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Krematoriumsöfen: Der "Nullpunkt der Architektur"

Für die Erfurter Firma Topf & Söhne waren Krematoriumsöfen nur ein Randgeschäft. Auch wenn ihre Motive im Dunkeln liegen, den Entwurf des ersten Ofens für Auschwitz halten Forscher bereits für kriminell.

Der Massenmord in Auschwitz ist nicht denkbar ohne die "Fachleute": Architekten, die am Reißbrett Leichenkeller in Gaskammern verwandelten, waren ebenso in die Vernichtungsmaschinerie einbezogen wie Ventilationsingenieure oder Handwerker, die perfekt abdichtende Türen bauten. Auch die Experten für Krematoriumsöfen waren keine mordgierigen Monster vom Mars, sondern kamen aus der Zivilisation; sie haben in unserer Nachbarschaft gelebt.

Randgeschäft Krematoriumsöfen

Die 1878 gegründete Erfurter Firma Topf & Söhne war ein ehrgeiziges Unternehmen. Es stellte Dampfkesselanlagen und komplette Brauerei- und Mälzereianlagen her. In den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gehörte das Familienunternehmen zur Weltspitze. Unter dem Slogan "Topf in aller Welt" wurden beispielsweise Biermarken wie Carlsberg, Tuborg oder DAB ausgerüstet. Die Herstellung von Krematoriumsöfen war für die Firma dagegen nur ein Randgeschäft und machte nicht einmal drei Prozent vom Gesamtumsatz aus.

Historiker fanden weder Anzeichen dafür, dass die Brüder Topf fanatische Nationalsozialisten waren, noch dass sie Repressalien der SS ausgesetzt waren. Auch über die Motive des besonders aktiven Chefingenieurs Kurt Prüfer gibt es bisher keine gesicherten Aussagen. Prüfer war nachweislich oft in Auschwitz, schon zu einer Zeit, als das KZ noch nicht die berüchtigte "Todesfabrik" war.

Der Architekturhistoriker Robert Jan van Pelt vermutet, dass Prüfer zunächst vor allem die Öfen seiner Firma verkaufen und sich gegen den Konkurrenten Heinrich Kori aus Berlin durchsetzen wollte. Der renommierte Holocaustforscher von der Waterloo-Universität im kanadischen Ontario sagte Mitte Januar 2005 während eines Vortrags in Erfurt, er sei bei seinen Recherchen zum "Nullpunkt der Architektur", immer wieder auf die Firma "Topf & Söhne" und dabei vor allem auf den "deutschen Mitbürger von Erfurt, Kurt Prüfer", gestoßen.

"Krimineller Akt"

Bereits der 1940 entstandene Entwurf des ersten Ofens der Firma Topf & Söhne für Auschwitz enthalte einen kriminellen Akt, meinte Pelt. Kriminell an der Architekturzeichnung sei, dass danach die Asche der einzelnen Menschen nicht mehr identifiziert werden könne. Damit sei von Anfang an gegen die in Deutschland geltenden Gesetze verstoßen worden, die eine Mischung der Aschen in den Krematoriumsöfen nicht erlaubten, sagte der gebürtige Niederländer, dessen Onkel 1944 in Auschwitz umgebracht wurde.

Im Jahr 1941 plante die SS in Auschwitz-Birkenau die Errichtung eines riesigen Lagers für 50.000 bis 200.000 Gefangene. Prüfer habe für den Bau eines Großkrematoriums gesorgt, in dem pro Tag 1.400 Leichen eingeäschert werden könnten, wie Pelt sagte. Später habe man dem Unternehmen sogar angeboten, ein Krematorium zu bauen, das für die Verbrennung von bis zu 3.000 Leichen pro Tag ausgelegt gewesen sei.

"Öfen funktionierten tadellos"

"Die Firma Topf & Söhne wollte die Grenzen der Technologie dieser Zeit erweitern", sagte Pelt. Auch als Auschwitz zum Vernichtungslager für Juden wurde, sei Prüfer noch mehrfach vor Ort gewesen. Ein Bericht der Zentralbauleitung des Konzentrationslagers vom Januar 1943 belegt: "Die Öfen wurden im Beisein des Herrn Oberingenieur Prüfer der ausführenden Firma Topf und Söhne, Erfurt, angefeuert und funktionierten tadellos. Die Eisenbetondecke des Leichenkellers konnte infolge Frosteinwirkung noch nicht ausgeschalt werden. Dies ist jedoch unbedeutend, da der Vergasungskeller hierfür benützt werden kann."

Für Pelt liegt der absolute "Nullpunkt der Architektur" in der Planung und im Einbau jener Säulen, durch die das Gas in die "Badeanstalten für Sonderaktionen", wie es euphemistisch hieß, einströmen und wieder entweichen konnte. Auch Prüfer musste Detailkenntnis von dem Geschehen haben. Nach Angaben des Historikers Christian Gerlach soll er der Zentralbauleitung in Auschwitz am 19. Februar 1943 vorgeschlagen haben, warme Abluft in den "Leichenkeller 1" des Krematoriums II zu leiten. Also müsse er gewusst haben, dass es sich nicht wirklich um einen Leichenraum gehandelt habe, denn einen solchen zu beheizen sei ja widersinnig, schlussfolgerte Gerlach. Offensichtlich habe Prüfer die Gastötung zu "optimieren" versucht, denn das Zyklon B gehe erst bei 27 Grad Celsius in den gasförmigen Zustand über.

Für die von ihm akquirierten Aufträge habe Prüfer insgesamt 2.000 Reichsmark von seiner Firma erhalten, was drei bis sechs Monatsgehältern entsprochen habe. "Es ist fraglich, ob dies ein wesentlicher Antrieb für ihn gewesen ist", schrieb Gerlach.

Jochen Wiesigel/AP / AP