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M.Streck: Frischluft Elchgeweihe, Fußmatten und James Bond – von wirren Träumen in Corona-Zeiten

Corona sorgt für wirre Träume
Die Corona-Krise sorgt für wirre Träume
© Vladislav Muslakov / Unsplash
Überall auf der Welt erleben die Menschen gerade verrückte Dinge und posten ihre Erlebnisse aus dem REM-Reich. Unser Autor Michael Streck gehört auch dazu.
Neben der uns allen bekannten Pandemie gibt es offenkundig noch ein Phänomen, dass die Menschen global eint: Wir träumen wirres Zeug. Auf Twitter existiert unter "We dream of Covid-19" ein Account, der merkwürdige Träume sammelt, auch auf Instagram und Facebook schildern Leute mit von Tag zu Tag zunehmender Frequenz ihre nächtlichen Erlebnisse aus dem REM-Reich.

Corona sorgt für wirre Träume

Die amerikanische TV-Moderatorin Heidi Voight schrieb, sie habe geträumt, an einem Wasserfall zwei prächtige Elchgeweihe gefunden zu haben. Als sie die aber fotografieren wollte, verwandelten die Geweihe in ordinäre Auto-Fußmatten. Sie flehte regelrecht: Kann mir jemand erklären, was das bedeutet? Konnte aber keiner schlüssig, obschon sich Forscher, Psychiater, Therapeuten allerorten momentan an REM und Covid abarbeiten. Die Google-Suchanfragen zum Thema haben sich vervielfacht. Irgendwann werden dicke Bücher über virusbefallene Träume erscheinen. Die Traumforscher jedenfalls müssen nicht in Kurzarbeit. Eine von denen, die Wiener Psychologin Brigitte Holzinger, erzählte der "Süddeutschen Zeitung" unlängst, viele Patienten hätten vermehrt Angstträume. Einige träumten sogar vom Putzen.
Ganz so schlimm ist es bei mir noch nicht. Ich träumte vor kurzem, ich könnte fliegen. Per se kein schlechter Traum. Es war so ein bisschen wie bei “Karlsson auf dem Dach“, dem Helden aus Astrid Lindgrens gleichnamigen Buch. Die Älteren unter Ihnen werden sich an Karlsson vielleicht erinnern. Er trug ein kariertes Hemd und Hochwasserhosen, hatte rötliche Locken und zugleich den Ansatz einer Glatze, war obendrein leicht übergewichtig und besaß zum Zwecke verbesserter Flugleistung einen kleinen Propeller auf dem Rücken, den er ein- und ausfahren konnte. So brummte Karlsson über die Stockholmer Dächer und klopfte an Fenster von ungefähr gleichaltrigen Nichtfliegern. Recht ähnlich flog auch ich, kreiste aber lediglich um eine schnöde Fichte in unserem Vorgarten – mithin eine recht ärgerliche Verschwendung der Ressourcen.

Was bedeuten die Träume?

Vielleicht könnte nun ein Psychiater meinen Traum analysieren und mir erläutern, warum ich den Traum vom Fliegen nicht etwa dazu nutzte, mir wenigstens den Hafen und die Elbphilharmonie von oben anzusehen. Oder einen Abstecher über den Kanal zu unserer Tochter in London zu machen, sie dort Karlsson-mäßig im dritten Stock am Fenster ihrer kleinen Wohnung zu überraschen und ihr bei der Gelegenheit auch gleich Klopapier zu überbringen, das dort immer noch Mangelware ist.
Weshalb in Großbritannien, wie man liest, viele Bürger nächtens von leeren Supermarktregalen halluzinieren. Wohingegen Glücklichere davon träumen, in James-Bond-Filmen mitzuwirken. Ein Experte deutelte weise, dies läge daran, dass wir im Alltag momentan nicht viel erleben, bestenfalls 08/15 und die Sehnsucht nach Aktion und 007 ergo in Träume verlagern.

Sex im Lieblingsrestaurant

Ein Träumer beichtete noch, wie er Sex in einer Ecke seines Lieblingsrestaurant hatte, selbstverständlich erwischt wurde und mit einem lebenslänglichen Besuchsbann bestraft wurde. Darüber war er so verschreckt, dass er verständlicherweise aufwachte. Der Sex immerhin war gut. Was man nicht behaupten kann von einer jüngeren Dame, der im Traum der Harry Potter-Darsteller Daniel Radcliffe erschien, gern knuddeln und knutschen wollte, sie ihn aber ziemlich kühl und aseptisch mit dem Hinweis "erst Hände waschen" abbügelte. Covid, monierte sie am Morgen danach bitter auf Twitter, befalle inzwischen auch Romanzen.
Verblüffend verbreitet auf der Insel sind Träume über verstopfte Abflüsse und Toiletten, wobei in diesem Fall die Grenzen zwischen Realität und Traum definitiv fließend sind, wie wir aus leidvoller Erfahrung bezeugen können.
Meine beneidenswerte Frau träumt im Übrigen nach wie vor sehr britisch. Das war schon vor Corona so. Mal war sie von der Queen zum Tee eingeladen, mal beriet sie die frühere Premierministerin Theresa May in Brexit-Fragen in deren Küche in der Downing Street und wunderte sich, dass in Mays Kühlschrank nur Orangensaft stand.
Manchmal wünschte ich mir, der Trump sei auch nur ein schlechter Traum. Er ist aber leider so real wie verstopfte Klos in England. Ich werde meine Frau bitten, demnächst mal von ihm zu träumen. Sie war ja schon im Buckingham Palace und in der Downing Street, nächster Stopp Weißes Haus. Vielleicht könnte sie…nun ja…
Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

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