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Schöllgen-Buch über Altkanzler Müssen wir die Schröder-Biografie wirklich lesen?


Schröder nannte Gabriel gelegentlich "Voodoo", das fehlt auf den 936 Seiten. Fast alles andere steht drin. Müssen wir das Buch also lesen? Eine Rezension in zehn Fragen.
Von Andreas Hoidn-Borchers

1. Was haben wir da vor uns?
Viel. Sehr, sehr viel. Ein äußerst gewichtiges Werk. 1224 Gramm schwer, inklusive Schutzumschlag und Lesebändchen. Kosten, vorerst: 34,99 Euro. Gibt es aber sicher bald auch in billiger. Auf jeden Fall schon jetzt eine ganze Menge bedrucktes Papier fürs Geld. Sind auch ein paar Fotos drin, aber Warnung: nur Schwarz-Weiß. Format und Farbgebung erinnern sehr an Suhrkamps Ulysses-Ausgabe von 1979. Macht sich jedenfalls gut im Regal. Und egal, ob man nach "Schöllgen“ oder "Schröder“ sortiert: Schmidt, Helmut steht auf jeden Fall, wo er hingehört – ganz in der Nähe.

2. Worum geht's?
Um Super-Gerd natürlich, den besten und testosterongesättigsten Kanzler einer rot-grünen Bundesregierung, den Deutschland je hatte; wie er wurde, was er mal war – und im Grunde genommen immer noch ist. Um sein Wollen, Werden und Wirken. Seinen Aufstieg aus extrem bescheidenen Verhältnissen ins Kanzleramt. Seine Irrungen und Wirrungen und den ganzen Rest. Um ein Leben also, dessen Antrieb er selbst mal ganz wunderbar poetisch beschrieben hat: "Du musst doch mal gucken, ob es nicht die ganze Grütze gibt und nicht nur einen Teller voll.“

3. Wer ist eigentlich dieser Schöllgen?
Professor für Geschichte. In Erlangen. Kennt aber die Welt. Lehrte laut Klappentext auch schon in New York, Oxford und London. Hat außerdem 2001 eine sehr gute Biografie über Willy Brandt geschrieben; alles, was man über den Mann wissen muss, auf 296 Seiten. Für Schröder benötigt er jetzt mehr als das Dreifache: 936 Seiten (plus 100 Seiten Anhang). Was nicht zu dem Fehlschluss verleiten sollte, das Buch über Schröder sei auch drei Mal so gut. Oder der Biografierte drei Mal so bedeutend.

4. Muss ich mich auf Überraschungen gefasst machen?
Nicht wirklich. Im Grunde kennt man das alles. Weil für Schröder erstens "die publikumswirksame Darbietung seines bis zum Beginn der Kanzlerschaft nie privaten Privatlebens nicht Selbstzweck, sondern Teil der harten Arbeit an seiner Karriere“ war. Und weil zwotens die sieben rot-grünen Jahre, um die es im Wesentlichen geht, ein bestens beschriebenes Zeitalter der politischen Transparenz waren. Kabale und Intrigen wurden auf sehr offener Bühne ausge- bzw. den Chronisten zuverlässig hintertragen, weshalb man immer sehr bald Bescheid wusste, wenn der Kanzler mal aus Wut auf Claudia Roth Akten an die Wand gepfeffert hatte – was einen weniger wegen Roth als wegen der Akten wunderte (siehe auch Frage 8). Dem allen hat Schöllgen trotz einer enormen Fleißarbeit kaum erregend Neues hinzuzufügen. Der intime Rückblick auf die Merkel-Jahre wird auf jeden Fall mal spannender werden – wann immer es den geben wird.

5. Der schönste Fund?
Stammt aus den Stasi-Beständen. Eine "Personeneinschätzung“ Schröders aus dem Jahr 1978, die zweierlei beweist. Erstens: Soo doof war der DDR-Geheimdienst dann doch nicht immer. Zweitens: Wer immer behauptet, dass sich ein Mensch jenseits der 30 nicht mehr grundlegend ändert – hat zumindest im Fall Schröder Recht. Wir zitieren auszugsweise: "Gestalt: kräftig; Gang: lässig; Anpassungsverhalten: Führungstyp; Willensstärke: ausgeprägt; Mut und Ausdauer: gut entwickelt; Kontaktfähigkeit und eigene Zugänglichkeit: fühlt sich als eine Art besonderer Mensch; Kollektivhaltung: zur Durchsetzung seiner Interessen; Charakterliche Besonderheiten und Schwankungen: sehr von sich eingenommen, harter stabiler Typ; Stellung zu Lob und Kritik: verträgt Kritik; physische und psychische Belastbarkeit: ausgeprägt; Risikobereitschaft: vorhanden.“

6. Die beste Nebenrolle?
Besetzt Oskar Lafontaine, obwohl der natürlich der bessere Hauptdarsteller gewesen wäre. Jedenfalls wenn man Lafontaine fragte. Kommt immerhin fast so oft im Buch vor wie Kohl und Brandt und häufiger als Schmidt und Merkel; spielt also auf dem ihm angemessenen Niveau mit. Enthüllte gegenüber dem Biografen jetzt auch die Hintergründe für seinen Rücktritt als SPD-Chef und Finanzminister 1999: "Ich wollte Schröder stürzen.“ Ja, ist ja schon gut, wir hatten da auch so einen Verdacht…

7. Was fehlt?
Falsche Frage. Sie muss lauten: Wer fehlt. Der "kleine Schröder“ nämlich. Schöllgen hat zwar laut Danksagung mit Hinz und Kunz über den Ex-Kanzler gesprochen, mit den Beckenbauers, Kisters und Schilys dieser merkwürdigen Welt. Merkel hat ihm Auskunft gegeben, Müntefering, sogar der große Welterklärer Joschka F. Aber zwischen all den Grassens, Großmanns und Gysis fehlt: Sigmar Gabriel, der akute SPD-Chef, den Schröder in seinem norddeutschen Idiom und mit seinem Sinn für kleine Gemeinheiten immer nur "Siechmar“ nannte oder "Voodoo“. Schade, denn der hätte ´ne ganze Menge zu erzählen gehabt. Andererseits: Dann wär das Buch noch dicker geworden.

8. Das Vergnüglichste?
Sind die saloppen Abgefeimtheiten, die der Herr Professor Schöllgen immer mal wieder so nebenbei hinschreibt. "Tatsächlich ist Gerhard Schröder ein treuer Mensch, solange er zu seiner Frau steht und diese in sein Leben passt“, ist so ein Satz. "Da Schröder zudem das Aktenstudium auf ein Minimum beschränkt hat, waren seine Mitarbeiter darauf bedacht, auch die schriftlichen Vorlagen in Zahl und Umfang in engen Grenzen zu halten“, ein anderer, was auch verdeutlicht, dass die Verletzungsgefahr für Claudia Roth beim Aktenwurf außerordentlich gering gewesen sein dürfte.

9. Mag der den Schröder überhaupt?
Ja, soweit man opportunistische Karrieristen mit der "Attitüde des >Heute so und morgen eben anders<“ mag, wie Schöllgen den sympathisch Theorie-abholden Juso-Vorsitzenden charakterisiert – und nicht nur den. Als Historiker attestiert er ihm am Ende "zwei herausragende Leistungen: Gerhard Schröder hat außen- und sicherheitspolitisch die überfälligen Konsequenzen aus der Einheit gezogen und Deutschland auf den Platz geführt, auf den es gehört; und er hat das Land innenpolitisch so auf Vordermann gebracht, dass es diesen Platz selbstbewusst und überzeugend einnehmen kann.“

10. Wer soll das alles lesen?
Von vorne bis hinten? Tja. Da gilt: Nur die Harten komm´ in Garten bzw. auf Seite 936 an. Obwohl Schöllgen erfreulich unprofessoral formuliert, vermutlich also nur die ECHT Interessierten und die wirklich Hartgesottenen mit irre viel Zeit und hoher Leidensfähigkeit. Und natürlich die, die müssen. Doktoranten bei Schöllgen. Rezensenten. Und Menschen, die sich irgendwann auch mal komplett durch den "Ulysses“ geackert haben. Und das ist jetzt keine Anspielung auf Schröder. Über den schreibt sein Biograf: "Überhaupt ist Schröder kein großer Leser. Biografien "durchstöbert“ er.“ Kluger Mann, das.

Zusatzfrage: Angela Merkel stellt das Buch vor. Hat wenigstens die das Ding wirklich gelesen?
Also, ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen. Die Frau ist Kanzlerin. Dafür hat die ihre Leute. Also genau das, was uns manchmal fehlt…


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