte stets seine Unschuld beteuert. In seinem Schlusswort sagte er: «Im Prozess war die schwerste Stunde für mich das Erscheinen der (Hinterbliebenen der US-Terroropfer als) Nebenkläger und ihre Berichte. Sie haben mich angesehen, als ob ich verantwortlich bin für das, was sie erlitten haben, und ich konnte ihnen nicht sagen, dass ich unschuldig bin an ihrem Leid.»

Der Angeklagte hatte stets seine Unschuld beteuert. In seinem Schlusswort sagte er: «Im Prozess war die schwerste Stunde für mich das Erscheinen der (Hinterbliebenen der US-Terroropfer als) Nebenkläger und ihre Berichte. Sie haben mich angesehen, als ob ich verantwortlich bin für das, was sie erlitten haben, und ich konnte ihnen nicht sagen, dass ich unschuldig bin an ihrem Leid.»

Zitate aus dem El-Kaida-Prozess

«Du bist nur noch wenige Momente von der Glückseligkeit der Märtyrer entfernt. (...) Einer von Euch sollte seine Klinge schärfen. (...) Wenn es los geht, schlage wie ein Held zu, und sage: Gott ist groß.» (Das Gericht zitiert aus einem am 11. September von US-Behörden gefundenen Terrorhandbuch)

«Er wirkte an den Plänen der Attentäter mit und sorgte für eine ausreichende Finanzausstattung der Gruppe.» (Bundesanwalt Walter Hemberger beim Verlesen der Anklageschrift)

«Meine Hilfe für (die Todespiloten Mohammed) Atta und (Marwan) Alshehhi war nicht mehr als das, was unter Arabern in Deutschland üblich ist.» (El Motassadeq auf Fragen zu seinen Vollmachten für Konten von Mitgliedern der Hamburger Terrorzelle)

«Die Juden werden brennen, und wir werden auf ihren Gräbern tanzen.» (El Motassadeq nach der Aussage eines deutschen Nachbarn in einem Studentenwohnheim)

«Gräber, tanzen und brennen - das ist überhaupt nicht mein Stil. Herr El Motassadeq sagte so etwas nicht.» (Der Angeklagte über die Zeugenaussage)

«Die Aussage Binalshibhs ist unerlässlich für den Beweis von Schuld und Unschuld unseres Mandanten. Er kann aussagen, dass die Anschläge nicht von einer Gruppe in Hamburg, sondern von El-Kaida-Leuten in Afghanistan organisiert wurden.» (Der Verteidiger Hartmut Jacobi zu seiner Forderung, den von US- Behörden festgehaltenen mutmaßlichen Terroristen Ramzi Binalshibh als Zeugen laden zu lassen)

«Die Weitergabe von Binalshibh-Unterlagen würde dem Wohl der Bundesrepublik Nachteile bereiten.» (Die Bundesregierung in Sperrerklärungen, mit der die Weitergabe von Verhörprotokollen an das Gericht untersagt wurde)

«Mag sein, das die Zusammenarbeit zwischen zwei Ländern wichtiger ist als ein Mensch. Aber ich will kein Kollateralschaden werden.» (El Motassadeq zur Verhinderung einer Binalshibh-Aussage)

«El Motassadeq ist nicht der friedliche Moslem, als der er sich darstellen wollte.» (Die Anklagevertreter, die in ihrem Plädoyer 15 Jahre Haft forderten)

«Vieles, was wir hier als Ermittlungsergebnisse präsentiert bekommen haben, war falsch. (...) Es gab Vermutungen, Behauptungen und Interpretationen.» (Die Verteidigung in ihrem Plädoyer auf Freispruch)

«Die Welt muss vor den mörderischen und selbstmörderischen Neigungen des Angeklagten geschützt werden.» (Die Witwe eines im World Trade Center getöteten Feuerwehrmannes, Maureen Fanning, als Nebenklägerin vor Gericht)

«Im Prozess war die schwerste Stunde für mich das Erscheinen der Nebenkläger und ihre Berichte. Sie haben mich angesehen, als ob ich verantwortlich bin, für das was sie erlitten haben, und ich konnte ihnen nicht sagen, dass ich unschuldig bin an ihrem Leid.» (El Motassadeq in seinem Schlusswort)

Friedhelm Schachtschneider DPA

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