Zwischenruf Diebesgut und Ladenhüter


In der Großen Koalition ist das politische Eigentumsrecht aufgehoben: Man bedient sich beim Partner, wenn es gerade passt. Frechheit siegt. Aus stern Nr. 51/2006

Die kurze Geschichte der Großen Koalition ist eine lange Geschichte der Enteignungen. Der Aneignung von herrenlos gewordenen oder nicht mehr streng bewachten Fundstücken. Denn immer weniger, genau genommen: fast nichts mehr, ist in der ideologischen Schatztruhe einer Partei verschlossen. Oder ist als solches auf Anhieb erkennbar. In Zeiten rasant wechselnder programmatischer Moden bedienen sich Union und SPD, wie es scheint, aus einem gemeinsamen Fundus. Da heißt es nur noch: Beherzt und flink zugreifen! Damit das Publikum das neue Kostüm künftig als originäres (an-)erkennt, obgleich es doch eigentlich der Gegner geschneidert hat. Resultat ist eine gigantische Umkostümierung, die dem Publikum Wiedererkennungsprobleme, wenn nicht gar Schwindelgefühle bereitet. Und die Frage aufwirft, wodurch sich die Verkleidungskünstler eigentlich noch unterscheiden.

Die raffiniertere, aufgewecktere, bedenkenlosere Partei der Enteignung, der politischen Bereicherung auf Kosten des Konkurrenten und Partners, ist zweifellos die CDU. Der geübte Langfinger nimmt alles, ganz Kleines und ganz Großes. Und so geschickt, dass es gar nicht mehr auffällt. Es begann mit dem Elterngeld, das nun im Kleiderschrank Ursula von der Leyens hängt, als Berufskleidung der Berufsmutter der Union. Wer weiß schon, dass das ein Entwurf der SPD war? Wo die sich doch widerspruchslos entkleiden ließ? Und da die Operation so grandios erfolgreich war, vertritt die Christen-Union nun gleich in Fülle familienpolitische Positionen, die sie früher als staatssozialistische Gängelung gegeißelt hätte. Pflichtuntersuchungen für Kinder gegen elterliche Verwahrlosung, dazu kostenfreie Kitas und ein Kindergarten-Pflichtjahr zur Zwangserziehung, seit neuestem sogar eine Zentralbehörde, um die mindestens 100 Milliarden Euro an diversen familienpolitischen Subventionen zu sammeln und gezielter zu verwenden. Staat! Bürokratie! Umverteilung! Den rechten Konservativen muss da heiliger Zorn packen.

Nicht aber die brave SPD, die den sozialistischen Umtrieben der ehedem Schwarzen, heute orange Umgefärbten wehrlos zuschaut. Dabei war es doch ihr Finanzminister Peer Steinbrück, der den Versuch unternommen hatte, kostenfreie Kindergärten als Marke zu erobern, indem er zur Finanzierung die Kürzung des Kindergeldes um zehn Euro vorschlug. Verspielt, vergessen.

Auf diese Weise hat sich die sozialdemokratische Zauderpartei einiges durch die Lappen gehen lassen. Wie die Verlängerung des Arbeitslosengeldes, die Jürgen Rüttgers mit Marx- und Engelszungen predigt - so zuckersüß und unverfroren, dass Franz Müntefering nur noch "Sauerei" rufen konnte. Wie die Gewinn- und Kapitalbeteiligung der Arbeitnehmer, die lange im ideologischen Schlussverkauf herumlag und bei Sozens einzig und allein von Kurt Beck interessiert befingert wurde. Wenn die SPD nicht aufpasst, wird ihr demnächst noch etwas geklaut, das man sich nie im Besitz der Konservativen vorstellen konnte: große gesellschaftliche Fonds für all jene Arbeitnehmer, denen die direkte Teilhabe an Gewinnen und Kapital vorenthalten wird. Gerechtigkeit gehört nun jedenfalls der CDU, Hartz dagegen der SPD - irgendwie. Irgendwie kurios.

Als besonders geschickter politischer Taschendieb betätigt sich Wolfgang Schäuble. Der erste Muslim-Gipfel, das neue Bleiberecht für Ausländer - seine Sache, nicht die der SPD. Und die Fußball-Weltmeisterschaft, einst von Gerhard "Acker" Schröder, daumendrückend neben Franz Beckenbauer, an Land gezogen, gehört nun - irgendwie - auch der CDU, seit Schäuble frech und "Tagesschau"-füllend seine WM-Bilanz vorstellte, den DFB-Präsidenten Theo Zwanziger schmückend neben sich. Die Kanzlerin wiederum hat die Ausländerintegration - natürlich auch spektakulär mit einem Gipfel - gekapert und der SPD das Herzensthema Frieden entrungen. Krieg gegen den Iran? Niemals, Mr. Bush! Der Aufschwung - natürlich ganz der Angela Merkels. Obgleich Schröders Steuerakrobatik dafür gewiss mehr kann als die großkoalitionäre Trippelparade.

Nur zweimal hat die SPD umgekehrt lange Finger gemacht im Tante-Angela-Laden: bei der Rente mit 67 und bei der Unternehmensteuerreform. Aber da hat die CDU gern weggeschaut, denn mit dieser Beute wird der Dieb nicht glücklich. Und die bleiern im Regal liegende Gesundheitsreform schiebt Roland Koch nun freigebig an die SPD weiter - als hätte sie höhere Beiträge gewollt. Und nicht er durch Steuerverweigerung erzwungen.

Sicher vor Raubzügen ist nur die ideologische Resterampe. Die SPD sitzt auf verstaubten Vermögensteuermodellen, die Union auf unverkäuflichen Mustern mit den Labels "Weniger Kündigungsschutz" und "Mehr Atomkraft". Das nasebohrende Aufsichtspersonal: Andrea Nahles und Michael Glos. Sie sind die Ladenhüter der Ladenhüter.

Und Radmann passt exakt in die Schnittfläche zwischen Schröder, Schily und Stoiber. Der Fußball, genauer gesagt: der "Kaiser", brachte sie zusammen. Der Mann mit dem robusten Selbstbewusstsein, den silbernen Haaren und ebensolchem Bärtchen, der Elefanten auf der Krawatte so liebt wie Wagner-Opern, Träger des Bayerischen Verdienstordens, ist "Beckenbauers verlängerter Arm, sein Kopf, sein Aktenkoffer", urteilte das Magazin "Park Avenue". Die "Welt" schrieb über ihn: "Radmann entstammt der Wiege der Wertewelt von Gefallen und Gegengefallen, von Kungelei mit maximalem Profit." Und der Berliner "Tagesspiegel" kommentierte: "Er ist der Mann hinter dem Allgegenwärtigen. Er ist selten öffentlich zu sehen, aber in den diskreten Runden von Sport und Politik sitzt er mit am Tisch, anschließend vor dem Kamin."

Radmann war Koordinator des DFB-Bewerbungskomitees für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, er begleitete Beckenbauer auf dessen weltweiter Werbetour für die WM, er war dabei, als Deutschland im Juli 2000 in Zürich den Zuschlag erhielt und Gerhard Schröder neben Claudia Schiffer daumendrückend auf dem Podium stand, er war es, den der "Kaiser" sofort nach dem Züricher Sieg umarmte, er stellte sich danach neben Beckenbauer und Fifa-Präsident Joseph Blatter strahlend den Fotografen. Und Otto Schily, als Sportminister in Zürich natürlich dabei, gratulierte beglückt: "Das ist der verdiente Lohn für die großartige Arbeit von Franz Beckenbauer und Fedor Radmann." Als der "Kaiser" während der WM omnipräsent per Hubschrauber von Stadion zu Stadion schwebte, war stets mit an Bord: Fedor Radmann.

Heute tourt er um die Welt, um die Winterspiele 2014 nach Salzburg zu holen. Als Olympia-Botschafter hat er wen gewonnen? Richtig: Franz Beckenbauer, seinen Trauzeugen. Doch der gebürtige Berchtesgadener, der seinem Krawattenmuster symbolische Bedeutung gibt: "Ich bin der Elefant, der die Schneisen schlägt durchs Dickicht", während ihn Beckenbauer "meinen Bullen aus Berchtesgaden" nennt, hatte sich zwischendurch auch mal bedrohlich im eigenen Netzwerk von Gefallen und Gegengefallen verfangen - getreu seinem doppeldeutigen Ruf: "Pate der WM". Als Mitorganisator der Olympischen Spiele in München 1972, Kurdirektor von Berchtesgaden, Präsident des Organisationskomitees der Eishockey-WM 1993 und Marketing-Mann des Sportartikelkonzerns Adidas hatte er sich in eine so zentrale Position als Verbindungsmann zwischen Sport, Politik und Kommerz emporgearbeitet, dass ihm vor drei Jahren wegen Verdachts der Vetternwirtschaft fast die Rote Karte gezeigt worden wäre. Radmann musste teils ruhende Beraterverträge mit der Kirch-Gruppe, der die Fernsehrechte an der Fußball-WM gehörten, und dem WM-Sponsor Adidas offenlegen. Zudem wurden WM-Aufträge für Firmen bekannt, die Verbindungen zu Radmann hatten.

Die "Spinne im Netz" ("Welt am Sonntag") verlor die Position als Vizepräsident des Organisationskomitees der Fußball-WM und war fortan nur noch Kunst- und Kulturbeauftragter der Weltmeisterschaft, außerdem Berater des OK-Präsidiums. Mit Büro in München. Dass er nicht stürzte, hatte er auch Otto Schily zu verdanken, mit dem er schon im Juni 2002 neben Franz Beckenbauer eine WM-Pressekonferenz in Yokohama gegeben hatte und der ihm im September 2004 im Münchner Olympiastadion zum Geburtstag gratulierte. Denn Schily saß im Aufsichtsrat des Organisationskomitees und hielt schützend die Hand über ihn: "Herr Radmann hat große Verdienste, dass die WM-Bewerbung ein Erfolg war. Deswegen bedauere ich sehr, dass man versucht, ihn in ein schiefes Licht zu bringen. Alles, was wir an Geschäftsbeziehungen offengelegt bekamen, hat keinerlei negativen Einfluss auf die Gestaltung der Fußball-Weltmeisterschaft." Also saß Radmann - neben Beckenbauer - auch weiter im Kuratorium der PR-Initiative "Deutschland, Land der Ideen", Schily in deren Beirat. So ähnlich, wie Franz Beckenbauer als Präsident dem Fußballklub Bayern München vorsteht, während Edmund Stoiber dem Verwaltungsbeirat des Bundesligisten angehört.

Nach der Bundestagswahl 2005 erinnerte sich offenbar jemand in Berlin dieser Schaltkreise der Macht - und beschloss, sie miteinander zu verbinden. Getreu der Wertewelt von Gefallen und Gegengefallen. Radmann, der in Schönau am Königssee lebt, wurde mit politischem Auftrag zu Edmund Stoiber, seinem Landesvater, geschickt. Otto Schily freilich will damit rein gar nichts zu tun haben, ganz so wie Gerhard Schröder. Als der Ex-Innenminister am 22. November in Berlin den Politikaward für sein Lebenswerk verliehen bekam, saß ich in der ersten Reihe neben ihm und sprach ihn an: Ich hätte gehört, er kenne den Emissär, der solle aus seinem Umfeld kommen. Schily wusste sofort, wovon die Rede war, dementierte - und regte sich mächtig auf über solche Unterstellungen. Ein höchst vertrauenswürdiger Mann, der mit Radmann über dessen Mission gesprochen hat, berichtete mir indessen, Schily habe Radmann damals gesagt, er könne unter Edmund Stoiber dienen, niemals aber unter Angela Merkel. Doch das kann ja wohl nicht stimmen. Schließlich hat Schily dementiert. Oder?

Hans-Ulrich Jörges print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker