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M.Streck: Frischluft Von einem, der nicht mehr in den Spiegel schauen kann

Frischluft-Kolumne - Michael Streck träumt vom Friseur
Starker Haarwuchs in Corona-Zeiten: stern-Autor Michael Streck erinnert sich an die Friseure seines Lebens.
© Thomas Frey / DPA / stern
Auf dem Schädel unseres Autoren Michael Streck sprießen die Haare als gäbe es kein Morgen. Und in ihm wächst die unerfüllte Sehnsucht nach Friseuren.

Vor Jahren besuchte ich in Schottland einen wissenschaftlichen Kongress zum Thema Haarwuchs, respektive: eigentlich genau das Gegenteil von Haarwuchs. Nämlich Glatzen und was man dagegen tun kann. Viele kluge Forscher traten dort auf, und sie sprachen über den Follikel mit solcher Empathie, Zuneigung und Liebe, als handele es sich um eine schöne Frau oder wenigstens Fußball.

Wobei der Ausgangspunkt dieser kleinen Bildungsreise indirekt tatsächlich beim Fußball wurzelte. Und zwar, einige werden sich erinnern, in der Haartransplantation des Sportlehrers Jürgen Klopp, über die die Nation und auch die komplette Redaktion des stern damals eifrig diskutierte und sich fragte, warum der das machte.

Volles Haar - das wollte auch Jürgen Klopp

Vermutlich und ganz simpel deshalb, weil ihm volles Haar besser gefiel als lichtes oder gar keins. Klopp hatte damit immerhin ein Thema aus der Tabu-Ecke befördert, das irgendwann die meisten seiner Artgenossen umtreibt: Alopecia, Haarausfall. Drei Viertel aller Männer bekommen es damit zu tun. Früher oder später, Tendenz früher. Bei den einen geht es schleichend, bei anderen rasant. Er beginnt harmlos als kleiner fleischfarbener Fleck auf dem Hinterkopf oder breitet sich von der Stirn aus wie ein Flächenbrand in der australischen Steppe. Es ist leider auch eine Mär, dass Haare vor allem dann weichen, wenn der Verstand wächst. Ein Blick auf Trump reicht. 

Jedenfalls weiß ich seit diesem Kongress mehr über Follikel. Wer den Experten lauschte, wie sie von diesen 100.000 Kreatingebilden auf dem menschlichen Schädel und zirka einer Million am ganzen Körper schwärmten, konnte regelrecht ehrfürchtig werden und sich ärgern, dass diese wundervollen Dinger alle paar Wochen vom Friseur schnöde geköpft werden. Sofern vorhanden, natürlich.

So viel zur Geschichte und zur Theorie.

Follikel lassen sich von Corona nicht zähmen

In der Gegenwart und in der Praxis verfluche ich gerade den Follikel, der sich von Corona nicht zähmen lässt. Mein Haar wächst und wächst und wächst, selbst das in der Nase, was – wie mir ein Friseur erklärte – ein untrügliches Zeichen fürs Altern ist. Schön ist anders. 

Die schrittweise Aufweichung des Lockdowns betrifft nun bedauerlicherweise nicht die Friseure, und also wächst das Haar umgekehrt proportional zur Wirtschaft.

Haare schief, aber ich blieb ihm treu

Ich träume inzwischen von kurzen Haaren. Ich ertappe mich sogar dabei, wie ich die Friseure meines Lebens durchdekliniere. Als Kind der berüchtigte Topfschnitt, ausgeführt von Meister Schütte, der seiner weitenteils männlichen Kundschaft frischgezapftes Pils kredenzte, natürlich immer volles Haus hatte und nach einem fröhlich-erfüllten Leben an Leber-Zirrhose verblich. Später in Amerika der Italo-Amerikaner Toni in der Ecke eines Einkaufszentrums in Westchester. Toni war von sehr überschaubarem Talent, aber günstig. Das Haar stand wirr, Frau und Töchter lachten nach meinen Besuchen. Ich blieb ihm treu.

In England dann der Zypriot Andrea, der nur die klassische Bürste, einst als Mecki geläufig, einigermaßen beherrschte. Danach Gus, auch Zypriot, aber anderer Stadtteil, der deutlich mehr konnte als die profane Bürste, vor allem reden. Was in der Nachbarschaft längst bekannt war und zu der unvergessen schönen Begebenheit führte, dass Gus einen Stammkunden fragte “Wie hättest du’s gerne?“ und der trocken “Vor allem ruhig, bitte“ entgegnete.

Toni, Andrea, Gus - ich vermisse sie alle

In Hamburg schnitt mir bis Corona ein Fan des FC St. Pauli die Bürste, quatschte zwar auch ohne Unterlass, aber glücklicherweise über Fußball. Außerdem stutzte er meine Nasenhaare.

Ich vermisse sie alle. Meister Topfschnitt, selig. Toni, Andrea, Gus und St. Pauli.

Dunkle Erinnerungen an eine Zeit vor 20 Jahren

Die Follikel auf meinem Schädel arbeiten, als gäbe es kein Morgen. Ich beginne sie und mich zu hassen bei jedem Blick in den Spiegel. Alle paar Minuten verstoße ich gegen die Grundregel der Corona-Zeiten und fahre mir über den Schopf, nur um festzustellen: Sie sind noch da.

Gestern habe ich mir eine Haarschneide-Maschine bestellt, verschiedene Aufsätze, sogar mit Nasenhaartrimmer, 29 Euro. Schnäppchen. Ein erster Versuch vor etwa 20 Jahren mit einem ähnlichen Gerät endete jämmerlich, grenzte gefährlich an Selbstverstümmelung und generierte bei Mitmenschen Blicke tiefen Mitleids. Aber vor 20 Jahren gab es auch noch kein YouTube und entsprechende Ratgeber-Clips. Jetzt gibt es Tausende von Leidensgenossen, die Filmchen darüber ins Netz stellen, wie man es sich selber macht. Es kann nicht so schwer sein. Andere tun es ja auch. 

Montag kommt die Guillotine

Meine Frau ist eher skeptisch. Sie weiß seit vielen Jahren des Miteinanders, dass ich der zweifelsfrei ungeschickteste Mensch bin, der je über unseren Planeten geschritten ist.

Es muss trotzdem sein. Montag kommt die Haar-Guillotine. Es wird ein Festtag. Falls doch alles schief geht, wovon selbstverständlich auszugehen ist, werde ich mich damit trösten, ohnehin nicht unter Menschen zu können. Bei Video-Konferenzen bleibt die Kamera einfach aus. Was habe ich schon zu verlieren? Außer Haaren hoffentlich.


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