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US-Wahl: Chicken Wings und Weißbier

Lange Nacht: Bei den Wahlpartys in Frankfurt, Berlin und München wurde Obamas Sieg ausgiebig gefeiert. Doch eine "Obamania" will sich nicht mehr einstellen.

Neunzig Prozent und mehr: In Deutschland hätte sich Barack Obama keine Sorgen über die Wiederwahl machen müssen. Dementsprechend ausgelassen ist die Stimmung bei den verschiedenen Wahlpartys in Berlin, Frankfurt und München - trotz der späten Uhrzeit. Alles ist in rot-weiß-blau geschmückt, das Bier ist kaltgestellt und die Obama-Buttons alle verteilt als kurz nach 5 Uhr das Ergebnis feststeht: vier weitere Jahre. Frenetischer Jubel bricht aus aus, Barack Obama hat es geschafft.

Dennis Phillips ballt die Faust. "That's it!", jubelt er und fällt seinen ebenfalls aufgesprungenen Sitznachbarn in die Arme. Das T-Shirt mit Obama-Porträt trägt der 69-Jährige mit stolzgeschwellter Brust. Obama hat gesiegt - und löst auch im fernen Deutschland unbändige Freude unter seinen Anhängern aus.

Dennis Phillips hat den Wahlkrimi im Frankfurter English Theatre auf einer Großbildleinwand verfolgt. Der amerikanische Generalkonsul hatte eingeladen, mehrere hundert Besucher sind gekommen. Wer die strenge Sicherheitskontrolle am Eingang überstanden hat, kann sich mit Kaffee und Brownies durch die lange Wahlnacht kämpfen.

Nur das Bier ist bayerisch

Natürlich sind vor allem Fans des ersten schwarzen US-Präsidenten zur "Election Party" gekommen. Als Vorsitzender der "Democrats Abroad", der Auslandssektion der US-Demokraten in Frankfurt, hat Philipps einen kleinen Anteil am Erfolg: Tausende Wähler haben die beiden amerikanischen Parteien in Deutschland in den vergangenen Monaten abgeklappert. Adressen und Telefonnummern haben sie recherchiert, Anrufe, Besuche, Info-Veranstaltungen gemacht.

Zwischen Flaggen, blauen und roten Luftballons und Girlanden wird jede Obama-freundliche Prognose frenetisch gefeiert. Der Republikaner Thomas Leiser rutscht immer tiefer in seinen roten Theatersitz. Er sucht das Positive in der Niederlage: "Obama hat ein klares Signal von den Wählern bekommen, dass sie unzufrieden mit seiner Wirtschaftspolitik sind. Da wird er jetzt etwas ändern müssen."

Chicken-Wings und Maiskolben, Hot Dogs und Country-Musik, rote und blaue Luftballons, nur das Bier ist bayerisch: Mehrere hundert Amerikaner und Deutsche feiern im Münchner Amerika-Haus. Zwei als Freiheitsstatue und Uncle Sam verkleidete Stelzengänger begrüßen die Gäste, Besucher posieren mit lebensgroßen Papp-Figuren der beiden Kandidaten für Erinnerungsfotos. Nur einem fliegen die Herzen zu.

US-Botschafter Philip Murphy: "Mein Herz ist für Obama."

"Romney wäre ein Rückschritt für unser Land", findet Kristy Koth,46, die aus Wisconsin stammt und seit 18 Jahren in Deutschland lebt. Eine typische Sichtweise diesseits des Atlantiks: "Amerikaner im Ausland sind insgesamt eher Wähler der Demokratischen Partei", sagte der neue Münchner US-Generalkonsul Bill Moeller. Nur beim Militär im Ausland gebe es eine Tendenz zu den Republikanern.

In der Berliner Bertelsmann-Dependance, in die RTL, n-tv und CNN geladen haben, verteilt eine Hostess Obama- und Romney-Anstecker an die Gäste. Den Korb mit den Obama-Buttons habe sie schon mehrfach nachfüllen müssen. Und den Romney-Korb? "Einige nehmen beide Buttons mit, um sich diplomatisch zu zeigen." Bislang habe sie nur eine Frau gesehen, die sich wirklich für den Herausforderer ausgesprochen habe. "Die sagte, sie sei immer für die Minderheiten." Etwas weiter gibt US-Botschafter Philip Murphy eines von etlichen Interviews des Abends. "Mein Herz ist für Obama, keine Frage."

Keine 500 Meter entfernt laden ZDF und "Tagesspiegel"-Verlag zum Live-Talk mit Markus Lanz. Unter den 1000 Gästen im ehemaligen Telegrafenamt ist die deutsche Obama-Anhängerin Karin Bortfeldt. "Ich würde Obama wählen, weil er ehrliche Politik betreibt. Er will wirklich etwas verändern." Ihr Mann fügt hinzu: "Romney will den Staat lenken wie ein Business."

Keine "Obamamania" mehr

Stimmen wie diese dominieren auch auf der ARD-Feier im E-Werk: "Ich traue Romney nicht", sagt die 21-jährige Lisa Stelley. "Er hat sich sehr, sehr viel gedreht." Und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier meint: "Obama hat vieles begonnen. Es verdient eine zweite Amtszeit, um das zum Abschluss zu bringen."

Bei aller Demokraten-Freude: Eine "Obamania" wie 2008 stellt sich nicht mehr ein. Auf der Wahlparty der "Democrats Abroad" im Babylon-Kino nahe dem Alexanderplatz, wo 2008 noch Hunderte an der Tür aus Platzmangel abgewiesen wurden, ist es diesmal eher beschaulich. Kelly Donahue war auch bei der vergangenen US-Wahl da - jetzt sagt sie: "Es ist nicht annähernd so speziell wie damals. Die Menschen sind nicht mehr verrückt nach ihm."

steh/Felix Frieler, Steffen Trumpf, Britta Schultejans, DPA / DPA