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Interview: "Politisches Plutonium"

Der Hamburger Historiker Michael Wildt über die Radikalität des NS-Systems und die bleibenden Gefahren des Fanatismus.

Warum sind Forschungen über das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) heute noch wichtig?

Weil wir bis heute sehr wenig über die Täter des Völkermords wissen, vor allem über das RSHA, obwohl es die Zentrale der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden war.

Weshalb haben Sie Ihrem Buch zu dem Thema* den Titel "Generation des Unbedingten" gegeben?

Mein Buch behandelt Radikalisierung: Wieso eine Gruppe normaler, akademisch gebildeter junger Männer fähig war, den Genozid nicht nur zu planen, sondern ihn als Kommandochef auch auszuführen. Von 220 Männern im Führungskorps hatten zwei Drittel studiert und ein Drittel einen Doktorgrad. Sie waren 1933 zwar Antisemiten, aber keine Massenmörder. Doch sie alle wollten radikale Politik machen. Die Aussicht, im Machtzentrum des NS-Staats mitzuwirken, war verführerisch genug, um sich freiwillig dem Sicherheitsdienst (SD) und der Gestapo zur Verfügung zu stellen.

Welche Rolle spielte Heydrich dabei?

Heydrich war eine Persönlichkeit, die in gewisser Weise mitriss. Er konnte junge Männer davon überzeugen, dass seine Vorhaben Zukunft und Erfolg im NS-Reich versprachen. Er war weit mehr als ein Technokrat. Er konnte den Unterdrückungsapparat sehr zielgerecht aufbauen und politische Visionen der Nazis verwirklichen. Er wollte - mit Hitler und Himmler - eine andere Form von Staatlichkeit, eine "Volksgemeinschaft", die sich nicht mehr an gesetzliche Normen hielt, sondern nur von dem Ziel leiten ließ, in Europa eine rassistische Ordnung zu schaffen. Wobei die Polizei Staatschutzmacht für alle Bereiche sein sollte.

War Heydrich jemand, der alles tat, was Hitler wollte?

Die "Endlösung der Judenfrage" war kein Plan, der geradlinig auf den Genozid hinzielte, er bestand aus mehreren Radikalisierungsschritten. Es gab zwar von vornherein die Absicht, die Juden aus Deutschland und später aus den besetzten Gebieten zu vertreiben, wohin auch immer, sogar nach Madagaskar. Alle diese Pläne, an denen Heydrich immer beteiligt war, tragen schon den Keim des Völkermords in sich. Im Polen-Feldzug 1939 wurden zum ersten Mal SS-Kommandos zu Exekutionen an Polen und Juden eingesetzt. Das gleichzeitig gegründete Reichssicherheitshauptamt ist aus diesem rassistischen Massenmord entstanden.

Und führte zum systematischen Mord?

Ja, der geschah ab Sommer 1941 in der Sowjetunion durch die Einsatzkommandos der SS, als nicht mehr nur die Männer erschossen wurden, sondern auch Frauen und Kinder. Dann entstanden die Vernichtungslager der "Aktion Reinhard" und Auschwitz, wo mit Giftgas gemordet wurde. Im Prozess der "Endlösung" zog Heydrich immer die konzeptionelle und politische Federführung an sich und entwarf die radikalsten Vernichtungspläne.

Viele Teilnehmer an diesen Massenmorden blieben nach 1945 ohne Reue.

Zu Demokraten haben sie sich nie gewandelt, aber nach dem Krieg zeigt sich die Kraft der demokratischen Institutionen. Es ist ein Skandal, wenn der Adjutant von Einsatzgruppenleiter und Kripo-Chef Arthur Nebe später Chef der Bremer Kriminalpolizei wurde und zeitlebens nie vor Gericht kam. Aber in der Rechtsstaatsinstitution eines Landeskriminalamts Bremen 1959/60 konnte dieser Karl Schulz nicht mehr schaden.

Heißt das, unsere Demokratie macht einen Rückfall in die Barbarei unmöglich?

Solange wir darauf achten, dass die rechtsstaatlichen Einrichtungen intakt bleiben und alle vor dem Gesetz immer gleich behandelt werden, so lange werden Extremisten keinen Schaden anrichten können. Wenn sie allerdings eine Institution in die Hand bekommen wie das RSHA, dann ent-steht eine ungemein gefährliche Verbindung - das ist politisches Plutonium.

Bedeutet das "Unbedingte" in Ihrem Buchtitel: Einmal dem Ziel verschrieben, gibt es kein Zurück mehr?

Das ist es, was sie im Innersten zusammengehalten hat. Es macht diese ideologischen Fanatiker auf gespenstische Weise aktuell. Nach dem 11. September müssen wir die alten Begriffe wie Ideologie, Religion, Fundamentalismus, Fanatismus neu durchdenken. Nur so können wir die zerstörerische Energie auch jener erfassen, die für die USA-Anschläge verantwortlich sind.

Mit dem Völkermord der Nazis ist das nicht zu vergleichen. Wohl aber mit ihrem politischen Fanatismus und ihrer Menschenverachtung. Kommt diese Gefahr im neuen Gewand immer wieder über uns?

Möglicherweise. Es kann sein, dass jemand wie der New-York-Attentäter Mohammed Atta mehr mit Heydrichs Nazis zu tun hat als mit gläubigen Muslimen in einer Moschee.

Interview: Mario R. Dederichs / print
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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(