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Golfkrieg: Die gescheiterte Eroberung

Als der irakisch-iranische Krieg 1988 endet, weil ihn keine Partei gewinnen kann, sind insgesamt bis zu anderthalb Millionen Menschen gestorben. Die Großmächte hatten kaum versucht, Saddam Hussein in den Arm zu fallen.

"Der Sturz von Saddam Husseins Regime war einer der schönsten Tage in der iranischen Geschichte", sagt Mohammed-Resa Chatami, Vorsitzender der Reformpartei IIPF und Bruder von Ex-Präsident Mohammed Chatami. Iran und die USA hätten im vergangenen Vierteljahrhundert in verschiedenen Welten gelebt, doch in ihrer Gegnerschaft zu Saddam Hussein seien sie sich auf einmal "sehr nahe" gekommen, meint der Parteichef weiter. Tatsächlich hatte der iranische "Gottesstaat" nie weniger Einwände bei amerikanischen Kriegsentscheidungen als im Fall des damaligen irakischen Diktators. Der Grund liegt auf der Hand: 25 Jahre nach Beginn des Ersten Golfkrieges am 22. September 1980 und 17 Jahre nach Kriegsende im August 1988 leiden die Iraner immer noch unter den Folgen der achtjährigen Kämpfe.

Bis zu anderthalb Millionen Kriegstote auf beiden Seiten

Die Grenzstädte im Westen und Südwesten des Landes, besonders Abadan und Choramschahr, die einst als wichtigste iranische Handelshäfen galten, konnten nicht mehr adäquat aufgebaut werden. Die reichen Händler der beiden Kommunen haben längst in anderen Großstädten eine neue Existenz gegründet. Zurückgeblieben sind weniger betuchte Einwohner, die sich mit Wehmut an die bessere Zeit vor dem Krieg erinnern. Nach Schätzungen kostete der Krieg auf beiden Seiten insgesamt bis zu anderthalb Millionen Menschen das Leben. Dabei starben fast eine Million iranische Soldaten oder wurden zu Kriegsinvaliden.

Nachdem 1979 im Iran der Schah stürzte, rief der schiitische Ayatollah Khomeini die Islamische Republik aus. Fundamentalistische Studenten stürmten die US-Botschaft in Teheran und nahmen das Personal als Geiseln. Der Westen war tief besorgt - wie Saddam Hussein. Die islamische Revolution könnte auch auf den Irak mit seinem hohen schiitischen Bevölkerungsanteil überspringen. Im Herbst 1980 greift Saddam Hussein die Quelle des Übels an. Offiziere des gestürzten Schahs haben ihm versichert, Khomeinis Iran sei eine leichte Beute. Die Großmächte versuchen kaum, dem Eroberer in den Arm zu fallen. Auch sie sind von seinem schnellen Sieg überzeugt und haben keine Sympathien für den religiösen Fanatiker im Nachbraland.

Doch die Offensive der Iraker läuft sich bald fest. Ein blutiger Abnutzungskrieg beginnt, in dem der Iran sogar die Oberhand gewinnt. Er besetzt Teile des Mündungsgebiets von Euphrat und Tigris und bedroht Basra im Südirak. Khomeinis Hauptwaffe sind schlecht bewaffnete Massenheere junger Freiwilliger, denen er das Paradies nach dem Heldentod verspricht. "Sie stürmten auf uns zu, wie eine Menge, die am Freitag aus der Moschee kommt. Bald feuerten wir nur noch in tote Männer hinein, die über den Stacheldrahtzäunen hingen oder von Minen zerfetzt am Boden lagen", erinnert sich ein irakischer Offizier.

US-Interessen in der Golfregion

Dank moderner Technologie konnten Saddams Streitkräfte dem Iran standhalten. Aus der Wunderwaffe Atombombe ist zwar nichts geworden, denn die Israelis zerstören 1981 mit einem überraschenden Luftangriff den fast fertigen Reaktor Osirak. Doch die Rüstungsproduzenten der freien Welt versorgen den Irak mit allem, was gut und teuer ist. Washington kommt 1983 zu dem Schluss, die US-Interessen in der Golfregion würden beschädigt, falls der Irak zusammenbricht. Also helfen sie großzügig mit Darlehen aus, überlassen ihre Satellitenfotos und senden einen aufstrebenden Politiker nach Bagdad, um mit dem ehemaligen Feindstaat volle diplomatische Beziehungen aufzunehmen: Donald Rumsfeld, der spätere Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten.

Als der Krieg 1988 endet, weil ihn keine Partei gewinnen kann, hat er den Irak 120.000 Tote, über 300.000 Verletzte und Auslandsschulden in astronomischer Höhe gekostet. Am meisten haben die irakischen Kurden gelitten. Da sie auf Seiten des Iran für ihre Autonomie kämpfen, setzt Saddam gegen ihre Dörfer Giftgas ein, das er mit deutscher Hilfe in seiner Chemiewaffenfabrik Samarra produzieren lässt. Über 5000 Menschen - Männer, Frauen, Kinder - sterben allein in der Stadt Halabja. Trotz der Misere, die nach dem Iran-Feldzug im Land herrscht, gibt Saddam seine Großmacht-Träume nicht auf. Nur zwei Jahre nach dem Ende des ersten Golfkriegs bedroht er Kuwait. Schon 1937 und 1961 dachten irakische Regierungen laut darüber nach, das Ölscheichtum heim ins Reich zu holen. In den Zeiten der Türkenherrschaft war es tatsächlich Teil der Provinz Basra gewesen. Saddam sollte schließlich 1991 mit dieser Forderung ernstmachen.

Noch heute sterben Kriegsteilnehmer als Spätfolge der irakischen Giftgasbomben. Zehntausende waren jahrelang in Kriegsgefangenschaft, die meisten von ihnen konnten auch nach ihrer Heimkehr nicht mehr zur Normalität zurückfinden. Die in der Zwischenzeit vom Westen anerkannte Schuld des Irak an dem Krieg wurde in Iran als diplomatische Genugtuung aufgenommen. Von der geforderten hohen Kriegsentschädigung wird Teheran in der derzeitigen Lage des Irak aber wohl kaum etwas sehen.

Tief verwurzelter Hass

Der Hass in der iranischen Gesellschaft, nicht nur auf Saddam Hussein sondern auch auf "die Iraker", ist immer noch tief verwurzelt. Ein Beispiel ist Abbas K., 47, ein "Chemiepatient". 1988 sollte er als iranischer Soldat in der nordirakischen Kleinstadt Halabdscha, wo 5000 irakische Kurden bei einem von Saddam Hussein angeordneten Giftgasangriff ums Leben kamen, Verletzte nach Iran geleiten. Nach dem Krieg kehrte der iranische Kurde unverletzt nach Teheran zurück, heiratete dort seine Jugendliebe Sepideh und wurde Vater zweier Kinder. Die Hustenanfälle damals nahm er am Anfang nicht sehr ernst. 1999 brachte ihn Sepideh schließlich dazu, einen Arzt aufzusuchen. Die Diagnose: Schädigung der Lunge durch Giftgas.

Der Gesundheitszustand von Abbas verschlechterte sich zunehmend. Wegen der hohen und andauernden Arztkosten musste die Eigentumswohnung in Teheran verkauft werden. Ein Antrag auf eine spezielle Behandlung in Deutschland wurde abgelehnt, weil Hunderte von akuteren Fällen Vorrang hatten. "Wir sind jetzt Untermieter, haben einen Berg Schulden, die wir nie zurückzahlen können, keine Hoffnung auf eine Genesung meines Mannes, dazu noch die Furcht, dass auch die beiden Kinder was von dem Gift abbekommen haben" sagt Sepideh. "Hass ist das Einzige, was mir geblieben ist ... ich könnte jeden Iraker mit der bloßen Hand umbringen, und jeden Iraner, der sich mit denen wieder versöhnen will, dazu", meint die 38-jährige verzweifelte Frau.

"Grenze des Friedens und der Freundschaft"

Seit dem Sturz Saddams jedoch wollen Teheran und Bagdad den Krieg ein für alle Mal vergessen machen. "Der Krieg ist Vergangenheit, die iranisch-irakische Grenze werden wir demnächst in eine Grenze des Friedens und der Freundschaft umwandeln", sagte der neue iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad dem irakischen Regierungschef Ibrahim al-Dschafari. Teheran will Bagdad beim Wiederaufbau helfen, Bagdad nimmt die Hilfe gerne an. Die Differenzen sind jedoch auch durch eine zukünftige Zusammenarbeit nicht vollkommen aus dem Weg geschafft.

Die engen Beziehungen Irans zu den schiitischen Glaubensbrüdern im Südirak ist den Sunniten in Bagdad ein Dorn im Auge. Einen "Gottesstaat" nach dem Muster Iran will man im Irak unbedingt vermeiden, besonders weil Teheran die politische Dominanz der schiitischen Mehrheit als eine "logische demokratische Konsequenz" einstuft. Teheran will aber keine weitere Krise mit dem Irak, weil dies auch zu einer Verwicklung der Amerikaner in einen solchen Konflikt führen könnte. Außerdem sind für Iran die Mausoleen der Schiiten-Imame Ali und Hussein in Nadschaf und Kerbela im Südirak von enormer religiöser Bedeutung. "Allein wegen der Pilgerfahrten würde das Land auch auf politische Konzessionen eingehen", meint ein arabischer Diplomat in Teheran.

vuk (mit Material von DPA)