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Verdi-Bundeskongress: Bekommt Frank Bsirske jetzt wegen des Kita-Streiks sein Fett weg?

Verdi-Chef Frank Bsirske will sich zu seiner fünften Amtszeit wählen lassen. Doch der erfolglose Kita-Streik wird ihm heftige Diskussionen bereiten. Und das vor Angela Merkel. Die Kanzlerin besucht heute nach zehn Jahren erstmals einen Verdi-Kongress.

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Verdi, Frank Bsirske

Mit Erziehern hat keine guten Erfahrungen gemacht. Als er noch ein kleiner Junge war, schickte ihn seine Mutter in den Kindergarten, doch dort fühlte er sich so unglücklich, dass er nur weinte. Zwei Wochen ging das, dann meldete die Mutter ihn ab, gab den Job auf und kümmerte sich daheim um den kleinen Frank.

Wenn der Verdi-Chef am Sonntag den Bundeskongress seiner Gewerkschaft in eröffnet, könnten ihm die Erzieher wieder Ungemach bereiten. Über ein Thema werden die gut 1000 Delegierten  in den Leipziger Messehallen heftig diskutieren: der erfolglose Kita-Streik.

Bsirske mobilisiert die Massen

Dabei war Bsirske ein Kunststück gelungen. Der Verdi-Boss, dessen öffentliches Image zwischen "Nervensäge" ( ), "Poltergeist" (FAZ) oder "Betonkopf" (SZ) schwankt, hatte für eine Gehaltsforderung von zehn Prozent die Massen mobilisiert. Zeitungen druckten wohlwollende Berichte über die Erzieherinnen, Talkshows diskutierten ihre Arbeit, Spitzenpolitiker schlugen sich auf ihre Seite. Demonstrativ besuchten SPD-Chef Sigmar Gabriel und Familienministerin Manuela Schwesig Kitas, wobei der Vize-Kanzler in dem Streik sogar ein Symbol sah, dass "wir endlich ernst machen mit der anständigen Bezahlung in Frauenberufen." Selbst in der Union, wo Lob für Bsirske sonst als geistige Verirrung gilt, tönte CDU-Vizin Julia Klöckner, dass "die Rahmenbedingungen in unseren Kitas verbessert werden" müssten.

Ein Solidaritätsrausch für die Erzieherinnen erfasste das Land. Selbst Arbeitgeber wurden neidisch. " hatte eine soziale Bewegung geschaffen", lobt Gewerkschaftsforscher Hagen Lesch vom arbeitgebernahen Institut der Wirtschaft in Köln. Doch dann verließ die Bewegung die Kraft. Nach acht Verhandlungsrunden, vier Wochen Streik und zäher Schlichtungsgespräche sollten die Erzieher zwischen 2 und 4,4 Prozent erhalten, Sozialarbeiter sogar leer ausgehen, worauf 70 Prozent der Verdi-Mitglieder "Nein" sagten. Bsirske  war blamiert. Er hatte für das Ergebnis geworben und muss nun für einen Streik wirbeln, vermutlich im Oktober, wobei er Kommunen und Eltern neue Ideen androht: "Es wird mehr Stress für alle Beteiligte geben."

"Ohrfeige für die Gewerkschaftsführung"

Doch zuvor gibt es auf dem Verdi-Kongress vielleicht Stress für Bsirske.  An der Basis, bei den Erziehern in Kitas, herrscht der Blues über das Schlichtungsergebnis. "Das Nein der Mehrheit der Mitglieder ist ganz klar auch eine Ohrfeige für die Gewerkschaftsführung", sagt Markus Kurka (27). Er ist Verdi-Mitglied, einer der seltenen Männer im Beruf, betreut 50 Zöglinge im württembergischen Tamm und ärgert sich über die starre Haltung der Arbeitgeber. Er sagt aber auch: "Wir sind das Rückgrat der Gewerkschaft und lassen uns nicht mit diesem Kompromiss abspeisen."  Ähnlich kämpferisch gibt sich Gabi Schiewald, 42, die an einer Ganztag-Schule in Essen arbeitet. "Das Ergebnis ist nicht im Entferntesten mit dem Ziel vereinbar. Ich möchte nicht mit 65 Hartz-IV beantragen", sagt sie.

Doch einen Nachschlag für Erzieherinnen herauszuholen wird schwer. Die Kommunen schalten auf stur, so stur, dass einige Arbeitgeber drohen die Tarifgemeinschaften zu verlassen. Sie fürchten, ein Erfolg der Erzieher lässt auch schlecht bezahlte Krankenschwestern und  Altenpfleger aufbegehren, weshalb der Verhandlungsführer der Kommunen, Thomas Böhle, sagt, dass es "finanziell keine Luft nach oben" gebe. Wie Bsirske Zugeständnisse abringen will, ist unklar. Hinter ihm stehen zwar zwei Millionen Mitglieder und die zweitgrößte Gewerkschaft , doch so mächtig wie die Bosse von IG Metall oder IG Chemie ist er längst nicht. Legen Metaller einen Auto-Zulieferer lahm, ruhen dort die Bänder und auch bei den Autoherstellern. Folgen fühlen die Firmen sofort. Ganz anders bei den Kitas. Ein Streik lohnt sich für den Arbeitgeber. Er muss die Erzieher während des Arbeitsausstandes nicht bezahlen, dafür streicht er die Beiträge der Eltern ein.  

Postbedienstete könnten ihrem Ärger Luft machen

Vermutlich werden nicht nur die Erzieherinnen auf dem Verdi-Kongress Bsirske kritisieren. Auch die Postbediensteten könnten ihrem Ärger Luft machen. Beim Post-Streik schickte er bis zu 32.000 Beschäftigte in den Ausstand, um die verhassten "Delivery"-Zentren abschaffen, in denen die Post Paket-Geschäfte auslagert - zu weniger Lohn. Doch nach vier Wochen Streik stand nur eines fest: Bsirskes Niederlage. Die Deliveries bleiben, bis 2018 darf dorthin nur nicht mehr Arbeit verlagert werden. 

Zwei Pleiten im Juli und August – für Frank Bsirske war der Sommer 2015 eine Zeit des Missvergnügens. Den Job wird er dennoch behalten. Auf dem Kongress will er sich wieder wählen lassen, ein Gegenkandidat tritt nicht an - auch weil man keinem anderen zutraut den Gemischtwarenkonzern verdi zu führen.

Keine andere Gewerkschaft ist so heterogen, vertritt sie doch Banker, Müllmänner, Krankenschwestern ebenso wie Schauspieler, Friseure, Journalisten, Hafenarbeiter und Prostituierte. Keine andere ist in ihrem Selbstverständnis so zerrissen, weil manche Funktionäre nur betriebliche Arbeit organisieren wollen, andere sich aber als Vorhut der Linkspartei verstehen. Keine andere hat eine so komplizierte Organisationsstruktur aus Fachbereichen, Landesverbänden und Bezirken, die mehr gegeneinander als miteinander arbeiten. Und keine andere spürt die harte Konkurrenz von Spartengewerkschaften wie der Pilotenvereinigung Cockpit, der Ärztevertretung Marburger Bund oder der Gewerkschaft der Lokführer.

Bsirske stoppte den Abwärtstrend

In dieser Schlacht hat sich Bsirske gut geschlagen. So stoppte er den Abwärtstrend bei den Mitgliedern. Über zehn Jahre kehrten fast 750.000 Mitglieder den Rücken, doch seit 2014 treten zumindest einige tausende wieder ein. Das Repertoire eines Arbeiterführers beherrscht Bsirske ebenfalls. Hinter geschlossenen Türen gibt er den pragmatischen Verhandlungsführer, in der Öffentlichkeit zeigt er Bankern den Stinkefinger oder wirft Managern vor, dass "sie den Hals nicht voll kriegen".

Solch Geschick führte dazu, dass Bsirske regelmäßig mit Werten von über 90 Prozent wiedergewählt wurde. Mit über 14 Jahren Amtszeit ist er  der dienstälteste Gewerkschaftschef, und vollendet er die nächste Periode, immerhin die fünfte, hätte er Verdi länger regiert als Helmut Kohl Deutschland.  

Soviel Zähigkeit würdigt auch die Kanzlerin, und so besucht Angela Merkel nach zehn Jahren Amtszeit erstmals einen Verdi-Kongress. Bsirske, der ein grünes Parteibuch hat, hält die CDU-Chefin sie für eine "kluge, reflektierte Politikerin". Anders als ihren Vorgänger Gerhard Schröder. Seinen Intimfeind, mit dem er jahrelang um die Agenda 2010 gerungen und verloren hat. Die Wunden dieses Kampfes hat er nicht überwunden, sagt Bsirske doch über Merkel: "Wo ihr Vorgänger autoritär wurde, beginnt sie zu argumentieren."

Mitarbeit: Ingrid Eissele, Samuel Rieth