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Militär: Wie die Rote Armee die Wehrmacht zerrieb

Als die sieggewohnte Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angriff, erschien die Rote Armee als leichtes Opfer. Nach der Schlacht um Stalingrad war der Nimbus der deutschen Unbesiegbarkeit endgültig zerschlagen.

Der sowjetische Diktator Josef Stalin zog auf dem Höhepunkt der Kämpfe eine triumphierende Zwischenbilanz. "Den 27. Jahrestag der Roten Armee begehen wir im Zeichen neuer historischer Siege über den Feind", schrieb er in seinem Tagesbefehl am 23. Februar 1945 an die Rote Armee. Seit Mitte Januar waren seine dem Gegner weit überlegenen Truppen unaufhaltsam durch Polen und den Osten des Deutschen Reiches vorgestoßen.

Trotzkis Arbeiter- und Bauernarmee

Als die sieggewohnten deutschen Armeen am 22. Juni 1941 die Grenzen zur Sowjetunion überschritten, sahen sie in der Roten Armee noch einen vermeintlich schwachen Gegner. In der Tat war die 1918 von Volkskommissar Leo Trotzki gegründete Rote Arbeiter- und Bauernarmee (RKKA) anfangs ein meist leichtes Opfer für die kampferfahrenen und hochmechanisierten deutschen Divisionen. Doch mit jedem Kilometer, den die Armeen Hitler-Deutschlands auf sowjetisches Gebiet vordrangen, wuchs der Widerstand, stieg die Kampfkraft der Roten Armee.

Zur Fehleinschätzung Hitlers und der Aufklärung Fremde Heere Ost hatten zwei Faktoren entscheiden beigetragen: Der russisch-finnische Krieg 1939-1940, in dem die zahlenmäßig übermächtige Sowjetarmee das kleine Finnland nur mühsam bezwang, sowie die "Säuberung" des Offizierskorps der Roten Armee 1937-1939. Unter dem Vorwand einer angeblichen Verschwörung der Armeespitze ließ der Sowjetdiktator seinen Marschall Michail Tuchatschewski und sieben weitere Generalstabsoffiziere hinrichten. In kurzer Folge wurden weitere rund 30 000 Offiziere hingerichtet, fast die Hälfte des gesamten Offizierskorps.

Unter diesen Umständen drangen die deutschen Divisionen - insgesamt fast drei Millionen Soldaten - schnell und tief auf sowjetisches Gebiet vor. Die Kesselschlachten von Kiew und Minsk mit hunderttausenden von sowjetischen Gefangenen schienen den deutschen Militärstrategen im ersten Kriegsjahr Recht zu geben. Doch als die Operation "Taifun" zur Eroberung Moskaus im Oktober anlief, hatten sich die Deutschen schon verausgabt. Überdimensionale Panzersperren, knapp 23 Kilometer vom Kreml entfernt, markieren heute neben einem schwedischen Möbelgeschäft im Vorort Chimki die Stelle, an der die deutsche Offensive verpufft war.

Die Rote Armee war inzwischen zu einem mehr als ebenbürtigen Gegner der Deutschen mutiert. Beflügelt vom Aufruf zur Verteidigung der "Rodina" (Heimat), angepeitscht von fanatischen Kommissaren und nunmehr bestärkt durch die propagandistisch aufgearbeitete Erkenntnis, dass der deutsche "Blitz" doch gestoppt werden konnte, traten die Rotarmisten gegen den verhassten "Fritz" an. Zwar gab es im Sommer 1942 noch Rückschläge, spätestens bei Stalingrad war der Nimbus der deutschen Unbesiegbarkeit endgültig zerschlagen.

Panzerrudel und Menschenmassen

Die hinter den Ural evakuierten russischen Waffenschmieden lieferten Stalins Armee inzwischen Waffensysteme in Mengen, die die Produktionszahlen auf deutscher Seite um ein Vielfaches übertrafen. Panzerrudel rissen riesige Breschen in die deutschen Fronten, die zuvor von der Artillerie - laut Stalin die "Göttin der Schlachten" - zerschlagen worden waren. Zu Tausenden stürmten die Rotarmisten gegen die deutschen Stellungen - die Zahlenverhältnisse sprachen überall gegen die Hitler-Truppen.

Die kriegsbedingt geänderte Militärdoktrin brachte der Roten Armee im "Großen Vaterländischen Krieg" weitere Erfolge. Dass auch die militärische Hilfe der USA und Großbritanniens im Rahmen des Lend-Lease-Programms nicht unerheblich zum Erfolg der Roten Armee beitrugen, wurde von der sowjetischen Geschichtsschreibung nach dem Krieg meist ignoriert.

Als die Rote Armee gegen Ende 1944 die damalige Reichsgrenze erreichte, galt für die Sowjets nur noch die Parole "Doidjom do Berlina" (Wir erreichen Berlin). Die Schrecken von Tod und Vernichtung, die die deutschen Angreifer seit 1939 über ihre Nachbarn gebracht hatten, richteten sich nun endgültig gegen sie selbst. Zu dem Blutrausch trug auch der Propagandist Ilja Ehrenburg bei, dessen Flugblätter mit dem Aufruf zum Töten der Deutschen in der Truppe verteilt wurden. Im Januar 1945 begann die verzweifelte Massenflucht der deutschen Bevölkerung aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Am 30. Januar 1945 versenkte auf der eisigen Ostsee ein sowjetisches U-Boot den Dampfer "Wilhelm Gustloff", mehr als 5300 Menschen, meist Flüchtlinge, starben.

Machtlose Generäle

Hitlers Generäle standen der so genannten Winteroffensive machtlos gegenüber. Die Heeresgruppe "1. Weißrussische Front" unter dem Befehl von Marschall Georgi Schukow hatte Warschau erobert und seit Ende Januar bei Küstrin und Frankfurt Brückenköpfe an der Oder gebildet. Andere Heere drangen in Richtung Ostsee vor und riegelten Ostpreußen ab. Posen fiel nach vier Wochen Widerstand. Am 26. Februar brach die Rote Armee in Hinterpommern zur Ostsee durch, sechs Tage darauf erreichten sowjetische Panzer die Küste bei Kolberg.

Im Süden rückte die Heeresgruppe "1. Ukrainische Front" von Marschall Iwan Konjew vor. Sie belagerte seit dem 27. Januar die von den Nazis zur Festung erklärte Stadt Breslau (Wroclaw), die ein Volkssturm von alten Männern und Jugendlichen unter schweren Verlusten schließlich noch bis zum 6. Mai verteidigte. Das oberschlesische Industrierevier, das Stalin als "Gold" bezeichnet hatte, wurde bis Ende Februar fast unzerstört erobert.

Die deutschen Truppen im besetzten Polen wurden bei dem raschen Vormarsch der Sowjets über Hunderte von Kilometern aufgerieben oder eingekesselt. Es gab keine zusammenhängenden deutsche Verteidigungslinien mehr. Die pommersche Küstenstadt Kolberg, über die Hitler noch den Durchhaltefilm "Kolberg" drehen ließ, kapitulierte am 18. März. In Danzig (Gdansk) streckte die Wehrmacht am 30. März die Waffen, in der fast völlig zerstörten Stadt Königsberg (Kaliningrad) am 9. April.

"Wir wollen lieber sterben als kapitulieren"

Weder der militärische Zusammenbruch im Osten noch die apokalyptischen Szenen der Flüchtlingstrecks und Bombenangriffe auf deutsche Großstädte brachten den verblendeten deutschen Führer zum Einlenken. Propagandaminister Joseph Goebbels forderte am letzten Februartag 1945 über das Radio die Deutschen zum Durchhalten auf. "Wir wollen lieber sterben als kapitulieren."

Noch Ende März 1945 wies Hitler den "Mythos" zurück, dass die Rote Armee Berlin einnehmen könne. Bis Mitte April arbeiteten sich die sowjetischen Kräfte soweit an die Oder vor und rüsteten für den letzten Schlag gegen Nazi-Deutschland. Die Heerführer Schukow, Konjew und Konstantin Rokossowski konnten ihren von Stalin geschürten Wettlauf um die 80 Kilometer entfernte deutsche Reichshauptstadt beginnen.

Die Eroberung Berlins und das Vordringen bis zur Elbe waren schließlich der letzte Kraftakt der Roten Armee. Zwischen 15 und 20 Millionen Männer und Frauen hatten im Zweiten Weltkrieg in der Roten Armee gedient, Schätzungen von Historikern gehen von sieben bis zehn Millionen Toten in ihren Reihen aus. Auf allen Seiten forderten die letzten Kriegsmonate die höchsten Opferzahlen. Die siegreiche Rote Armee fand aber schon 1946 ihr Ende: Um den letzten Schritt von einer revolutionären Miliz zu einer regulären Armee zu vollziehen, wurde sie in Sowjetarmee umgetauft.

Günther Chalupa und Friedemann Kohler/DPA / DPA