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Zwischenruf: Ludwig Erhards Azubi

Der neue Wirtschaftsminister Guttenberg ist das größte Talent der CSU - doch für die stärkste Exportnation der Erde ist er ein ökonomischer Lehrling. Die FDP triumphiert: Nun hat sie 18 Prozent.

Von Hans-Ulrich Jörges

Am Abend, bevor ihn das Schicksal küsst, misst er sich schon mit den Großen der Erde. Wie jedes Mal zum Auftakt der Münchner Sicherheitskonferenz hat der Anwalt Wolfgang Seybold die prominentesten Gäste und handverlesene Zelebritäten zum Dinner im "Käfer" geladen. Henry Kissinger, 85-jährige Ikone der amerikanischen Außenpolitik, spricht über die neue Kraft der Obama-Regierung und rühmt den Vietnamkriegshelden John McCain. Jim Jones, 65-jähriger Viersternegeneral, Nato-Ex-Oberbefehlshaber und Sicherheitsberater Obamas, folgt mit launigen Erinnerungen an den Gastgeber. Dann erhebt sich Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, 37 Jahre jung und gerade seit drei Monaten CSU-Generalsekretär, um die Weltenlenker, Generäle und Großunternehmer zu charmieren. Perfekt gestylt, mit perfekten Manieren, in perfektem Englisch. Die CSU hat keinen zweiten wie ihn, kein größeres Talent, das sich in solcher Umgebung so sicher zu bewegen wüsste.

Am folgenden Tag resigniert Michael Glos, und der junge Mann, der in New York gelebt hat, Spross einer Dynastie fränkischer Großgrundbesitzer, wird zu den Sternen geschossen, in die Nachfolge Ludwig Erhards. In größter Not keine schlechte Wahl. Guttenberg wird wenigstens gute Figur machen, gewiss eine bessere als der im Englischen verheerend radebrechende Glos. Die steilste Karriere der deutschen Parteipolitik wird im Ausland Verblüffung, jedenfalls Neugier wecken.

Und dennoch: Dass ein jungenhafter Außenpolitiker und Jurist ohne ökonomische Ausbildung und volkswirtschaftliche Erfahrung über Nacht zum Wirtschaftsminister der größten Exportnation der Erde aufsteigt, in der schwersten Krise der Weltwirtschaft seit der großen Depression vor 80 Jahren, wirkt wie ein Witz. Ein schlechter Scherz deutscher Parteipolitik. Denn einschlägige Erfahrung hat der Aufsteiger nur in den familieneigenen Unternehmungen gesammelt.*

Keinen Mut um der Sache willen

Der Fall ist ein Offenbarungseid vieler. Für die CSU, die ihre Wirtschaftskompetenz seit den Tagen von Franz Josef Strauß fahrlässig verspielt hat, Zug um Zug, seit dem Sturz von Edmund Stoiber rasant. Für die CDU, die ihre eigenwillige Schwester gewähren lässt, um des prekären Friedens in der Union willen. Für die Große Koalition, die das nationale Interesse der Parteitaktik und dem schieren Proporz beugt. Noch mehr aber für Angela Merkel, die nun - wieder, trotzig - eine größere Kabinettsumbildung gescheut hat. Die den schon unglücklich ins Amt gehievten Glos mehr als drei Jahre verloren und kraftlos agieren ließ, ihn am Ende ganz auf null drehte - bis ihm die eigene Würde gebot, seiner Existenz als Nulllösung im Kabinett ein Ende zu bereiten. Und die den kompetentesten Mann der Union, Friedrich Merz, systematisch kaltstellte, statt das Wagnis einzugehen, den Rivalen zu gewinnen und einzubinden - wie es Barack Obama mit Hillary Clinton tat, um der Sache, um des Landes willen.

Nun ist Merkels Menetekel an der Wand zu lesen. In der alttestamentarischen Erzählung übersetzte der Prophet Daniel die geheimnisvolle Schrift: "Gott hat dein Königtum gezählt und beendet. Du wurdest auf einer Waage gewogen und für zu leicht befunden. Dein Reich wird geteilt …" An Merkels Wand steht die Ziffer 18. Es braucht keinen Propheten, sie zu verstehen. Auf 18 Prozent hat es die FDP nun gebracht, ihr einst utopisch anmutendes Ziel - der Profillosigkeit der Union wegen. 37 Prozent der heutigen FDP-Anhänger haben 2005 noch die Union gewählt, nur 32 Prozent sind Stammwähler der Liberalen. Die Union dagegen kommt mit 34 Prozent nicht mal auf ihr desaströses Wahlergebnis von 2005. Merkels Königinnentum ist damit (noch) nicht beendet, aber sie wird als zu leicht befunden - und sie muss ihr Reich teilen, mit der FDP.

Prinzipienlosigkeit wird der Kanzlerin häufig vorgeworfen. Doch das ist ein Irrtum. Denn ein Prinzip ist in ihrer Regentschaft durchgängig zu beobachten: Sie besetzt konsequent jedes Feld, auf dem die SPD ein Bäumchen pflanzen könnte. Zumindest symbolisch. Klimarettung, Bildung, Frauenrechte, Gesundheitsreform, Integration von Ausländern und Muslimen, Außenpolitik, Haushaltssanierung, Steuerreform, Mindestlöhne, Kapitalismuskritik, Bankenverstaatlichung, ja selbst Papstschelte - überall ist Merkel. Alles will sie selbst verstehen, durchdringen, beherrschen. Das ist erfolgreich gegenüber der SPD, aber es wirkt zutiefst verstörend in den eigenen Reihen.

Der smarte Herr Guttenberg betritt dieses Allmachtssystem als Azubi. Der feinste, den Deutschland je hatte. Mehr als die Gesellenprüfung kann er bis zur Wahl nicht schaffen.

*In der ursprünglichen Fassung wurde der Familie zu Guttenberg ein Großhandel für Dämmstoffe und Isoliertechnik zugeschrieben. Dies war falsch. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen, Red

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