ARD-Dokumentation "Castro hat Kennedy zuerst erwischt"


Wer hat JFK ermordet - Außerirdische, George Bush senior, Spielhallenbesitzer oder die CIA? Die ARD liefert in einer Dokumentation eine spektakuläre Spur nach Kuba.
Von Claus Lutterbeck

Bitte nicht umschalten: Die neunzig Minuten, die Regisseur und Grimme-Preisträger Wilfried Huismann in drei Jahren Recherche für den WDR zusammengeschnitten hat, sind sensationell (ARD, Freitag, 6. Januar, 21.45 Uhr).

Die Theorie ist alt, nach der Fidel Castro und sein Geheimdienst Grupo dos, G-2 genannt, den jungen US-Präsidenten auf dem Gewissen haben. Neu sind die Beweise: Mehrere Hauptdarsteller von damals erzählen vor der Kamera, wie und warum der Kennedy-Mörder Lee Harvey Oswald von den Kubanern angeworben wurde und warum Washington damals Fidel Castro geschützt hat, obwohl die Regierung genau wußte, dass Oswald im Sold der Kubaner stand. Viele von ihnen gehen zum ersten Mal an die Öffentlichkeit.

Wer tötet wen?

Zur Erinnerung: Anfang der sechziger Jahre drohte der Konflikt zwischen Kuba und den USA zum offenen Krieg auszuarten. Die von der CIA gesponsorte Invasion von Exilkubanern in der Schweinebucht war kläglich gescheitert. Präsident John F. Kennedy wollte den Konflikt entschärfen und einen heimlichen Deal mit Castro schließen. Sein Bruder aber, Justizminister Robert Kennedy, forderte einen harten Kurs. "Bobby Kennedy ist persönlich verantwortlich für mindestens acht Mordanschläge auf Fidel Castro", sagt der ehemalige Nato-Oberfehlshaber Alexander Haig heute. Er muss es wissen, der schneidige Vier-Sterne-General war damals Assistant von Bobby Kennedy und mit den Anschlägen beauftragt. Sein trockenes Fazit im WDR: "Kennedy wollte Castro loswerden, aber Castro hat ihn zuerst erwischt."

Auch der Exilkubaner Rolando Cubela, der damals eng mit Bobby Kennedy zusammengearbeitet hat und die Anschläge auf Castro - etwa mit vergifteten Kugelschreibern - vorbereitet hat, tritt vor der Kamera auf. Er bestreitet alles. Kein Wunder. Der vermeintlich glühende Castro-Gegner war Doppelagent und hat die von ihm selbst geplanten Anschläge umgehend an seinen alten Commandante verraten.

"Das ist ein Nicht-Dokument"

Erstmals spricht auch der ehemalige Chef des kubanischen Geheimdienstes, Fabian Escalante. Seit Jahren versucht er erfolgreich, der CIA die Tat in die Schuhe zu schieben. Natürlich weist er jede kubanische Verstrickung weit von sich: "Wir hatten kein Motiv" behauptet er.

Ach ja? Dem damaligen AP-Korrespondenten Daniel Harker vertraute Castro an: "Wenn die Kennedys mir weiter nach dem Leben trachten, können sie sich ihres Lebens nicht sicher sein." Dem WDR liegt ein geheimgehaltenes Memo an den Kennedy-Nachfolger Lyndon B. Johnson vor, in dem beschrieben wird, wie Escalante im November 1963 via Mexiko City nach Dallas flog, um die Ermordung Kennedys zu überwachen.

Nach außen hat Präsident Johnson stets vehement bestritten, die Kubaner stünden hinter dem Attentat, schon wenige Tage nach dem Mord hat er Oswald zum wirren Einzeltäter stilisiert. Im kleinen Kreis jedoch war "Johnson überzeugt davon, dass Castro Kennedy umgebracht hat", sagt General Haig. In einer der ersten Krisensitzungen zeigte Haig ihm damals ein Dokument, wonach Oswald vor der Tat in Havanna gesichtet wurde. Johnson wollte nichts wissen: "Das ist ein Nichtdokument, du hast es nie gesehen!"

Ermittlungen zum Schein

Warum wollte Johnson die wirklich Schuldigen nicht öffentlich anprangern? "Weil er Angst hatte, der Dritte Weltkrieg könnte ausbrechen, wenn die Wahrheit herauskommt", sagt der ehemalige FBI-Beamte Laurence Keenan. Schon wenige Stunden nach der Tat habe Johnson diese Entscheidung gefällt, "die Spur nach Havanna wurde zum Staatsgeheimnis."

Keenan wurde von FBI-Chef Hoover damals persönlich nach Mexiko City geschickt, um die mysteriösen sieben Tage zu erforschen, die Oswald im September 1963 dort verbracht hatte. Aber das FBI wollte nichts erfahren: "Das waren die miserabelsten Ermittlungen, die das FBI je gemacht hat. Es wollte nur, dass es so aussieht, als hätten wir ermittelt." Nach dreieinhalb Tagen wurde Keenan zurückbeordert. Heute "schämt" er sich für seine damalige Rolle, auch deshalb will er nun mit der Wahrheit herausrücken.

In den sieben Tagen, die Oswald vor dem Mord in Mexiko verbracht hat, traf er sich in der kubanischen Botschaft mit Castros Agenten. Mehrere Zeugen haben ihn dabei gesehen, aber das FBI verschloss die Augen: "Hoover wollte die Wahrheit nicht wissen", sagt Keenan dem WDR. Auch der kubanische Geheimdienstler Oscar Marino, ehemals einer der führenden Offiziere von G-2, geht erstmals vor die Kamera: "Oswald war ein Mann voller Hass auf sein Land, es gab keine Gehirnwäsche, er hat sich uns angeboten, wir haben ihn benutzt." Große Gedanken über die Qualitäten des Killers machte man sich in Havanna nicht. Der KGB hatte Oswald in einem Telegramm an die Kubaner zwar als "unzuverlässig und psychisch instabil" abqualifiziert. Den Kubanern aber war das egal: "Man nimmt, was man kriegt", sagt Ex-Agent Marino heute.

"Er war besser"

Castros damaliger Gegenspieler, der inzwischen verstorbene Leiter der Kuba-Abteilung bei der CIA, Samuel Halpern, sieht es locker. In einem seiner letzten Interviews sagte er 2003 dem WDR: "Fidel ist übrigens ein netter Kerl. Ich traf ihn vor zwei Jahren in Havanna. Er ist immer noch da, er hat neun oder zehn US-Präsidenten überlebt. Wir brachen unser Brot zusammen. Er sagte: 'Ich bin Profi, Sie sind Profi, sprechen wir nur übers Geschäft'. Genau so war es, wir hatten Spaß. Er hat uns geschlagen. Er war einfach besser, wir haben verloren."


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